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ERICH STÖR schreibt über Filme und Kinos in der Nachkriegszeit

Kategorie: Sozialdrama

Der Seewolf

Illustrierte Filmbühne Nr. 295  (E. S.) – In den Scala-Lichtspielen in Frankfurt am Main startet an Weihnachten 1949 der Warner-Spielfilm Der Seewolf nach dem Roman von Jack London. Die Werbung verspricht „Piratenleben, Meuterei auf See, Sensationen und Abenteuer voller atemberaubender Spannung” und weist zusätzlich daraufhin, der Film basiere auf dem immerhin besten Roman des Abenteuerschreibers.

Der Seewolf Ein guter Grund, sich diesen Film anzusehen. Unter mehreren Filmen suchen meine Freunde und ich uns diesen Seewolf aus, der vor Jahren schon von Hollywoods viel beschäftigtem Zelluloid-Schuster Michael Curtiz in Szene gesetzt worden war. 97 Minuten lang werden die bösartigen Untaten des berüchtigten Kapitäns Wolf Larsen (Edward G. Robinson)  gezeigt, doch es ist letztlich doch nur ein Unterhaltungsspektakel. Der grausame Kapitän Wolf Larsen rettet bei seinen Reisen über See Schiffbrüchige nur deshalb, um sie auf seinem Schiff gefangen zu halten und brutal auszubeuten. Die Solidarität ist gering, jeder auf dem Schiff ist sich in seiner Not nur selbst der Nächste..

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Captain Boycott

Illustrierte Filmbühne Nr. 226  (E. S.) – Als Captain Boycott im Jahr 1948 in den Kinos der britischen und amerikanischen Zone anläuft, können sich viele so genannte „Städter” ein gutes Bild von den Problemen der Landbevölkerung machen, haben sie doch als „Evakuierte” lange Zeit in Dörfern gelebt. Deshalb sind ihnen die Vorkommnisse in dem englischen Film nicht ganz fremd. Denn Differenzen zwischen Großbauern einerseits und kleinen Landwirten sind auch da – wenn auch in abgemilderter Form – immer wieder aufgetreten.

Captain BoycottIm Mittelpunkt von Captain Boycott steht ein weitaus größeres Problem. Es geht um den Widerstand irischer Landpächter und Landarbeiter gegen die massive, brutale Unterdrückung und Ausbeutung durch die Großgrundbesitzer, exzessiv vorgeführt vom adligen Earl of Erne und seinem recht rüden Verwalter und Geldeintreiber Charles Boycott (Cecil Parker). Es ist ein höchst sozialpolitischer Film, allerdings eingebettet in einer ziemlich am Rande des Geschehens spielende Liebesgeschichte zwischen dem patriotischen Landwirt Hugh Davin (Stewart Granger) und der hübschen Anne Killain (Kathleen Ryan). Schauplatz des Geschehens ist Irland im Jahr 1880, als ein schon länger schwelender Konflikt offen ausbricht, weil das schlechte Wetter dem Land eine Missernte beschert hat. Der Earl of Erne und auch Captain Boycott bleiben vom Wunsch nach einer Pachtminderung ziemlich unberührt. Charles Boycott selbst – ein ehemaliger, strammer englischer Armeeoffizier – reagiert stattdessen mitleidlos mit Räumungsbefehlen, setzt Arbeiter aus der Stadt Ulster als Erntehelfer ein und lässt diese durch Soldaten beschützen.

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Die Weber von Bankdam

Illustrierte Filmbühne Nr. 208 (E. S.) – Eine beachtliche Flut von belanglosen deutschen Filmstreifen, amerikanischen Melodramen und auch britischen Kriminalreißern und Kostümschinken schwappt nach dem Krieg neben einigen wenigen deutschen„Trümmerfilmen”, die sich um Aufarbeitung der Vergangenheit bemühen, in die deutschen Kinos.

Weber von BankdamEiner der vielen englischen Filme heisst Die Weber von Bankdam, in dem auch einige sehr interessante sozialpolitische Aspekte erörtert werden, wenn auch unverhohlen aus der Sicht des Kapitals. Dabei steht der Blickwinkel der Besitzenden im Mittelpunkt, wobei sich um das Jahr 1860 ein Unternehmer und seine zwei Söhne in der Grafschaft Yorkshire bekriegen, um die Sicherung des Profits und des Erbes im konservativen und recht verkrusteten viktorianischen Zeitalter zu gewährleisten. Der Manchester-Kapitalismus hat Hochkonjunktur, die Arbeiter haben weder Rechte, noch eine soziale Absicherung. Gewerkschaften sind nicht zugelassen, Krankheit oder Arbeitslosigkeit werden von den Unternehmern schlicht als individuelle Risiken der Lohnabhängigen betrachtet. Die Arbeitszeit beträgt zehn bis zwölf Stunden, der Lohn reicht kaum, um die Existenzgrundlage zu sichern. Der Film schenkt dem wenig Aufmerksamkeit, sorgt sich dagegen eher um die Wohlhabenden. Immerhin sind viele dieser Probleme den Menschen im Nachkriegsdeutschland nicht gerade unbekannt, haben sie doch lange und täglich damit zu tun gehabt, sich in der schwierigen Wirtschaftslage über Wasser zu halten. Erst nach der Währungsreform ist einiges besser geworden.

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Die Entscheidung

Illustrierte Filmbühne Nr. 207 (E. S.) Als in den Ton-Lichtspielen in Rödelheim an Weihnachten 1948 der MGM-Film Die Entscheidung gezeigt wird, preisen der Kinobesitzer und der Verleiher den Film „als die bewegte Liebesgeschichte einer entsagenden Frau” mit Greer Garson „als Gestalterin einer echten Frauenrolle.” 

Die EntscheidungDer Film bietet jedoch wesentlich mehr als diese oberflächliche Reklame beschreibt, denn er zeigt Probleme im Zusammenhang mit Klassenkämpfen. Das ist gerade in der Nachkriegszeit von Bedeutung, denn wegen der schlechten Entlohnung und der insgesamt schwierigen Versorgungslage der arbeitenden Menschen kommt es immer wieder zu Protesten. So haben sich gerade Mitte November sowohl in der britischen als auch  amerikanischen Zone rund neun Millionen Arbeitnehmer an einem 24stündigen Generalstreik gegen die Preissteigerungen beteiligt. Auch im Film spielen – neben der Liebesgeschichte – streikende Arbeiter eine wichtige Rolle, sind allerdings nur Staffage, um der Love Story entsprechende Würze zu geben. Dass in der Darstellung dabei einige ungenaue Bilder von den Lohnempfängern gezeichnet werden, nimmt dem ansonsten guten Film leider einiges von seiner Glaubwürdigkeit. Mary Rafferty (Greer Garson) kommt als Tochter eines irischen Arbeiters im Jahr 1873 als neues Dienstmädchen in die Fabrikanten-Familie von William Scott nach Pittsburgh. Ihre Liebe zu dem Sohn des Hauses (Gregory Peck) führt zu vielen Komplikationen, zumal im Hintergrund die Standesunterschiede eine wichtige Rolle spielen – sowohl in objektiver Hinsicht, als auch bei den subjektiven Empfindungen der Beteiligten.

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Das grünende Korn

Illustrierte Filmbühne Nr. 120 (E. S.) – Der Titel dieses Films erzeugt eine mehr als positive Wahrnehmung. In Wirklichkeit ist es oft nur äußerlich so grün in Wales; der soziale Hintergrund der von Kohle geschwärzten Kumpel im Jahr 1895 in einer Bergarbeitersiedlung setzt freilich ganz andere Akzente.

Das-grünende-KornIn unserer Schule wird 1946 das Fach Gemeinschaftskunde eingeführt. Lehrer Heinz M. versucht den Schülern, die in der Nachkriegszeit mit vielen eigenen Problemen konfrontiert sind, die Sinne zu schärfen für die Not anderer. Im Zusammenhang mit der Lage der Kumpel im deutschen Kohlenpott erklärt er uns auch die Situation der Bergarbeiter im 18. und 19. Jahrhundert in Wales. Er berichtet vom harten Leben in den Schächten; von der Armut  und den täglichen Sorgen der Familien. Die Löhne sind niedrig, die Mieten in den Werkswohnungen der Unternehmer überhöht. Die Abhängigkeit geht so weit, dass die Arbeiter die Lebensmittel zu überhöhten Preisen von den Bergwerksgesellschaften kaufen müssen, die diese vorher in Massen eingekauft haben. Die meisten Unternehmer ziehen die Kosten für diese Waren gleich vom Lohn ab. Vermeintliche (oder tatsächliche) schlechte Arbeitsleistung wird mit Lohneinbußen bestraft.

Kinderarbeit ist an der Tagesordnung, besonders betroffen davon sind die Buben. Wenn sie selbstständig genug sind, müssen sie als Handlanger in den Hüttenwerken zupacken. Weil sie noch klein sind, werden sie insbesondere dazu benutzt, um unter Tage die Förderwagen aus den hintersten, niedrigen Stollen herauszuziehen. Das, was uns der Lehrer berichtet, ist alles  auch im Film Das grünende Korn zu sehen, den ich wenige Tage später sehe.

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Das verlorene Wochenende

Illustrierte Filmbühne Nr. 60  (E. S./M. F.) – Als der Paramount-Film Das verlorene Wochenende im Jahr 1948 in die Frankfurter Kinos kommt, ist es für viele Zuschauer ein bedrückendes Ereignis, denn in den Jahren davor ist das Publikum durch die deutschen Firmen UFA, Terra, Tobis und andere  weitgehend mit leichten Komödien, seichter Unterhaltung oder Durchhaltestreifen „verwöhnt” worden.

Das verlorene WochenendeUnter solchen Umständen ist ein Film der so genannten „Schwarzen Serie” aus Hollywood dann doch ein recht starkes Kontrastprogramm. Doch abgesehen davon spielt Alkohol zu dieser Zeit auch im realen und wirklichen Leben des zerteilten Deutschlands durchaus eine Rolle. Bei den Bauern auf dem so genannten flachen Land ist noch immer der selbst gebrannte Schnaps aus Kartoffeln in „Mode”, in Frankfurt wird gelegentlich Bier-Ersatz auf Brotmarken der Lebensmittelkarten ausgegeben; klar, die Kriegsereignisse haben viele Menschen ohnehin aus der Bahn geworfen; die  Schwarzhändler verschieben Spirituosen. Das Thema Alkohol ist für die Zuschauer also nicht außergewöhnlich, sie sind jedoch stark beeindruckt von der intensiven Darstellung des Alkoholismus und seiner Folgen auf der Leinwand, kein Wunder auch, lässt das Drama um den New Yorker Schriftsteller und Trinker Don Birnam den meisten Besuchern den Atem stocken. Das Geschehen des Films bezieht sich dabei auf nur drei Tage, ein verlängertes Wochenende.

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Das große Treiben

Illustrierte Filmbühne Nr. 54  (E. S.) E– in spannender englischer Abenteuerfilm, der in Australien spielt und auf einer wahren Begebenheit beruht, kommt im Herbst 1947 in die deutschen Kinos; er zeigt eine  Kombination von persönlichem Engagement in den Kriegszeiten sowie Leidenschaft und Romantik, garniert mit überaus beeindruckenden Landschaftsaufnahmen: Das große Treiben, so der Titel, bezieht sich auf ein Ereignis zu Beginn des Weltkrieges, das eine Gruppe entschlossener Farmer bei der Rettung ihrer Rinder zeigt.

Das große TreibenIn den Frankfurter Metzgereien wird gegen die Vorlage der Lebensmittel-Marken im Herbst des Jahres 1947 gelegentlich auch Hammelfleisch aus Australien verkauft. Der Geschmack ist miserabel, und so ergibt sich zwangsläufig eine gewisse Abneigung gegen das Vieh aus dem fünften Kontinent. Mit solchen Vorbehalten geht jedenfalls mancher Besucher in einen Film, der in Australien spielt, wobei das natürlich völliger Blödsinn ist. Der Film entschädigt dann auch für das zähe Fleisch auf dem Mittagstisch, zumal die Geschichte spannend genug ist. Als nämlich japanische Truppen 1942 dem australischen Kontinent immer näher kommen, werden die dortigen Einwohner von der Regierung aufgefordert, ihre Heimat zu verlassen, ihre Habe zu vernichten und auch die Rinder zu töten. Doch eine kleine Gruppe von Ranchern und Führung von Dan McAlpine beschließt stattdessen, mit dem Vieh einen Monate anhaltenden Treck quer durch das endlose Land zu unternehmen. 1600 Meilen weit.

Es ist ein Film mit halb dokumentarischem Charakter, da er sich teilweise auf tatsächliche Ereignisse bezieht. So ist ein fesselnder und zugleich auch großartig fotografierter Bericht über ein durch Kriegsgefahren hervorgerufene Situation entstanden.

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In Ketten um Kap Horn

Illustrierte Filmbühne Nr. 20  (© E. S.) – Irgendwie ist das Drumherum noch immer ein wenig beängstigend – als die Scala-Lichtspiele am 21. September 1947 mit dem Film In Ketten um Kap Horn den Betrieb wieder aufnehmen, bietet die Frankfurter Innenstadt ein Bild der Zerstörungen. Doch die Menschen strömen in die Kinos, Unterhaltung ist gefragt, auch wenn es nicht immer die beste ist… 

In Ketten um Kap HornDas Kino befindet sich ganz am oberen Ende der Schäfergasse (Hausnummer 29). Die Große Friedberger Strasse, die Alte Gasse, Petersstraße und die Vilbeler Straße bilden hier eine große Kreuzung; einst hieß dieser Ort nach der nebenan stehenden Kirche auch Petersplatz. Die inzwischen notdürftig hergerichtete, aber freundlich-helle Fassade des Traditionshauses täuscht freilich nicht über die Trümmerberge hinweg. Das Haus links neben dem Eingang ist völlig zerstört, rechter Hand sind die Außenfronten übersät mit Einschlägen von Bombensplittern, die Fensterhöhlen sind nur provisorisch hergerichtet. Und direkt neben dem Eingang, wo die Menschen in einer langen Schlange anstehen, liegen immer noch Berge von Schutt.

Die Menschen, die von Alltagssorgen geplagt werden, suchen hier nach Zerstreuung, wollen etwas erleben. Kino heisst das Zauberwort, auch bei dem Film In Ketten um Kap Horn. Es ist allerdings ein bisschen viel an Dramatik, was den Zuschauern da vorgesetzt wird, auch wenn das Ganze auf einem Tatsachenbericht von Richard Henry Dana (Brian Donlevy) beruht, der selbst auf dem Schiff mitsegelte.

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Mädchen im Rampenlicht

Illustrierte Filmbühne Nr. 8  (E. S.) – 1947 kommt ein amerikanischer Revue-und Musikfilm in die deutschen Kinos, der persönliche Geschichten rund um die berühmten und legendären „Ziegfield Follies” erzählt. Ziegfeld selbst taucht nicht auf in dem Streifen – im Blickpunkt stehen vor allem die weiblichen Stars Judy Garland, Hedy Lamarr und Lana Turner; James Stewart ist in einer Nebenrolle zu sehen.

Mädchen im RampenlichtDer Film läuft dann in Frankfurt irgendwann auch im Lichtspiel-Theater von Herrn Gustav Kilian in der Wallstraße 22 in Sachsenhausen und der Zeitzeuge Erich S. berichtet, auf welch eher eigenartige Weise er den Film Mädchen im Rampenlicht – und das sogar ohne jedes Billett – gleich mehrmals, aber nur in kleinen Häppchen zu sehen bekommt.

„Die Kopien waren sehr knapp und so mussten sich meistens zwei Kinos, die ziemlich dicht beieinander lagen, eine Wochenschau teilen. In Sachsenhausen waren das die Harmonie und das Wall-Kino. Mehrmals am Tag musste also die Kopie von dem einen in das andere Kino geschleppt werden. Und so wurden dann auch die Anfangszeiten so aufeinander abgestimmt, so dass das irgendwie immer klappte. Dabei gab es für uns kleine Botenjungen oft Gelegenheit, Teile des Hauptfilms zu sehen. So richtig komplett aber nie. Das spielte aber auch keine so große Rolle, denn es interessierte uns nicht so sehr die Handlung als vielmehr ein Blick auf Judy Garland, Hedy Lamarr und Lana Turner.”

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