Boulevard der Dämmerung

Illustrierte Filmbühne Nr. 1136 (E. S.) – Der von Billy Wilder meisterhaft inszenierte und von Kameramann John Seitz herausragend fotografierte Film Boulevard der Dämmerung – die Frankfurter Erstaufführung ist Anfang Mai 1951 im Metro im Schwan – kritisiert zwar außergewöhnlich offen das glamouröse Image der Filmmetropole Hollywood, ist aber letztes Endes doch auch wieder selbst nur ein Produkt dieser „Traumfabrik”.

Das Selbstbildnis vom Sunset Boulevard – so lautet der amerikanische Originaltitel – ist eine Mischung zwischen Dichtung und Wahrheit. Es geht dabei um die Tragödie der einst überschwänglich gefeierten Stummfilmdiva Norma Desmond (Gloria Swanson), die nach dem Ende ihrer einst glanzvollen Karriere und besessen von dem Wunsch nach einem Comeback den jungen, aber mittellosen Drehbuchautor Joe Gillis (William Holden) an sich bindet, um mit seiner Hilfe ihren Traum von der Rückkehr auf die Leinwand zu verwirklichen. Anfangs unterstützt Gillis sie bei ihren Selbsttäuschungen, wendet sich aber bald ab von ihr und macht sie unbarmherzig auf die raue Wirklichkeit ihres Niedergangs aufmerksam. Im düsteren Leben inmitten einer Welt musealer Erinnerungen in ihrem Prunkhaus nistet tatsächlich in allen Ecken der Traum von neuem Ruhm, der von dem ihr sklavisch und bedingungslos ergebenen Butler Max (Erich von Strohheim) kritiklos unterstützt wird – wohl auch deshalb, weil er nicht nur ihr früherer Regisseur, sondern auch ihr erster Ehegatte war.

Doch die brutale Rücksichtslosigkeit, mit der Joe Gillis immer wieder Norma Desmond mit der Wahrheit konfrontiert, kratzt an ihrem eigenen Selbstverständnis: sie greift zur Pistole und erschießt Gillis. Der tödlich getroffene Drehbuchautor stürzt ins Schwimmbecken; es ertönen heulende Sirenen, die Mordkommission tritt auf, Neugierige tummeln sich vor der Villa, Reporter eilen geschäftig umher. Und im Licht der Wochenschau-Scheinwerfer wiegt sich Norma Desmond in dem Glauben, dies alles gehöre zu ihrem neuen Film… Die Geschichte dieses Films spiegelt die Geschichte der erbarmungslosen Hollywood-Maschinerie wider.

Starke autobiografische Züge geben dem Ganzen eine düstere Note. Denn Gloria Swanson, selbst einst ein berühmter Stummfilmstar und schon lange nicht mehr im Filmgeschäft, spielt nicht nur Norma Swanson, sondern sie i s t es auch. Nur mit dem Unterschied, dass sie selbst mit diesem Wilder-Film noch einmal – anders als Norma Desmond – in das Licht der Öffentlichkeit zurückkehren kann.

Auch andere spielen sich selbst: Erich von Strohheim, der den Butler und Ex-Ehemann gibt, war in Gloria Swanson großer Zeit tatsächlich einer ihrer Regisseure, und Cecil B. DeMille, der hier als ihr früherer Entdecker und Förderer auftritt, war es ebenfalls. Doch jetzt ist sie auch bei ihm chancenlos. Und auch der große Komiker Buster Keaton darf am Ende seiner Laufbahn noch einmal mitmimen…

Daten zum Film

Boulevard der Dämmerung (Illustrierte Filmbühne Nr. 1136 und Das Neue Filmprogramm) ist ein amerikanisches Drama der Paramount aus dem Jahr 1950 mit dem Originaltitel Sunset Boulevard. Als Darsteller in dem 110 Minuten langen Film spielen Gloria Swanson (als alternder Stummfilmstar Norma Desmond), Erich von Stroheim (als ihr früherer Regisseur, Ehemann und jetziger Butler Max von Mayerling), William Holden (als junger Drehbuchautor und Normas Liebhaber Joe Gillis), Nancy Olson (als Betty Schaefer), Fred Clark (als Sheldrake), Cecil B. DeMille (als Cecil B. DeMille), Buster Keaton (als Buster Keaton). Neben Produzent Charles Brackett sind auch Regisseur Billy Wilder und D.M. Marshman jr. am Drehbuch beteiligt. Die Kamera führt John Seitz, die Musik stammt von Franz Waxman. Auszeichnungen: Oscars 1951 für die drei Drehbuchschreiber, Oscar (für die beste dramatische Musik an Franz Waxman), Oscar für die beste Ausstattung in Schwarz-Weiß. Die wichtigsten deutschen Synchronsprecher sind Till Klockow (Gloria Swanson), Paul Klinger (William Holden), Walter Holten (Erich von Strohheim).

Anmerkung: Wolfgang Preiss leiht in der Synchronfassung vier verschiedenen Schauspielern seine Stimme. – Premiere am 10. August 1950 in New York City, am 7. April 1951 erstaufgeführt in der Bundesrepublik. In Frankfurt gestartet am 4. Mai 1951 im Metro im Schwan.