Tag und Nacht denk‘ ich an Dich

Illustrierte Filmbühne Nr. 608  (E. S.) –Es ist natürlich völlig widersinnig, in einem biografischen Film über eine bekannte Persönlichkeit wirklich die historische Wahrheit erfahren zu wollen. Eine korrekte Schilderung wäre langweilig und würde kaum ein ausreichend interessiertes Publikum finden. Deshalb wird auch in Tag und Nacht denk’ ich an Dich – der Film wird als die Lebensgeschichte des legendären Musical-Komponisten Cole Porter vermarktet –  an fast allen Ecken und Enden (und ganz offenherzig) geschummelt.

Tag und NachtCole Porter hat Cary Grant, den Darsteller seiner Person höchstpersönlich ausgesucht, aber nicht nur, um den finanziellen Erfolg des Films abzusichern. Mit dieser Wahl schafft er nämlich auch von sich selbst ein Bild, das in Wirklichkeit dem Charmeur Cary Grant gehört. Dass im übrigen die Warner-Produzenten, Drehbuchschreiber und der Regisseur Michael Curtiz es mit der historischen Wahrheit nicht ganz genau nehmen, ist durchaus gewollt, und wird auch von Porter selbst bestätigt, der nach der Premiere in New York im Juli ’46 sinngemäß sagt, in dem Produkt könne schon deshalb nichts stimmen, weil ja schließlich ein guter Film herauskommen sollte. Diese Erwartung erfüllt sich zwar nicht ganz, aber ein Publikumserfolg ist es allemal. Im übrigen aber zählt am Ende ohnehin nur die musikalische Wahrheit, nicht aber die filmische Vermarktung.

Jenseits aller Manipulationen gehören die Musicals „Kiss me Kate”(„Küss mich Kätchen”) und „Silk Stockings” (Seidenstrümpfe oder Ninotschka) zu den großen, unvergessenen Werken Porters. Auch die Evergreens „Night and Day”, „Begin the Beguine” und „True Love” (in dem Film „Die oberen Zehntausend”) sind in bleibender Erinnerung.

Von der Filmstory kann man das nicht ernsthaft behaupten. Weder seine Versuche, als junger Mann in der Musikwelt Fuß zu fassen, noch sein früher Erfolg im Ersten Weltkrieg („Night and Day”) bleiben im Gedächtnis haften. Auch die im Film gezeigte, spät geschlossene Ehe ist fragwürdig, und auch andere verfilmte Lebensstationen halten bei genauerer Betrachtung der historischen Wahrheit nicht stand. Aber ist auch nicht der eigentliche Sinn des Ganzen. Als ich den Streifen  Ende April 1950 bei der Premiere in Frankfurt (Filmpalast) sehe, interessiert mich auch die Wahrheit über Porter nur am Rande. Es zählt alleine die phantastische Musik.

Daten zum Film

Tag und Nacht denk‘ ich an Dich (Illustrierte Filmbühne Nr. 608) heißt im Original Night and Day und ist eine Musical-Produktion von Warner Bros. aus dem 1946 über das Leben des Komponisten Cole Porter. Während der Film in den USA eine Länge von 111 Minuten aufweist, ist die deutsche Kino-Präsentation nur 90 Minuten lang. Unter der Regie von Michael Curtiz spielen Cary Grant (als Cole Porter) und Alexis Smith (als Linda Lee Porter) die Hauptrollen. Weitere Mitwirkende sind u.a. Jane Wyman und Monty Woolley. die deutschen Stimmen gehören Paul Klinger (Grant) und Carola Höhn (Smith). Außer den Kompositionen von Cole Porter sind auch noch Musikstücke von Max Steiner und Ray Heindorf zu hören.

Erstaufführungen: Weltpremiere am 2. Juli 1946 in New York, ab 25. Juli 1946 in New York City in den Kinos, am 3. August landesweiter USA-Start, deutscher Start am 13. Dezember 1949. Frankfurter Start am 27. April 1950 im Filmpalast.