Sag die Wahrheit

Illustrierte Filmbühne Nr. 195 (M. F.) Es ist eine faustdicke Überraschung für die Zuschauer in der Scala in der Frankfurter Innenstadt. Im Sommer ’48 läuft dort der Film Sag die Wahrheit, als in der Nachmittagsvorstellung mitten im Film das Licht angeht. Was das wohl wieder bedeuten mag, fragen sich die Zuschauer insgeheim, denn in der Nachkriegszeit gibt es aus diversen Gründen immer mal wieder Störungen in den Kinos – doch bleiben sie nicht lange im Unklaren.

Sag die WahrheitEin Mann mit Hut und Mantel tritt vor die Leinwand, begrüsst die Besucher mit einem vernehmlichen „Hallo” und gibt sich dann als Gustav Fröhlich zu erkennen. Dass der Hauptdarsteller so plötzlich hereinschneit, ist ungewöhnlich, werden doch Auftritte von bekannten Schauspielern in der Regel durch die Filmverleiher und Theaterbesitzer lange geplant und meist lautstark annonciert. Doch diesmal ist das Ganze eine überaus private Angelegenheit. Gustav Fröhlich hat an diesem Tag in der Frankfurter Innenstadt zu tun, kommt zufällig an der Scala vorbei und sieht die Plakate von Sag die Wahrheit. Er bittet den Theaterleiter um eine kurze Unterbrechung, die dieser natürlich liebend gerne zusagt. Fröhlich plaudert einige Minuten mit den Zuschauern und verabschiedet sich dann vom gut gelaunten Publikum. Dieser Kurzauftritt versöhnt die Zuschauer vielleicht auch ein wenig, denn der Streifen ist nicht gerade eine Glanzleistung der Produktionsfirma, obwohl die Idee durchaus einen gewissen Pfiff hat.

Der Architekt Peter Hellmer (Gustav Fröhlich) legt nämlich das Gelübde ab, 24 Stunden lang nur die Wahrheit zu sagen, nichts als die reine Wahrheit. Der Vorsatz, einen Tag lang jedweder Notlüge zu entsagen, bringt ihn jedoch nur in Schwierigkeiten. Und nicht nur ihm. Auch seine fast von ihm geschiedene Frau und seine zukünftige Braut geraten in die Bredouille. Freundschaften gehen in die Brüche und  sein Büro gerät in Schieflage. Um jeden Preis die Wahrheit zu sagen, ist demnach eine Verrücktheit, die sich eigentlich niemand leisten kann. Dass er in einer Nervenklinik und in einer Zwangsjacke landet, ist nur folgerichtig. Am Ende bleibt ihm nur eine diplomatische Lüge, um aus dem Irrsinn wieder herauszufinden.

Die Idee des Films erscheint auf den ersten Blick nicht übel, ist aber auch höchst problematisch, weil damit „die Lüge” ganz allgemein als normal und legitim propagiert wird. Dieser Aspekt erscheint umso interessanter, als der Stoff bei der Terra-Film im Jahr 1944/45 im Atelier Tempelhof mit Heinz Rühmann und Hertha Feiler (ebenfalls mit Helmut Weiss als Regisseur) in Arbeit ist, aber durch den Einmarsch der Roten Armee in Berlin nicht mehr fertiggestellt wird. Mit einem überarbeiteten Drehbuch wird das Thema dann von der „Studio 45 Filmgesellschaft” neu aufgegriffen und verfilmt.

Daten zum Film 

Sag’ die Wahrheit (Illustrierte Filmbühne Nr. 195) ist eine Komödie aus den Jahr 1946 (Produktion: Studio 45). In dem deutschen  Film nach einem Lustspiel von Johann von Vaszary spielen unter der Regie von Helmut Weiss die Darsteller Gustav Fröhlich (als Architekt Peter Hellmer), Mady Rahl (als seine Frau Vera Hellmer), Georg Thomalla (als Rechtsanwalt Dr. Klimm), Aribert Wäscher (als Nervenarzt Professor Kiekebusch). Weitere Mitwirkende sind Curt Ackermann, Ingeborg von Kusserow, Sonja Ziemann und Eva Maria Meineke.  – Deutsche  Erstaufführung am 20. Dezember 1946 in West-Berlin, in Frankfurt im Juni 1948 in den Scala-Lichtspielen zu sehen.