Sport-Signale

„Der freche Kavalier” zum Schmeling-Comeback

(ERICH STÖR-47): Während sich Max Schmeling, Conny Rux, Richard Grupe, Walter Neusel, Richard Vogt, Hein ten Hoff und andere im Deutschland durch die Nachkriegszeit boxen, macht Errol Flynn in dem autobiographischen Boxer-Film Der freche Kavalier (Gentlemen Jim), der Anfang 1947 in die Kinos kommt, mit unwiderstehlichem Charme Furore und straft dabei die Mär von den ungehobelten Faustkämpfern Lüge.

© Filmverlag Christian Unucka

Max Schmeling feiert nach Kriegspause und im reifen Alter von 42 Jahren ein Comeback im Frankfurter Waldstadion. Er muss nach achtjähriger Boxpause nur deshalb in den Ring klettern, weil er finanziell ziemlich klamm ist. Und obwohl „Maxe” – er hat 17 Jahre zuvor gegen Jack Sharkey den WM-Titel gewonnen–, nicht in allen Belangen überzeugen kann, knockt er in diesem wichtigen, ersten „Aufbaukampf” den Magdeburger Richard Vollmer in der 7. Runde aus. Fast 40 000 Zuschauer sind bei diesem Fight dabei, was umso beachtlicher ist, als zu dieser Zeit an Sonntagen keine Straßenbahnen unterwegs sind und die Taxifahrer bei ihrer Preisgestaltung nicht zimperlich sind. Verlangt werden – so berichtet damals jedenfalls das Magazin „Der Spiegel” – für eine Fahrt vom Hauptbahnhof in den Stadtwald glatte 200 Reichsmark. Wer sich das nicht leisten kann, kommt zu Fuß oder Fahrrädern. Das ist die harte Realität und das wirkliche Leben hierzulande. Der Film dagegen erzählt nett und phantasievoll die Geschichte vom James J. Corbett, der als junger Bankmensch von einer glanzvollen Laufbahn als Karriere als Boxer träumt, und tatsächlich Weltmeister im Schwergewicht wird, als er 1892 dem bis dahin einzigen und bereits seit zehn Jahre amtierenden Champion James L. Sullivan schlägt. Weiterlesen →

„Laura”: Thriller, Mysterie oder Romanze?

(ERICH STÖR-47): Über eine Frage streiten sich Kritiker und Cineasten schon beim Erscheinen von Laura in den USA 1944 und auch Jahre später noch in Deutschland. In welches Genre gehört der Streifen? Ist es „nur” ein Krimi oder ein „Film noir” der schwarzen Serie, ist es ein Mysterie-Film oder ein Thriller, vielleicht aber auch nur eine Romanze? Die Antwort ist schwierig, vereinigt der Film in sich doch Elemente all dieser Gattungen.

© Filmverlag Christian Unucka

Der 9. Mai 1947 ist ein Freitag und fast genau auf den Tag genau zwei Jahre nach der bedingungslosen Kapitulation ist die Lage der Menschen immer noch von vielen alltäglichen Sorgen und Nöten geprägt. In mehreren Städten treten sogar Hunderttausende wegen der unzureichenden Versorgungslage und der mangelhaften Ernährung in einen Streik, darunter sogar die Stadtverordneten von Braunschweig. An diesem Nachmittag aber startet auch der amerikanische Film Laura, ein Reißer, der es in diesem prächtigen Frühsommer in sich hat. So als ob der Wettergott sich dafür entschuldigen möchte, dass er mit der bitteren Kälte des Winters die Menschen drangsaliert hat, lässt er die Temperaturen nach oben klettern. In Hamburg zeigen die Thermometer an diesem Tag schon über 25 Grad Celsius, in Frankfurt werden sogar 30 Grad gemessen. An diesem herrlichen Tag also startet der vielschichtige Film Laura, ein so genannter Streifen der „Schwarzen Serie”, die in den Vierziger Jahren in den USA Hochkonjunktur hat. Weiterlesen →

„Der Millionär” oder das Hohelied vom braven Mann

(ERICH STÖR-47): Einer der ersten Filme, die 1947 in die Lichtspielhäuser kommen, ist eine deutsche Komödie: sie heisst Der Millionär ist aber unter dem Alternativtitel Geld ins Haus ebenfalls bekannt. Die Komödie handelt von dem Postboten Leopold Habernal, der nach einer Erbschaft zum reichen Mann wird, aber entgegen aller Erwartungen seiner Mitmenschen weiter seine Post austrägt. Es ist das Hohelied vom braven Mann.

© Filmverlag Christian Unucka

In den ersten Monaten nach dem Krieg beschäftigen also nicht nur zahlreiche „Trümmerfilme” die eifrigen deutschen Filmemacher, es wird auch schon wieder recht emsig am Lustspiel-Genre gearbeitet – wenn in diesem Fall auch nur indirekt. Denn es handelt sich bei diesem belanglosen Streifen nicht um eine Nachkriegsproduktion, sondern um einen Überhang-Film aus der Zeit vor der deutschen Kapitulation. Die Münchener Bavaria hat das Stück von November 1944 bis in den Januar 1945 gedreht, für eine Uraufführung reicht es in den letzten Kriegsmonaten nicht mehr. So genehmigen erst später die Besatzungsbehörden die Vorführung, darunter auch in Frankfurt. Der Film  wirkt freilich irgendwie ambivalent. In der Nazi-Zeit, als ganz Europa schon in Schutt und Asche versunken ist, soll diese seichte Unterhaltungsware die Menschen zum Durchhalten animieren, zwei Jahre später dient er unter anderen Voraussetzungen dazu, der Bevölkerung das schwierige Leben im Deutschland der Nachkriegszeit wenigstens filmisch zu versüßen. Weiterlesen →

In der Scala segeln sie „In Ketten um Kap Horn”

(© ERICH STÖR-47): Irgendwie ist das Drumherum noch immer ein wenig beängstigend – als die Scala-Lichtspiele am 21. September 1947 mit dem Film In Ketten um Kap Horn den Betrieb wieder aufnehmen, bietet die Frankfurter Innenstadt ein Bild der Zerstörungen. Doch die Menschen strömen in die Kinos, Unterhaltung ist gefragt, auch wenn es nicht immer die beste ist… 

© Filmverlag Christian Unucka

Das Kino befindet sich ganz am oberen Ende der Schäfergasse (Hausnummer 29). Die Große Friedberger Strasse, die Alte Gasse, Petersstraße und die Vilbeler Straße bilden hier eine große Kreuzung; einst hieß dieser Ort nach der nebenan stehenden Kirche auch Petersplatz. Die inzwischen notdürftig hergerichtete, aber freundlich-helle Fassade des Traditionshauses täuscht freilich nicht über die Trümmerberge hinweg. Das Haus links neben dem Eingang ist völlig zerstört, rechter Hand sind die Außenfronten übersät mit Einschlägen von Bombensplittern, die kaputten Fensterhöhlen sind nur provisorisch hergerichtet. Und direkt neben dem Eingang, wo die Menschen in einer langen Schlange anstehen, liegen immer noch Berge von Schutt. Die Menschen, die von Alltagssorgen geplagt werden, suchen hier nach Zerstreuung, wollen etwas erleben. Kino heisst das Zauberwort, auch bei dem Film In Ketten um Kap Horn. Es ist allerdings ein bisschen viel an Dramatik, was den Zuschauern da vorgesetzt wird, auch wenn das Ganze auf einem Tatsachenbericht von Richard Henry Dana (Brian Donlevy) beruht, der selbst auf dem Schiff mitsegelte. Weiterlesen →

Destry und „Der große Bluff” mit dem Vogelkäfig

(ERICH STÖR-47): Einer der ersten (und besten) Western, die in den westlichen Besatzungszonen in die Kinos kommen, ist der 1939 gedrehte Film Der große Bluff mit James Stewart und Marlene Dietrich. Dabei darf ausreichend geschmunzelt werden, zählen doch die heiteren Szenen zum Besten in diesem Genre, vor allem, wenn der von den Bösewichten erwartete Revolverheld Destry mit dem Vogelkäfig aus der Postkutsche steigt und sich (anscheinend) der Lächerlichkeit preisgibt. 

© Filmverlag Christian Unucka

Die vielen Jugendlichen zwischen der Zugspitze und Flensburg, die in der Nazi-Zeit solche Filme nicht mehr gesehen haben, mögen das natürlich, auch wenn im Grunde genommen der gerade überstandene Krieg auf der Leinwand mit ballernden „Kleinformat” weitergeführt wird. Die raue und wilde Kleinstadt Bottle Neck (Flaschenhals) jedenfalls wird von ziemlich rüden Gangstern beherrscht (am der Spitze Brian Donlevy), der ehrenwerte Sheriff ermordet; als Witzfigur wird vom korrupten Bürgermeister (und Richter) der alte Säufer Washington Dimsdale eingesetzt. Der jedoch hört unerwartet mit dem Trinken auf und holt seinen Freund Destry in die Stadt, um das böse Gesindel zu verjagen. Doch dieser Destry hält sich – zur Enttäuschung von Dimsdale – eher an die Buchstaben des Gesetzes anstatt das Schießeisen zu benutzen. Es ist klar, dass  in diesem Film das Gute siegen wird – und ideologisch gesehen ist der Streifen gerade deshalb auch bestens dazu geeignet, die alliierten Maßnahmen zur „Umerziehung und Demokratisierung der Deutschen” in ihrer Zone zu befördern.  Weiterlesen →

Nach dem Fußballfest „Die Glocken von St. Marien”

(ERICH STÖR-47): Die Kombination Sport und Film war schon immer eine faszinierende Angelegenheit; so wird auch der September-Anfang 1947 ein höchst interessantes Wochenende; am Samstag zunächst ein Fußball-Freundschaftsspiel zwischen Eintracht Frankfurt und Schalke 04 (2:1) im Waldstadion, tags darauf den Film Die Glocken von St. Marien mit Ingrid Bergman und Bing Crosby.

© Filmverlag Christian Unucka

Eineinhalb Jahre nach der Kapitulation ist das Leben noch nicht richtig in Fahrt gekommen, aber der Fußball lockt die Massen genauso wie die Filme in den wieder eröffneten Kinos der Stadt. Das Waldstadion – in der Nazizeit war es „Reichssportfeld” genannt worden – ist schon acht Tage vor Ende des Krieges am 1. Mai vom Stadtkommandanten Joseph Z. Zwahlen im Auftrag der US-Armee beschlagnahmt worden (“Dieses Eigentum wird von den amerikanischen Streitkräften benötigt”). Das Stadion wird nun erst einmal als „Victory Park” bezeichnet, und gelegentlich gibt die Besatzungsbehörde das Gelände für erste Großveranstaltungen deutscher Organisationen frei. Genau so auch am Samstag, dem 6. September 1947, als der FC Schalke zum Freundschaftsspiel anreist. Rund 40 000 Menschen, so wird damals geschätzt, pilgern nach Niederrad in den Stadtwald. Sie kommen zu Fuß, vor allem mit Fahrrädern, aber auch auf Lastwagen und anderen fahrbaren Untersätzen. Der Zeitzeuge Walter H. berichtet: „Das Wochenende ist ein großes Fest, das für mich einen Tag später mit einem Kinobesuch abgerundet wird. Wenige Tage zuvor ist der Film Die Glocken von St. Marien in der amerikanischen Besatzungszone gestartet worden und läuft auch in Frankfurt.” Weiterlesen →

„…und über uns der Himmel” im Bieberbau

(© ERICH STÖR-47): Mit dem Film  …und über uns der Himmel (Hauptrolle: Hans Albers) eröffnet das Bieberbau-Kino in Frankfurt am Main nach dem Zweiten Weltkrieg seine Pforten. Es ist ein für die damalige Zeit typischer Film, der auch das so genannte Wirtschaftswunder psychologisch befeuert. 

© Filmverlag Christian Unucka

Der Bieberbau an der Hauptwache ist ein traditionsreiches Frankfurter Kino. Schon vor 1910 ist die Räumlichkeit in der Biebergasse 8 – zwischen eben jener Hauptwache und der Großen Bockenheimer Straße (in Frankfurt auch als Freßgass’ legendär und bis zum Opernhaus führend) – unter den Namen Intimes Theater Trocadero als Kleinkunstbühne genutzt worden. 1915 hat es erste „kinematographische Vorstellungen” gegeben und bereits neun Jahre später wird ein Saal für 400 Personen eröffnet. Der Aufbau nach der Bomben-Zerstörung erfolgt nach Kriegsende sehr rasch und die Eröffnung mit einem Albers-Streifen im Dezember 1947 verheisst eine durchaus hoffnungsvolle Zukunft, doch das Theater überlebt noch nicht einmal die nächsten 20 Jahre. Das vom Fernsehen ausgelöste Sterben der Lichtspielhäuser führt 1965 zur Schließung des Kinos und zum Abriss des Gebäudes. Weiterlesen →

„Tropische Abenteuer” zwischen Schutt und Asche

(ERICH STÖR-47): Im Jahr 1946 kommt ein Dokumentarfilm des belgisch-amerikanischen Filmemachers Armand Denis in die deutschen Kinos, der den Zuschauern erstmals nach dem Krieg wieder die fernen und exotischen Länder und ihre Eigenheiten näher bringt. Zwischen Schutt und Asche einer zerstörten Stadt ist es eine unerwartete Abwechslung.

© Filmverlag Christian Unucka

Der Film Tropische Abenteuer ist 1943 von der unabhängigen United Artists herausgebracht worden und zählt zu den ersten Streifen, die von der US-Militärzensur zur Aufführung in den Kinos der eigenen Zone freigegeben werden. In Frankfurt ist er dann im Jahr 1947 unter anderen auch im Kino in nördlichen Stadtteil Bonames zu sehen. Armand Denis gibt in dem 90 Minuten einen fesselnden Einblick in die Eigenarten des afrikanischen Kontinents, beobachtet Fauna und Flora und beschäftigt sich mit den kultischen Riten in Afrika und Asien. Denis bringt außerdem eine Elefantenjagd in Südindien und eine Kobra-Beschwörung in Burma auf die Leinwand. Das ist einerseits recht interessant, aber gleichwohl nicht sonderlich aufregend. Viel spannender als der Film ist freilich die wechselvolle Lebensgeschichte des Naturforschers, der sowohl Wissenschaftler, Erfinder und Naturforscher war. Weiterlesen →

„Das Haus der Lady Alquist” und die MPEA

(© ERICH STÖR/DiK-47): Das Haus der Lady Alquist hat bei seinem Erscheinen in den USA 1944 überwiegend positive Kritiken bekommen. Am 5. September 1947 wird der Thriller in Berlin in einer deutschen Fassung gezeigt und kommt danach auch in den anderen Besatzungszonen zur Aufführung, darunter in Frankfurt. 

© Filmverlag Christian Unucka

Der Film ist in der Nachkriegszeit einer der ersten Streifen in deutscher Sprache, wird von der MPEA (Motion Pictures Export Association) synchronisiert und gehört zu jener Spezies von Filmen, die zwischen 1945 und Anfang 1948 vom so genannten „Amerikanischen Allgemeinen Filmverleih” der US-Militärbehörden für die Aufführungen zugelassen werden, auch wenn alle Filme Produkte der „Major Companies” (u. a. MGM, Universal, Columbia, United Artist, Warner, Fox, Paramount, RKO) sind. Die MPEA wiederum ist die Export-Organisation dieser Studios und hat bei der Bavaria in Geiselgasteig  vor den Toren Münchens eigens ein Synchronstudio für diese Filme eingerichtet. Weil Das Haus der Lady Alquist sich entschieden von der seichten Kost abhebt, die deutsche Zuschauer in den vergangenen Jahren gewohnt sind, wird der MGM-Thriller mit Charles Boyer, Ingrid Bergman (Oscar) und Joseph Cotton zum fast selbstverständlichen Erfolg im deutschen Trümmerfeld. Die Zuschauer gehen aus dem Kino, vorbei an den Ruinen der zerstörten Städte und zurück zu ihren brennenden Alltagsproblemen, zum Beispiel, ob es für den kommenden Winter genügend Heizmaterial gibt, und genügend Lebensmittel zu bekommen sind. Insofern erfüllt auch Das Haus der Lady Alquist den Zweck der Ablenkung, genau wie im „Dritten Reich” die Produkte der Ufa, Terra oder Tobis – nur unter anderen Voraussetzungen. Weiterlesen →

„Das große Treiben” nach Hammelfleisch-„Genuss”

(ERICH STÖR-47): Ein englischer Abenteuerfilm, der in Australien spielt und sich auf eine wahre Begebenheit bezieht, kommt im September 1947 in die deutschen Kinos; er zeigt eine  Kombination von persönlichem Engagement in Kriegszeiten sowie Leidenschaft und viel Romantik, garniert mit überaus beeindruckenden Landschaftsaufnahmen: Das große Treiben, so der Titel, bezieht sich auf ein Ereignis zu Beginn des Zweiten Weltkrieges, das eine Gruppe mutiger Farmer bei der Rettung ihrer Tiere zeigt.

© Filmverlag Christian Unucka

In Frankfurter Metzgereien wird gegen Vorlage der Lebensmittel-Marken im Herbst des Jahres 1947 gelegentlich auch Hammelfleisch aus Australien verkauft. Der Geschmack ist, gelinde gesagt, wenig schmackhaft, und so ergibt sich eine gewisse Abneigung gegen das Vieh aus dem fünften Kontinent. Mit Vorbehalten geht da mancher Besucher in einen Film, der in Australien spielt, wobei das natürlich Blödsinn ist. Der Film entschädigt dann auch für das zähe Fleisch auf dem Mittagstisch, zumal die Geschichte spannend genug ist. Als nämlich japanische Truppen im Jahr 1942 dem australischen Kontinent immer näher kommen, werden die Einwohner von der Regierung aufgefordert, ihre Heimat zu verlassen, ihre Habe zu vernichten und auch die Rinder zu töten. Doch eine kleine Gruppe von Ranchern und Führung von Dan McAlpine beschließt stattdessen, mit dem Vieh einen Monate anhaltenden Treck quer durch das endlose Land zu unternehmen. 1600 Meilen weit! Weiterlesen →