Das Aktualitätenkino

Von Erich Stör (Frankfurt am Main)

In den Nachkriegsjahren wurden in Frankfurt viele neue Kinos aus dem Boden gestampft. Während aber in Stadtteilen und Vororten relativ schnell (schon im August 1945) die ersten Häuser wieder zu spielen begannen, da sie trotz der vielen  Bombenangriffen oft unbeschädigt geblieben waren, entstanden in der Innenstadt im Laufe der Jahre oft große Paläste. Zwar begann es auch hier zunächst mit wieder aufgebauten oder renovierten alten Spielstätten (Bieberbau, Scala, Lichtburg, Hansa, Harmonie, Schauburg), aber bald kamen das Eden und das Roxy (beide November 1948) als Neubauten hinzu. Zuvor war schon das Luxor am Hauptbahnhof eröffnet worden, im September 1949 wurde erstmals im mächtigen Filmpalast (1500 Plätze) gespielt, das Metro im Schwan folgte drei Monate später (1200 Plätze).

AkiEine Besonderheit in diesen Jahren stellte das „Aktualitäten-Kino“ im Frankfurter Hauptbahnhof dar, das – am Freitag, 25. November 1950 –  von Kabarettist Werner Finck mit launigen Plaudereien eröffnet wurde. Das unter den Kurznamen AKI firmierende Unternehmen sah sich nicht als Konkurrenz zu den etablierten Kinos, sondern wollte (und sollte) vor allen den wartenden Reisenden die Zeit vertreiben. Von 9.00 bis 24.00 Uhr gab es jeweils 50 Minuten lange Programme, die aus den wichtigsten Ereignissen der vier Wochenschauen zusammengeschnitten wurden. Dazu liefen meist ein Zeichentrickfilm sowie Kurzfilme mit interessanten und vergnüglichen Themen aus allen denkbaren Gebieten des Lebens. So entstand für die Besucher eine Art buntes, bebildertes Magazin.

Der Eintritt betrug lange Zeit und für alle Plätze einheitlich 50 Pfennige, was dazu führte, dass auch viele Kinder und Jugendliche sich hier die Zeit vertrieben. Günstiger als im AKI war nirgendwo in der Stadt Film zu erleben. Um den im Bahnhof Wartenden ein problemloses Kommen und Gehen zu ermöglichen, war der Saal relativ gut beleuchtet, die Sitzreihen waren leicht zu erreichen, an der Stirnseite neben der Leinwand war eine Zeitanzeige installiert, so dass die Besucher jederzeit wussten, „was die Uhr geschlagen“ hatte. Auch eventuelle Zugverspätungen wurden hier angezeigt.

Die vielfältige Programmgestaltung lässt sich gut ablesen an einigen Veröffentlichungen in der Tagespresse. So liefen am Freitag, den 22. März 1951, neben aktuellen Ausschnitten von „Blick in die Welt“, „Fox tönende® Wochenschau“, „Neue Deutsche Wochenschau“ und „Welt im Film“ ein Hundefilm mit dem Titel „Mein Kamerad“ sowie der Zeichentrickfilm „Ländliche Symphonie“. Am 25. Mai 1951 wurde neben den üblichen Aktualitäten ein Kulturfilm über das „Münsterland“ angeboten, abgerundet wurde das Programm vom Trickfilm „Katzenkonzert“. Wenige Wochen später war „Lindau, die Altstadt am Bodensee“ zu bewundern, ein Film über seltene Berufe sowie der Trickfilm „Der Schwindel-Akrobat“ rundeten die Vorstellung ab.

Als Anfang der 60er Jahre das Fernsehen längst Fuß gefasst hatte in der Bevölkerung und die tägliche Nachrichtensendung die alten Wochenschauen längst überflüssig gemacht hatte, war die Zeit dieser Bahnhof-Kinos in der alten Form vorbei, zumal die Bahn inzwischen mit hoher Pünktlichkeit und erweitertem Fahrplan Wartezeiten fast überflüssig machte. Gleichwohl überlebte dieser Kino-Typ noch jahrelang, während manches „normale“ Lichtspieltheater längst hatte dicht machen müssen. Das gelang den jeweiligen Besitzern mit radikal geändertem Programm (Action, Western, Kriminalreißer, Sexfilme), was aber den im Prinzip lange Zeit guten Ruf der AKI‘s völlig ruinierte. Schließlich musste auch das Frankfurter AKI Anfang der 90er Jahre aufgeben, zumal es auch nicht mehr in die Konzeption der Deutschen Bahn und den zu Konsumtempeln ausgebauten Bahnhöfen passte…