Schatten der Nacht

Illustrierte Filmbühne Nr. 567  (E. S.) – In Frankfurt am Main fällt mir im Januar 1950 bei einer Straßenbahnfahrt eine Ausgabe des Nachrichten-Magazins „Der Spiegel” in die Hände und ich lese darin einen recht süffisanten Bericht über einen Publikumstest in den Eimsbütteler Atrium-Lichtspielen. In diesem Kino läuft als Normalprogramm der Film „Schicksal aus zweiter Hand”, doch den 400 überraschten Zuschauern wird mitgeteilt, es werde nun der brandneue Film Schatten der Nacht gezeigt.

Schatten der NachtEs ist eine Test-Vorführung der Hamburger Real-Film, wobei die Produktionsfirma sich von den Zuschauern ein unbeeinflusstes Urteil „des Volkes“ erhofft, noch ehe durch professionelle Kritiker die Weichen in eine bestimmte Richtung gestellt werden. Wer den Film sehen mag, kann bleiben, wer sich auf den eigentlichen Film gefreut hat, erhält auf Wunsch sein Eintrittsgeld zurück. Alle bleiben, ist es doch ohne Zweifel eine große Ehre, einer solchen Publikums-Jury anzugehören. Nachdem dann der Vorhang  gefallen ist, werden die Fragebögen verteilt – und die Antworten sind unterschiedlicher Natur. Einige Besucher erleben den jungfräulichen Film dramatisch und tief bewegend (ein ergreifendes Frauenschicksal eben), andere Probanden finden die Handlung dagegen eher an den Haaren herbei gezogen und stellen die Frage, warum so renommierte Schauspieler wie Hilde Krahl und Willy Fritsch sich für die Umsetzung eines so miserablen Drehbuches (Heinz Otto Jahn) hergeben.

Die Vermutung liegt freilich nahe – und das ist wahrlich nicht schwer zu erraten –, dass der pekuniäre Aspekt bei ihrer Mitwirkung die entscheidende Rolle gespielt hat. Auch Mimen müssen schließlich leben.

Der Bericht aus der Zeitschrift veranlasst mich jedenfalls, wenige Wochen später bei der Frankfurter Aufführung (ab 21. April 1950 im Turmpalast) zusammen mit einigen Freunden den Film anzusehen, um mir eine eigene Meinung zu bilden.

Um was geht es also in dem Drama? Da gibt es die junge Elga (Hilde Krahl), die erst mit dem Verbrecher Richard Struwe (Carl Raddatz) liiert ist, sich dann aber von ihm löst, zumal er wegen einiger Untaten für zwei Jahre ins Gefängnis wandert. Da ist nun Zeit genug, sich nicht nur einen betuchten, sondern  zugleich auch noch eleganten Mann namens Ernst Magnus (Willy Fritsch) zu angeln. Das verspricht selbstredend eine lichte Zukunft. Doch als der böse Bube aus der Haft entlassen wird und seine einstige Geliebte als gut betuchte Verleger-Gattin vorfindet, beginnt er sie umgehend zu erpressen.

Doch anstatt sich ihren Mann zu offenbaren, was vielleicht naheliegend wäre, täuscht Elga einen tödlichen Unfall vor, um ihre Ruhe zu finden. Doch dieser Wunsch erfüllt sich keineswegs. Elga sinkt vielmehr in ihren ungewohnten Situation von Stufe zu Stufe und landet schließlich in der Prostitution. Irgendwann begegnet sie (natürlich) noch einmal ihrem Mann, doch der Gutbürgerliche mag mit der Heruntergekommenen nichts mehr zu tun haben – so geht Elga am Ende einem ungewissen, aber absehbaren tragischen Schicksal entgegen.

Fest steht, dass bei der Real-Filmgesellschaft in Hamburg in den ersten Jahren ihrer Tätigkeit wirklich nicht alles Gold ist, was da zu glänzen scheint. Auch dieser Film kann nicht wirklich überzeugen oder Lorbeeren ernten. Jedenfalls sind wir – eine kleine Gruppe von Film-Enthusiasten –  bei der Vorführung in den Harmonie-Lichtspielen in Sachsenhausen nicht gerade angetan von dem, was uns da entgegen flimmert. Tatsache bleibt, dass der Film schon bald schon in Vergessenheit geraten ist und nur durch einen intensiven Blick in die „Illustrierte Filmbühne” noch einmal zum Leben erweckt worden ist.

Daten zum Film

Schatten der Nacht (Illustrierte Filmbühne Nr. 567) mit dem Arbeitstitel Ballade der Nacht ist ein überaus melodramatisches Rührstück der Real-Film Walter Koppel (Hamburg) aus dem Jahr 1949/50. Unter der Produktionsleitung von Gyula Trebitsch und der Regie von Eugen York spielen Hilde Krahl (als Elga Magnus), Willy Fritsch (als  Verleger Ernst Magnus) sowie Carl Raddatz (als Bösewicht Richard Struwe). Weiter sind noch Josef Sieber, Hermann Schomberg, Armin Dahl, Carl-Heinz Schroth, Ursula Herking, Inge Meysel, Albert Florath und Franz Schafheitlin mit von der Partie.

Deutsche Erstaufführung im Januar 1950 in Hamburg, in Frankfurt läuft der Film ab 21. April im Turmpalast.