Fahrraddiebe

Illustrierte Filmbühne Nr. 1168 (E. S.) Der Film Fahrraddiebe, der im August 1951 in die deutschen Kinos gekommen ist, weckt bei mir viele Erinnerungen an die erste Nachkriegszeit auch bei uns. Ein intaktes Fahrrad zu besitzen, das war in dieser schwierigen Zeit durchaus ein Privileg: und es gegen diebische Mitmenschen zu verteidigen (und zu behalten) das oberste Gebot.

FahrraddiebeWie wichtig ein solches Vehikel sein konnte, erlebte meine Familie nach dem Krieg im Frühjahr 1946, als es für uns Ausgebombte um eine Rückkehr-Genehmigung nach Frankfurt ging. Durch Erlass des Oberbürgermeisters, und abgesegnet von den Militärbehörden, war das zunächst nämlich untersagt. Für Handwerker wie meinen Vater gab es allerdings Ausnahmen, weil sie zum Wiederaufbau dringend gebraucht wurden. Um darüber mit dem Wohnungsamt zu verhandeln, waren zahlreiche Fahrrad-Touren notwendig, weil in Frankfurt auch längst nicht alle Straßenbahnen verkehrten. Einmal radelten meine Schwester und ich sogar aus dem Westerwald nach Frankfurt, erledigten alle Formalitäten und strampelten am nächsten Tag zurück, nachdem wir bei Bekannten für eine Nacht Unterschlupf gefunden hatten. In solchen Situationen zeigt sich, wie wichtig ein Drahtesel sein konnte. Deshalb war mir die Lage des Plakatklebers Antonio in dem Film so gegenwärtig. Eigene Erlebnisse machen vieles, was anderen widerfährt, verständlicher. Das bezieht sich auch auf Antonio, den Plakatkleber, der in Italien nach dem Zweiten Weltkrieg nach langer Arbeitslosigkeit endlich eine Stelle als Plakatkleber findet. Fahrraddiebe weiterlesen

Boulevard der Dämmerung

Illustrierte Filmbühne Nr. 1136 (E. S.) – Der von Billy Wilder meisterhaft inszenierte und von Kameramann John Seitz herausragend fotografierte Film Boulevard der Dämmerung – die Frankfurter Erstaufführung ist Anfang Mai 1951 im Metro im Schwan – kritisiert zwar außergewöhnlich offen das glamouröse Image der Filmmetropole Hollywood, ist aber letztes Endes doch auch wieder selbst nur ein Produkt dieser „Traumfabrik”.

Das Selbstbildnis vom Sunset Boulevard – so lautet der amerikanische Originaltitel – ist eine Mischung zwischen Dichtung und Wahrheit. Es geht dabei um die Tragödie der einst überschwänglich gefeierten Stummfilmdiva Norma Desmond (Gloria Swanson), die nach dem Ende ihrer einst glanzvollen Karriere und besessen von dem Wunsch nach einem Comeback den jungen, aber mittellosen Drehbuchautor Joe Gillis (William Holden) an sich bindet, um mit seiner Hilfe ihren Traum von der Rückkehr auf die Leinwand zu verwirklichen. Anfangs unterstützt Gillis sie bei ihren Selbsttäuschungen, wendet sich aber bald ab von ihr und macht sie unbarmherzig auf die raue Wirklichkeit ihres Niedergangs aufmerksam. Im düsteren Leben inmitten einer Welt musealer Erinnerungen in ihrem Prunkhaus nistet tatsächlich in allen Ecken der Traum von neuem Ruhm, der von dem ihr sklavisch und bedingungslos ergebenen Butler Max (Erich von Strohheim) kritiklos unterstützt wird – wohl auch deshalb, weil er nicht nur ihr früherer Regisseur, sondern auch ihr erster Ehegatte war. Boulevard der Dämmerung weiterlesen

Bandito

Illustrierte Filmbühne Nr. 1132 (E. S.)  – Für den italienischen Film ist es in den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg fast selbstverständlich, sich mit der schwierigen, sozialen Situation der einfachen Menschen zu beschäftigen. Unter diesen Umständen entstehen einige der besten Streifen der Filmgeschichte. Darunter ist auch „Bandito“ von Alberto Lattuada aus dem Jahr 1946.

BanditoBildViele Gründe spielen für das, was Filmhistoriker als Neorealismus bezeichnen, eine gewichtige Rolle. Weil die Filmstadt Cinecittà vor den Toren Roms von Flüchtlingen belegt ist, und es an allen Materialen fehlt, die zum Filmen notwendig sind, gehen die italienischen Filmemacher auf die Straßen, drehen in den Trümmer der Städte und zeigen das Elend des besiegten Landes. Oft wird nur mit Laiendarstellern gearbeitet, weil kein Geld vorhanden ist. So entstehen unter anderen die Rosellini-Streifen „Rom – Offene Stadt”, „Paisà”, „Deutschland im Jahre Null” sowie „Fahrraddiebe” und „Schuhputzer” (von Vittorio de Sica), um nur einige der wichtigsten zu nennen. Auch der Film Bandito von Regisseur Alberto Lattuada gehört zu diesem Filmen, obwohl sich in diesem Streifen reißerische Elemente mit melodramatischen Akzenten vermischen. Anna Magnani, die Hauptdarstellerin wie in vielen italienischen Werken der Nachkriegszeit, ist neben den Regisseuren der große Star dieser Zeit. Bandito weiterlesen

Meuterei auf der Bounty

Illustrierte Filmbühne Nr. 1112 und Berliner Filmkurier 2520 (E. S.) – Die „Meuterei auf der Bounty“ ist ein amerikanischer Filme, der bereits 1936 in Deutschland gezeigt worden ist, zu einer Zeit, als die Nazis den Vertrieb unliebsamer ausländischer Filme noch nicht unterbunden haben. Im Jahr 1951 wird der Streifen von Metro-Goldwyn-Mayer in einer  nagelneuen, synchronisierten Fassung wieder die deutschen Kinos geschickt.

Bounty

Der Film beruht auf dem Roman „Schiff ohne Hafen” von Charles Nordhoff und James Norman Hall und beschäftigt sich mit einem historisch verbürgten Ereignis aus dem Jahr 1789, wobei allerdings die Buch- und Filmdarstellungen nichts mit der Realität zu tun haben. Es wäre an dieser Stelle übertrieben, die wirklichen Geschehnisse im Detail zu beschreiben, denn inzwischen ist alles Wesentliche rund um die Meuterei von Historikern erforscht und niedergeschrieben worden. Doch als ich den Streifen Mitte Juni 1951 im Frankfurter Turmplast sehe, ist mir das alles noch unbekannt. So sehe ich einen spannenden und aufwühlenden Film, wenngleich die Brutalität und unmenschliche Härte von Kapitän William Bligh (Charles Laughton) erschreckend ist. Meuterei auf der Bounty weiterlesen

Vulcano

Illustrierte Filmbühne Nr. 1067 (E. S.) – Die Nummerierung der „Illustrierten Filmbühne” ist wegen der Vielzahl von Filmen, die in die deutschen Kinos kommen, nicht immer chronologisch überschaubar. So ist Vulcano mit der höheren Nummer 1067 zum Beispiel in Frankfurt Mitte Februar 1951 schon in den Stadtteilkinos Schwanen (Bockenheim), Blumen (Bornheim), Filmbühne (Sachsenhausen) und Kurbel (Nordend) zu sehen, während „Stromboli” im Turmpalast – obwohl mit der niedrigeren Nummer 933 – erst am Freitag, 16. Februar, in Frankfurter Erstaufführung startet.

VulcanoVulcano stellt zwei Dinge in den Mittelpunkt: Einerseits die Menschen auf der kleinen Insel Vulcano nördlich von Sizilien, andererseits den Vulkan, der wie eine ständige Bedrohung für die auf dem Eiland lebenden Frauen, Männer und Kinder wirkt. Dabei ist Vulcano im Grunde genommen gar kein Spielfilm im üblichen Sinne, in dem ein sorgfältig  und dramaturgisch ausgeklügelter Handlungsablauf den Gang der Dinge bestimmt, sondern ein eher episodenhaft zusammen gestelltes Melodram, das in starken und eindringlichen Skizzen das karge Leben der Fischer und Handwerker anreisst, aber auch vertieft, vor allem als der Vulkan zu speien beginnt. Im Mittelpunkt steht Maddalena Natoli (Anna Magnanit), die jahrelang in Neapel als Dirne gearbeitet hat, und nun in ihre Heimat zurückgekehrt ist. Als der schurkenhafte Fischer Donato (Rossano Brazzi) ihre jüngere Schwester Maria (Geraldine Brooks) verführen will, greift Maddalena ein, um ihr das eigene Schicksal zu ersparen. Der Vulkan steht dabei immer wie ein Mahnmal über all diesen schicksalhaften Vorgängen – auch über dem Leben der Menschen und der Düsternis ihres Daseins auf der winzigen, einengenden Insel. Vulcano weiterlesen

Stromboli

Illustrierte Filmbühne Nr. 933 (E. S.) – Der italienische  Film Stromboli, in Zusammenarbeit zwischen dem neorealistischen Regisseur Roberto Rosselini und dem Hollywoodstar Ingrid Bergman entstanden, wird bei seinem Start in Deutschland 1951 von Zuschauern und Kritikern als zähes Melodram eher zwiespältig aufgenommen. 

Titel- StromboliWeil filmästhetische Gesichtspunkte für viele ohnehin keine große Rolle spielen, bleibt dieser Film vor allem in Erinnerung wegen der „echten“ Romanze zwischen Ingrid Bergman und dem Regisseur Robert Rosselini, die von den Hollywood-Mächtigen, ihren sehr willfährigen Schreiblakaien und der überaus prüden Öffentlichkeit zum „Skandal“ erhoben wird. Denn Ingrid Bergman ist zur Zeit dieser Liason noch mit dem schwedischen Arzt Petter Lindström verheiratet – und obwohl diese Ehe schon als zerrüttet beschrieben wird, lassen die tugendhaften Sittenwächter der USA kein gutes Haar mehr an der Schwedin.

Vor allem christlich-religiöse und puritanische Gruppen erheben ihre Stimme gegen die Schauspielerin. Der Senator Edwin C. Johnson, der sich lange, aber vergeblich um ein Verbot des Films in den Vereinigten Staaten bemüht, scheut sich nicht, das Paar sogar als „Apostel der Entartung“ zu apostrophieren und bedauert, dass aus seiner früheren Lieblingsschauspielerin nun eine „mächtige Kraft des Bösen“ geworden ist. Stromboli weiterlesen

Bitterer Reis

Illustrierte Filmbühne Nr. 860 (E. S.) – Bevor der italienische Film Bitterer Reis 1950 in die deutschen Lichtspieltheater kommt, gibt es schon überall in den Medien reichlich Gesprächsstoff in Illustrierten und Magazinen. An den Zeitungskiosken prangen Bilder von Silvana Mangano und hinter vorgehaltener Hand wird mit süffisantem Lächeln nur über ihren Busen geredet.

BittererReisDieses Szenario ist typisch für die krude, verklemmte  Moral in der Bundesrepublik Deutschland. Was den Film Bitterer Reis anbelangt, so steht denn auch bei den meisten Betrachtungen nicht der harte Klassenkampf, die bitterer Armut und die gnadenlos-brutale Ausbeutung der vielen Landarbeiterinnen auf den öden Reisfeldern des Piemont und der nahen Lombardei im Mittelpunkt, es wird dagegen mehr über die leidenschaftlichen Beziehungen von Silvana, Walter, Francesca und Marco geredet. Dass es sich bei diesem Film um eines der besten und filmisch eindrucksvollsten Werke des italienischen Neorealismus (Regie: Giuseppe de Santis) nach dem Zweiten Weltkrieg handelt, und einfühlsam, aber zugleich auch treffend die gesellschaftliche Situation der armen Landbevölkerung behandelt wird, bleibt – abgesehen von einigen ernsthaften Kritikern –, dem deutschen Publikum jedoch weitgehend verborgen. Dabei ist die Kameraarbeit sehr beeindruckend. Passagen von epischer Breite wechseln mit dem Blick weit hinaus über die grauen Reisfelder und die gebeugten Rücken – all dies untermalt mit dem heiterem Gesang der schuftenden Frauen und dem Fluchen der rücksichtslos antreibenden Aufseher. Bitterer Reis weiterlesen

So grün war mein Tal

Illustrierte Filmbühne Nr. 766 (E. S.) – An diesen Film erinnere ich mich aus zwei Gründen besonders gut. Zunächst bringt die 20th Century Fox den Film unter der Bezeichnung Schwarze Diamanten heraus, ändert aber bereits kurz darauf den Titel in Anlehnung an den Roman und das US-Original in So grün war mein Tal. Außerdem verzichten die professionellen Zeitungskritiker auf ihre spitzen Federn und überlassen in Absprache mit dem Centfox-Verleih und dem Theaterbesitzer Wollenberg vom „Metro im Schwan“ in Frankfurt den Zuschauern die Beurteilung, was bei der Qualität des Films einigermaßen überrascht.

So-grün-war-mein-TalImmerhin ist der Film schon mit fünf Oscars ausgezeichnet worden und beruht auf dem berühmten Roman des Walisers Richard Llewellyn. Schwere Arbeit für die Laien also. Auch ich versuche mich mit einer Kritik an dem Film, der die Geschichte einer Familie namens Morgan am Ende des 19. Jahrhunderts in Südwales erzählt. Diese Familie führt im idyllischen Tal ein einfaches, aber zufriedenes Leben. Ruhe und Beschaulichkeit finden jedoch ein plötzliches Ende, als in der Gegend Kohlevorkommen entdeckt werden. Das ruft natürlich geldgierige Schlotbarone aus den Industriezentren auf den Plan, und die Arbeiter und Gewerkschaften halten dagegen. Auf der Jagd nach einer möglichst hoher Rendite nehmen die Grubenbetreiber nur wenig Rücksicht auf die Bedürfnisse der Einheimischen und der vielen zugewanderten Kumpel, es kommt zum Streik und zu klassenkämpferischen Auseinandersetzungen, die tief in die Familie hineinwirken. Das Leben im Tal und auch die Menschen selbst verändern sich.

Wie durch diese Vorkommnisse auch der Zerfall der Familie Morgan beeinflusst wird, erzählt in Rückblenden der inzwischen alt gewordene Sohn Huw Morgan (Roddy McDowall). Dabei wird sein eigenes Leben als kleiner Junge, aber auch das Schicksal seiner Eltern (Donald Crisp und Sara Allgood), seiner Schwester (Maureen O’Hara) und seiner Brüder in den Zeitenläuften für die Zuschauer nachvollziehbar. So grün war mein Tal weiterlesen

Teufelskerle

Illustrierte Filmbühne Nr. 338  (E. S.) – Der Film Teufelskerle, der im Sommer 1949 in der gerade ausgerufenen Bundesrepublik Deutschland anläuft, passt so recht in die deutsche Nachkriegszeit. Der MGM-Streifen zeichnet sich durch eine lebendige Darstellung aus, ist  auch in schwierigen Situationen gewürzt mit Humor und hat überdies stark ausgeprägte humanistische Elemente. 

TeufelskerleDie Story beruht auf einer wahren Begebenheit und setzt Pater Flanagan (Spencer Tracy), der 1917 in Nebraska eine „Kleinstadt” (Boys Town) für entwurzelte Jugendliche ins Leben gerufen hat, ein Denkmal. Der Film trifft auch in Deutschland den Nerv der Zeit, denn während des Krieges und nach 1945 ist ein Großteil der Jugend ebenfalls – wie im Film gezeigt – aus der Bahn geworfen worden. Denn nicht nur unter den Erwachsenen ist die Kriminalität hoch, auch Jugendliche sind vom Virus des leichten und „schnellen Geldes” infiziert. Die Zeitung „Frankfurter Rundschau” muss immer wieder auf’s Neue über Gewalttaten berichten; so wird z. B. Ende 1947 bei einem Raubüberfall in der Feldbergstraße ein Schwarzhändler erschlagen; außerdem werden während des brutalen Verbrechens zwei völlig unbeteiligte Frauen erschossen. Das ist aber nur die Spitze des Eisberges, vor allem die Kleinkriminalität ist weit verbreitet.

Unter solchen Umständen stimmt die im Film erzählte Geschichte von Pater Flanagan durchaus hoffnungsfroh. Die biographische Hintergrund bezieht sich auf den idealistischen Pater Flanagan, der 1917 in Ohama (Nebraska) eine Landfarm gründet, um  schwer erziehbare männliche Jugendliche auf ein „ordentliches Leben” vorzubereiten. Teufelskerle weiterlesen

Von Mensch zu Mensch

Filmpost Nr. 337  (E. S.) – In Frankfurt werden im Jahr Ende der Vierziger, Anfang der Fünfziger Jahre zahlreiche neue und respektable Lichtspielhäuser eingeweiht. Eines davon ist der „Filmpalast” in der Großen Friedberger Straße 26-28. Zur Eröffnung wird am 27. September 1949 der französische Film Von Mensch zu Mensch gezeigt, der das Leben von Henri Dunant, dem Begründer des Roten Kreuzes, nachzuzeichnen versucht.

Von Mensch zu MenschDer Filmpalast steht an einem traditionsreichem Platz. Schon seit 1929 werden hier Filme gezeigt; das Kino heisst zunächst Roxy-Palast, später dann auch „Pali“ (Palast-Lichtspiele). Und nach der Bombenzerstörung im Zweiten Weltkrieg baut August Reichard das Haus wieder auf und macht im wahrsten Sinne des Wortes einen Palast daraus. Satte 1500 Sessel stehen in dem prächtigen Saal, es gibt zusätzlich einen Rang und Seitenlogen, in denen allein fast 600 Besucher Platz finden. Es gibt auch einen Orchestergraben, in dem 50 Musiker Platz finden, grüner Marmor und indirektes Licht schaffen im Foyer eine heimelige Atmosphäre. Jedenfalls sind die ersten Zuschauer, die den riesigen Saal betreten, – darunter auch der Autor –, beeindruckt von dem Ambiente. Ich jedenfalls war nie zuvor in einem solchen Prachtbau.

Später erhält das Kino als erstes Lichtspiel-Theater in Frankfurt sogar Sitze mit neigbaren Rückenlehnen, was sich allerdings am Anfang als gewöhnungsbedürftig erweist, vor allem bei Filmen, bei denen sich vor Aufregung und Spannung unruhig bewegt wird. Schon wenige Wochen nach der Eröffnung verpachtet Reichard das Haus an den Stuttgarter Kino-König Willy Colm. Von Mensch zu Mensch weiterlesen