Der Apfel ist ab

Illustrierte Filmbühne Nr. 249  (E. S.) – Es gibt auch nach dem Krieg unter den ersten neuen Filmen einige eher seltsame Exemplare. Einer davon ist Der Apfel ist ab und er wird nicht von jedermann goutiert und verstanden. Die täglichen Einspiel-Ergebnisse sind insgesamt eher bescheiden, die Menschen haben für diese Art satirischen Humors wohl noch nicht das rechte Verständnis. Der Film ist seiner Zeit voraus.

Der Apfel-ist-ab-neuIn dem Film von Helmut Käutner –  das Thema wurde von ihm und Kollegen schon 1935 für ein Kabarettprogramm verfasst –, liegt ein Apfelsaft-Fabrikant nach einem Suizid-Versuch im Koma und erlebt nun in seinen Träumen die Geschichte von Adam und Eva und dem berühmt-berüchtigten und verhängnisvollen Apfel als Spiegelbild seiner zahlreichen, eigenen Probleme im Liebesleben. Die Ausgabe Nummer 249 der „Illustrierten Filmbühne” (München) beschreibt das Ganze als einen „überaus heiteren Musikfilm, eine musikalische Komödie, in der der Zeigefinger anmutig (…) erhoben und dessen Lehren nicht geredet, sondern gesungen werden”, doch ändert dies nichts daran, dass dieser Film bei der Mehrheit der Kino-Interessierten zu dieser Zeit kein Wohlgefallen auslöst.

Einige Kritiker attestierten dem Film zwar, er sei eine „der ersten deutschen Nachkriegsproduktionen mit originellen, aus der Not der Zeit geborenen Ausstattungsideen”, doch urteilen andere, die ironisch-politische Persiflage sei zwar amüsant, von der Inszenierung her sei er aber nicht rundum überzeugend. Die Wochenzeitung „Die Zeit“ kritisiert zum Beispiel, der Film habe nicht gezündet, er sei ein kabarettistisches (…) Märchen mit fadenscheiniger Hintergründigkeit. „Er ist mit Geist und Witz gemacht, auch mit Liebe und Laune, aber nicht — mit Herz, nicht mit Wärme.” Der Apfel ist ab weiterlesen

Oh, Susanne!

Illustrierte Filmbühne Nr. 182 (E. S.) – Die Frankfurter Erstaufführung in den Scala-Lichtspielen Anfang Januar 1949. „Susanne verzaubert New York und ganz Amerika” trommelt die kleine Zeitungsanzeige und fügt fast bescheiden, wenn auch nachdrücklich hinzu: „…und auch uns in Frankfurt.” Mit dabei in dem Film sind Joan Fontaine und George Brent, das Ganze heisst Oh’ Susanne! Schau’n wir also mal.

Oh SusanneDer Film ist für  Heranwachsende jedenfalls sehr lehrreich – vor allem in diesen schwierigen, ersten Jahren nach dem Krieg, in denen von den Menschen oft vorschnell gedacht (und gehandelt) wird. Dass man sich jedoch nicht zu leicht und unüberlegt von den Urteilen anderer beeinflussen lassen soll, ist für uns junge Besucher eine wichtige Erkenntnis nach den anderthalb Stunden im Kino. Das Problem wird dem Zuschauer auf überaus originelle Weise vermittelt. Während einer Party mitten in New York trifft Roger Berton (George Brent) drei ehemalige Freunde seiner Braut Susan Darell (Joan Fontaine), die er demnächst zu ehelichen gedenkt. In mehreren Gesprächen – und unterstützt von zahlreichen Rückblenden – zeichnet jeder der Männer aus seinem ganz persönlichen Blickwinkel ein völlig anderes Bild der jungen Frau und Robert  schlingert nun immer tiefer in die eigenen Zweifel, ob er Susan Darell tatsächlich heiraten soll oder nicht. Was natürlich sogleich die Frage aufwirft: Kennt er sie wirklich? Oh, Susanne! weiterlesen

Geisterkomödie

Illustrierte Filmbühne Nr. 171 (E. S.) – Es ist eine durchaus geistvolle Komödie mit Fantasy-Charakter, die zu Weihnachten 1948 über die Leinwand der Zoo-Lichtspiele in Frankfurt flimmert. Regisseur Lean liefert mit Geisterkomödie eine witzige Arbeit ab (so empfindet es jedenfalls das Publikum), während Bühnenautor Noel Coward mit der Arbeit eher unzufrieden ist, und dem Regisseur vorwirft, sein Stück kaputt gemacht zu haben. 

GeisterkomödieGleichwohl wird David Lean im Verlauf seine Karriere noch große Welterfolge wie „Lawrence von Arabien”, „Die Brücke am Kwai” und auch „Doktor Schiwago” drehen. Dem Publikum aber gefällt durchaus auch die Geisterkomödie. Das hängt sicher damit zusammen, dass solcher „schwarzer” Humor hier noch weitgehend unbekannt ist und auch die allgemeine Situation in den einzelnen Besatzungszonen ja nicht gerade zu Freudensprüngen verleitet. Immerhin ist auch das Weihnachtsgeschäft trotz der im Juni erfolgten Währungsreform meilenweit hinter den Erwartungen des Einzelhandels zurückgeblieben. Unter solchen misslichen Umständen sind viele Menschen im Lande jedenfalls erst einmal froh, sich für knapp zwei Stunden auf dem Kinostuhl richtig entspannen zu können, auch wenn die eingeblendeten deutschen Untertitel einiges an Konzentration abverlangen. Für die meisten Zuschauer, die das nicht kennen, ist das Texte-Lesen am Anfang gewöhnungsbedürftig. Geisterkomödie weiterlesen

Lebenskünstler

Illustrierte Filmbühne Nr. 155  (E. S.) – Als einen der ersten Filme schicken die US-Militärbehörden 1946 den Columbia-Film Lebenskünstler in die Kinos. Der Film von Frank Capra ist 1939 mit zwei Oscars (bester Film, beste Regie) ausgezeichnet worden, und lässt eine gewisse Qualität erwarten. Capra gilt als Meister der leichten Gesellschaftskomödien mit sozialkritischen Aspekten.

LebenskünstlerObwohl der Film so bald nach Ende des Krieges über die Leinwände flimmert, ist er bereits in deutscher Sprache zu sehen (und natürlich zu hören), so dass die Zuschauer, die des Englischen zu dieser Zeit meistens nicht mächtig sind, sich an den vielen, schönen Dialogen erfreuen können, ohne pausenlos auf die wechselnden  Untertitel starren zu müssen. Und solche nette Unterhaltung wie im Film, wünschen sich natürlich zu dieser Zeit alle, ist doch ein Jahr nach Kriegsende das Leben noch extrem stark geprägt von den alltäglichen Sorgen inmitten riesiger Trümmerwüsten. Doch die Menschen sind andererseits voller Erfindungsreichtum, wenn es darum geht, in ein normales Leben zurückzukehren. Sie packen an und im westlichen Frankfurter Stadtteil Nied wird schon im Mai die erste Nachkriegskerb gefeiert; dabei fehlt gewiss der würzige Geruch, der normalerweise über solch einer Kirmes liegt, es mangelt  ja an allem, aber: ein Kettenkarussell für die kleinen Kinder dreht sich, und trotz der allgemeinen Not macht sich auf dem Juxplatz viel Heiterkeit breit. Lebenskünstler weiterlesen

Keine Zeit für Liebe

Illustrierte Filmbühne Nr. 99  (E. S.) – Im Sommer des Jahres 1946 haben in Frankfurt nur wenige Kinos nach den massiven Zerstörungen im Krieg ihren Betrieb wieder aufgenommen, darunter befinden sich auch die im nordöstlichen Stadtteil Bornheim die Schauburg-Lichtspiele (Berger Straße Nr. 161) und das Apollo (Berger Straße 179). Mit nur einer Kopie des Filmes Keine Zeit für Liebe werden im Juni beide Häuser gleichzeitig bespielt.

Keine Zeit für die LiiebeKopien sind oft rar in diesen Tagen. Nicht selten wird ein Film gleichzeitig in zwei Kinos gespielt. Das verursacht ein kleines organisatorisches Problem, aber die Menschen jener Tage sind sehr erfinderisch. Die Anfangszeiten werden einfach  entsprechend zeitlich versetzt, es werden auch Schulbuben engagiert – meist sind es Kinder der Kino-Besitzer, des Filmvorführers oder andere Schulkameraden, die dann für ihre Tätigkeit mit Freikarten „entlohnt“ werden –, um die  Filmrollen sind zwischen den Kinos hin- und herzutragen. Dabei muss natürlich der Ablauf perfekt sitzen, aber wenn einmal Verzögerungen eintreten, werden diese vom geduldigen Publikum recht gelassen hingenommen. Die meisten Menschen sind schließlich Schlimmeres gewohnt aus der Zeit des Krieges und den Monaten danach, in denen die permanente Jagd nach Nahrungsmitteln aufgrund der Zuteilungen von Lebensmittelmarken zum Alltag gehört. Der Film – in englischer Sprache mit einkopierten deutschen Untertiteln – ist hübsch und unterhaltsam. Keine Zeit für Liebe weiterlesen

Meine Frau, die Hexe

Illustrierte Filmbühne Nr. 77 (E. S.) – Wer kurz nach Ende des Zweiten Weltkrieges im Frankfurter Stadtteil Bockenheim in der Basaltstraße die amerikanische Komödie Meine Frau die Hexe anschaut  – ein turbulenter Spaß mit der glänzend aufgelegten Hexe Veronica Lake (Jennifer), der unvergessenen Susan Hayward (als Estelle) und dem Charakter-Darsteller Frederic March – bewegt sich auf politisch-historischem Grund, denn hier hat Rosa Luxemburg am 26. September 1913 eine flammende Rede gegen den Ersten Weltkrieg gehalten, worauf sie von den kaiserlichen Behörden umgehend „wegen Aufruhrs” verhaftet wird.

HexeDas Titania hat  eine recht bewegte Vergangenheit, was mir durchaus bewusst ist. Dort, wo ich die hinreissend schöne Hexe zu sehen bekomme, stand seit 1900 eine kleine Eisfabrik – sie belieferte den direkt daneben liegenden Schlachthof – und bald danach entstand erst eine Liederhalle und kurz darauf ein Treffpunkt der Gewerkschaften und Sozialdemokraten mit Bibliothek. Im Jahr 1928 errichtet der Gastwirt Müller ein Kino, modernisiert es 1941 und schliesst den alten Gastraum, um ein grösseres Foyer einzurichten. In den beiden Weltkriegen dient das Titania-Kino zeitweise als Lazarett, nach 1945 – das Gebäude ist bei den Fliegerangriffen fast unversehrt geblieben – werden die Titania-Lichtspiele wieder eröffnet, das Aus kommt Ende der Siebziger Jahre. 1985 nämlich wird das Gebäude von der Katholischen Kirche gekauft, und bald darauf von der Frankfurter Saalbau übernommen und zum Bürgerhaus umfunktioniert. Seit 1997 ist es vorübergehend Spielstätte des Galli-Theaters, ab Oktober 2005 heißt es wieder Titania-Theater und ist seit September 2011 die Heimstatt des „Freien Schauspiel Ensembles Frankfurt”. Meine Frau, die Hexe weiterlesen

Die ewige Eva

Illustrierte Filmbühne Nr. 70  (E. S.) –  Ende Juli, Anfang August 1945 gibt es in Frankfurt am Main bewegte Tage. Die Lichtburg in der Kaiserstraße 74 nimmt als erstes Kino nach Ende des Krieges ihren Betrieb wieder auf. Das ist so wichtig für die Stadt, dass OB Dr. Kurt Blaum eine ziemlich aufmunternde Rede hält. Am 1. August des Jahres erscheint dann die Tageszeitung „Frankfurter Rundschau” als erste lizenzierte Tageszeitung in der amerikanischen Besatzungszone, 14 Tage später spielt die Schauburg in der Bornheimer Bergerstraße als zweites Frankfurter Lichtspieltheater die Die ewige Eva.

Die ewige EvaDer Film ist der erste amerikanische Spielfilm, der in Frankfurt gezeigt wird. Die erzählte Geschichte ist in diesem Zusammenhang nicht von allzu großer Bedeutung, wichtiger ist wohl, dass inmitten der Trümmer von Frankfurt das Kinoleben langsam aber sicher wieder Fahrt aufnimmt und den frustrierten Menschen in dem täglichen Wahnsinn wieder Hoffnung für die nahe Zukunft gemacht wird. Gerade deshalb ist diese leichte Kost – wenn auch nur in englischer Sprache und auch noch garniert mit deutschen Untertiteln, was das Publikum noch vor ziemliche Probleme stellt – genau das Richtige. Der witzige Streifen stammt vom jüdischen, deutschen Emigranten Henry Koster (Hermann Kosterlitz), der auf jeden Fall eine recht romantische Komödie abliefert und dabei mit einem Charles Laughton in einer Glanzrolle punkten kann. Die Story ist schlicht, aber ergreifend und durchaus gut erzählt. Um seinem schwerkranken Vater (Charles Laughton) eine letzte Freude zu machen, stellt der Millionärssohn Jonathan Reynolds jr. (Robert Cummings) dem Todgeweihten ein fremdes Mädchen (Deanna Durbin) als seine Braut vor, um ihm eine bevorstehende Hochzeit vorzugaukeln. Die ewige Eva weiterlesen

Rendezvous nach Ladenschluss

Illustrierte Filmbühne Nr. 12  (E. S.) – Das Jahr 1947 ist auch in Frankfurt am Main geprägt von enormen Temperaturunterschieden. Im Januar und Februar hat eisige Kälte die ausgemergelten Menschen drangsaliert, im Sommer dagegen herrscht eine unbarmherzige Hitze, die Hundstage lassen Thermometer bis auf 38 Grad Celsius steigen. Die Straßen und Wege flirren im Sonnenlicht und die Kinder, die meist kein Schuhwerk haben, können barfuß kaum noch ihre Füße aufsetzen. Das Wetter der Nachkriegsjahre, in denen es ohnehin an allem fehlt, beutelt zusätzlich zu den Alltagsproblemen.

Rendezvous nach LadenschlussDie Schaufenster der Geschäfte in Deutschland sind immer noch leer, einiges wird weiter nur unter dem Ladentisch gehandelt, denn die Währungsreform kommt erst ein Jahr später. Ganz anders dagegen in einem Budapester Laden, in dem der tüchtige Alfred Kralik (James Stewart) und die junge Klara Novak (Margaret Sullavan) als Verkäufer arbeiten. Denn dort gibt es viele wohlfeile Leder-Geschenke und andere Accessoires im Überfluss – an diesen schönen Dingen erfreut sich wohl jeder, der sich im heißen Sommer in den Harmonie-Lichtspielen in stickig-warmer Luft den Film Rendezvous nach Ladenschluss ansieht.

Nach einem hintergründigen und auch turbulenten Versteckspiel mündet die Geschichte der so genannten „kleinen Leute” in einen romantischen Schluss. Kein wirklich großes Wunder, schließlich ist es ein Hollywood-Film, schließlich ist es Kino… Rendezvous nach Ladenschluss weiterlesen