Du lebst noch 105 Minuten

Illustrierte Filmbühne Nr. 1160 (E. S.) – Eine neurotische und zudem gehbehinderte Frau liegt krank im Bett, sie ist allein in ihrem luxuriösem Haus, sie versucht ihren Mann im Büro zu erreichen… Ihre Dienerschaft hat sie weggeschickt, denn sie erwartet ihren Mann. Doch der kommt nicht. Sie ruft ihn im Büro an… Ein Knacken in der Leitung, unbekannte Männerstimmen besprechen einen Mordplan an einer einsamen Frau im Herzen von New York…

Du-neuFurcht breitet sich aus in ihr. Leona Stevenson (Barbara Stanwyck) hört gebannt zu, noch ahnt sie nicht, dass sie selbst gemeint sein könnte. Sie versucht, telefonisch auf den Mordplan aufmerksam zu machen, 105 Minuten lang, bei der Telefongesellschaft, bei der Polizei, bei ihrem Vater, bei ihrem Arzt – alles erfolglos. In diesem schlimmen Minuten erkennt sie in wachsender Verzweiflung, dass es um sie selbst geht, dass sie selbst das Opfer sein wird… Kurz vor 23.15, der verabredeten Mordzeit, hört sie Schritte auf der Treppe, der gedungene Mörder schleicht sich heran, um die Tat auszuführen, die ihr eigener Ehemann Henry (Burt Lancaster) selbst in Auftrag gegeben hat. Endlich gelingt es ihr, mit Henry zu sprechen, doch es ist zu spät, die Uhr tickt unbarmherzig ihrem Ende entgegen. Du lebst noch 105 Minuten weiterlesen

Weißes Gift

Illustrierte Filmbühne Nr. 1103 (E. S.) – Ein amerikanischer Freund ist höchst irritiert. In den Zeitungen liest er Berichte über den Hitchcock-Film Weißes Gift, und da ist von einem Rauschgift-Drama die Rede – er selbst aber hat den Film in den USA bereits gesehen und schwört Stein und Bein, es gehe nicht um irgendwelche Dealer, sondern um Nazi-Spione und um die Jagd nach Uran.

Nachforschungen ergeben, dass der Freund recht hat. Die deutschen Zeitungen haben jedoch von der Manipulation keine Ahnung. In einer Frankfurter Tageszeitung ist im September 1951 die Version zu lesen, dass es sich bei Ingrid Bergman um eine kratzbürstige „Wildkatze” handelt, bei Cary Grant um einen schlichten Detektiv und bei Claude Rains um einen gefährlichen Rauschgiftkönig. „Zwischen ihnen spielen sich dialoggeladene Seelenkämpfe ab, die am Rande des weißes Giftes üppig gedeihen”, schreibt der getäuschte Filmkritiker. Es ist die Rede von Hass, Liebe, Kriminalität und Psychologie. Tatsächlich aber hat der Verleih den Film für die deutschen Zuschauer gefälscht. Aus Nazispionen sind internationale Rauschgiftschmuggler geworden. Der Grund für den Schwindel ist politischer und wirtschaftlicher Natur: Wie in vergleichbaren anderen Fällen auch (z. B. „Casablanca”) will der Verleih die deutschen Zuschauer nicht mit der eigenen düsteren Vergangenheit konfrontieren, natürlich auch in Erwartung auf gut gefüllte Kinokassen. Weißes Gift weiterlesen

Gehetzt

Illustrierte Filmbühne Nr. 1093 (E. S.) Psychologische Differenzierung, dichte Atmosphäre und die analytisch-kritische Darstellung einer aus Dummheit und Engherzigkeit geborenen Massenhysterie machen ihn zum Klassiker seines Genres und zum amerikanischen Gegenstück zu dem dramatischen Streifen „M” (Deutschland 1931).

GehetztGute und spannende Filme starten Anfang der Fünfziger Jahre nicht immer in den Premierentheatern Frankfurts: etwa im Turm- oder Filmpalast oder im Metro im Schwan. Kleinere Verleiher wie etwas die amerikanische United Artists müssen zur Erstaufführung oft in Häuser der zweiten Kategorie ausweichen. Ein Beispiel dafür ist der Film Gehetzt, der erstmals nach dem Krieg für wenige Tage in der Mainmetropole im Hansa und Roxy zu sehen ist. Der Streifen ist schon satte 15 Jahre alt, sein Regisseur heisst Fritz Lang. Von Lang weiß ich zu dieser Zeit nur, dass er in Deutschland mit dem Stummfilm Metropolis (1923) zu Berühmtheit gelangt ist, und 1932 mit „M” einen frühen Tonfilm-Klassiker geschaffen hat – ein Streifen, in dem Peter Lorre als gejagter Mörder eine Glanzleistung abliefert. Gehetzt weiterlesen

Unter Geheimbefehl

Illustrierte Filmbühne Nr. 1043 (E. S.) – Die Maschinerie der US-Polizei läuft in dem Thriller „Unter Geheimbefehl“ auf Hochtouren. Im Mittelpunkt des Geschehens steht dabei Leutnant Dr. Clinton Reed (Richard Widmark), ein junger Arzt der Gesundheitspolizei, der bei einem ermordeten Mann einen Fall von Lungenpest diagnostiziert hat. Reed überzeugt die Behörden von der Gefahr einer drohenden Epidemie, und unter größtem Zeitdruck beginnt die Jagd nach den Mördern und anderen Kontaktpersonen, könnten sie doch selbst bereits infiziert sein.

Unter GeheimbefehlDie drohende Seuche in der Stadt New Orleans ist ganz real. Das ist jedoch nur der vordergründige Inhalt des spannenden Films. Weit brisanter ist die Frage, ob eine Behörde die Bevölkerung vor einer drohenden Gefahr dieser Art warnen soll oder nicht. Denn weil ein Reporter Wind von der Sache bekommen hat und eine Veröffentlichung bevorsteht, wird er vorübergehend festgenommen und „aus dem Verkehr” gezogen; erst auf Anordnung höherer Chargen wird der Journalist wieder freigelassen, denn schließlich geht es hier auch um die besonders in den USA hoch gelobte Freiheit der Presse. Offensichtlich im Bewusstsein dieser Problematik lädt der Fox-Filmverleih wenige Tage vor der Aufführung des Films im Frankfurter Filmpalast im August 1951 einige Mitarbeiter des Gesundheitsamtes, Beamte der Frankfurter Polizei und Journalisten zu einer Sondervorführung ein, um just über diese Frage der Pressefreiheit zu diskutieren.

Als im Film die Festnahme des Zeitungsmannes gezeigt wird, gibt es unter den anwesenden Polizisten spontanen Beifall, was von den Pressevertretern in der anschliessenden Gesprächsrunde als Ausdruck der Tatsache angesehen wird, „dass die unteren Beamten die notwendige Zusammenarbeit zwischen Polizei und Presse in einem demokratischen Staat offenbar noch nicht ganz verstanden haben.” (Frankfurter Rundschau vom 2. August 1951). Unter Geheimbefehl weiterlesen

Eine Stadt hält den Atem an

Das Neue Filmprogramm (E. S.)  – Seit den Atombombenabwürfen auf die japanischen Städte Hiroshima (6. August 1945) und Nagasaki (9. August 1945) weiß die Menschheit, welches ungeheure Zerstörungspotenzial in diesen Waffen steckt. Wegen dieser schrecklichen Erkenntnis kommt es zu einem erbitterten Wettlauf um die Vervollkommnung der Bombe zwischen den USA und der Sowjetunion.

Der Kampf um das für die Bombe wichtige Uran und diverse Spionageeinsätze verschärfen das Tempo der Entwicklung. Nachdem die USA 1946 auf dem Bikini-Atoll in der Südsee zu Testzwecken Bomben explodieren lassen, zieht die die UdSSR nach und bringt am 29. August 1949 auf dem Gelände in Semipalatinsk in Sibirien ihre eigene Waffe zur Detonation. Dieser Wettlauf schlägt sich auch in verschiedenen Filmen nieder. Einer dieser Streifen im halb dokumentarischen Stil kommt aus Großbritannien und heisst Eine Stadt hält den Atem an. In der Handlung bringen heftige Gewissensbisse  über die mörderischen Möglichkeiten seiner Arbeit sowie die seelische Belastung seiner Arbeit den britischen Atomwissenschaftler Professor Willingdon (Barry Jones) völlig aus der Fassung und treiben ihn an den Rand eines Nervenzusammenbruchs. Willingdon droht damit, London in die Luft zu sprengen, wenn die Regierung seine Forderung nach einem Atomwaffenstop nicht erfüllt. Er stellt der Regierung ein Ultimatum von sieben Tagen. Scotland Yard wird alarmiert, das Kabinett tagt ununterbrochen… Eine Stadt hält den Atem an weiterlesen

Staatsgeheimnis

Das Neue Filmprogramm (E. S.) In der Bundesrepublik startet am 11. August 1950 der britische Film Staatsgeheimnis. Überraschend dabei ist, dass er bereits einen Monat vor der Heimatpremiere  in Großbritannien (11. September 1950) in die Kinos kommt. Auch in Schweden (3. Juli 1950) wird der Streifen früher in die Kinos gezeigt als im Vereinigten Königreich. 

StaatsgeheimnisIn Frankfurt am Main läuft Staatsgeheimnis am 10. Oktober 1950 gleichzeitig in den Innenstadt-Häusern der heftig konkurrierenden Frankfurter Kino-Zaren Siegfried Lubliner (Bieberbau) und Wollenberg (Luxor) an. Eine Zeitungskritik in der Frankfurter Rundschau macht die Filminteressierten auf den Thriller aufmerksam. „Dieser Film stellt keine nervenkitzelnde Utopie dar, sondern eine erschreckende (…) Wirklichkeit. Sein Dramaturg ist die Angst: die Angst vor dem grauenhaften Gestern der Diktatur und der Gefahr ihrer Ausbreitung im Morgen”, heisst es da, und weiter: „Die aalglatte Umgangsform der Tyrannei, die tödliche Scheinphilosophie der Staatsräson, der Biedermann mit dem Bluthundinstinkt: wir kennen das alles, haben es am eigenen Leibe bitter erfahren müssen.” Gleichwohl wirkt der Film nicht immer nur furchteinflößend auf die Kinobesucher, sondern enthält manche Passagen mit satirisch-komödiantischen Elementen zur Rolle von Diktatoren und deren totalitären Machtstrukturen: „Der Witz, der hier zuweilen waltet, enthüllt Abgründe, vor denen wir schaudern stehen”,  formuliert die eingangs erwähnte Zeitung. Staatsgeheimnis weiterlesen

Epilog – Das Geheimnis der Orplid

Illustrierte Filmbühne Nr. 905 (E. S.) – Das turbulente Geschehen ist  verschwommen, es fällt sichtlich schwer, den turbulenten Ereignissen im Film zu folgen. Als ich Epilog – Das Geheimnis der Orplid im Frankfurter Filmpalast in der Großen Friedberger Straße zu sehen bekomme, bestimmen internationale Schieber, dubiose Waffenhändler, Bombenleger, FBI-Agenten und einige harmlose Schiffspassagieren die Szenerie – Mord und Totschlag eingeschlossen.

EpilogUnd es ist ein durchaus übles Spiel. Weil ein von einem  früheren Nazi-Funktionär erbautes Schiff in der Nordsee (auf der Überfahrt von Hamburg nach Schottland) verschollen ist, versucht nun der junge  Journalist Peter Zabel (Horst Caspar), die letzten Stunden auf der Luxusjacht zu rekonstruieren. Dabei kommt er dunklen Geschäften auf die Spur. An Bord befand sich nämlich nicht nur ein dunkler Waffenhändler namens Hill (Arno Paulsen), sondern auch ein gefährlicher Bombenleger (Carl Raddatz) sowie ein FBI-Agent (Peter van Eyck). Doch beide spielen zunächst andere Rollen. Der Bombenmensch hat sich als Pianist getarnt, der FBI-Mann aus den USA gibt den charmanten, geheimnisvollen  Steward.

Es ist eine bunt zusammen gewürfelte Hochzeitsgesellschaft, die sich neben den bereits erwähnten Bar-Klimperer und dem Polizisten noch auf dem Schiff befunden hat: Der reiche Mr. Hopman zum Beispiel, Eigner des Kahns, und nebenbei auch noch  internationaler Schiebergeschäfte verdächtig, der undurchsichtige Bräutigam Martin Jarzombeck (Hans Christian Blech) seine Braut Conchita (Irene von Meyendorff), ein Pastor (Rolf von Nauckhoff) sowie  die Malaiin Leata, wobei diese Aufzählung unvollständig ist. Epilog – Das Geheimnis der Orplid weiterlesen

Der Wahnsinn des Dr. Clive

Illustrierte Filmbühne Nr. 815 (E. S.)  – Die ein wenig oberflächliche Steve Riordan (Sally Gray), Gattin eines Arztes in London, hat viele Freunde, darunter auch den amerikanischen Diplomaten Bill Kronin (Phil Brown). Den jedoch kostet die Bekanntschaft fast das Leben, denn der mehr als eifersüchtige und dem Wahnsinn nahe Dr. Clive (Robert Newton) plant den perfekten Mord an dem vermeintlichen Liebhaber. Ein Alptraum für das Opfer.

Wahnsinn CliveHat der Regisseur Edward Dmytryk hier etwa eigene Erfahrungen verarbeitet?  Es könnte sein. Denn Antikommunismus hat bekanntlich Hochkonjunktur in den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg, besonders intensiv in den USA. Und Edward Dmytryk, wegen einer kurzen Mitgliedschaft in der US-KP vom so genannten „Ausschuss für unamerikanische Umtriebe“ unter Senator John McCarthy verfolgt und zu einer Strafe von sechs Monaten Gefängnis verurteilt, arbeitet also jetzt in Großbritannien, denunziert aber 1951 einiger seiner früheren Mitstreiter, was ihm von Kritikern und Kollegen im Verlauf seiner weiteren Karriere niemals verziehen wird; er wird – trotz weiterer Erfolge – von vielen geschnitten. Unter seinen britischen Filmen ist jedenfalls auch Obsession, welcher in Deutschland unter dem Titel Der Wahnsinn des Dr. Clive in die Kinos kommt, und der gelegentlich an Filme von Alfred Hitchcock erinnert.

Renate Bang, Filmkritikerin der Zeitung „Frankfurter Rundschau“, und lange Zeit eine überaus liebenswerte Kollegin, sieht in dem Film jedenfalls einen „Kampf der Nerven und der geistigen Kräfte“, dazu „lasterhafte Intelligenz und raffinierten Sadismus.“ Lässt sich daraus ableiten, dass der Regisseur auf die eigene Situation anspielt? Die Frage bleibt offen, obwohl die Handlung durchaus entsprechende Schlüsse zulässt. Der Wahnsinn des Dr. Clive weiterlesen

Der unheimliche Gast

Illustrierte Filmbühne Nr. 717 (E. S.) – Ein leicht gruseliger Film erwartet uns Anfang Juli 1950 im Frankfurter Roxy-Kino: Gespenstisch ja, aber doch nicht im Bereich des Horrors. Zwar sind die Zutaten durchaus vorhanden, aber weil die Erzählung – trotz einiger humoristischer Einlagen – nicht als Komödie angelegt ist, wirkt manches  kaum glaubhaft, auch mit der Logik hapert es gelegentlich. Es ist eben eine „Geistergeschichte”.

Der-unheimliche-GastSo etwas stösst natürlich immer auf großes Interesse, zumal Filme dieses Genres zu dieser Zeit nicht übertrieben oft vorgeführt werden. Und die von dem Stückeschreiber Shakespeare niedergeschriebene Erkenntnis eines gewissen Herrn Hamlet an Freund Horatio, es gäbe ja Dinge zwischen Himmel und Erde, von denen sich niemand träumen lasse, beflügelt die Phantasie und weckt auch leichte Furcht. So geht es wohl auch den neuen Bewohnern eines alten und einsamen Landhauses, das auf den Klippen des südenglischen Cornwalls steht. Spukt dort nachts Der unheimliche Gast? Die Geschwister Pamela (Ruth Hussey) und Roderick Fitzgerald (Ray Milland), die nach einem Urlaub das leer stehende Anwesen vom alten Commander Beech (Donald Crisp) gekauft haben, vermuten es jedenfalls, denn in der Finsternis knarrt es hinter den Wänden, tiefes Seufzen verunsichert die Bewohner, ein geheimnisvolles Klopfen ist zu hören, die Haustiere sind mehr als verschreckt.

Welches Geheimnis also birgt das Haus, das Pamela vor dem Erwerb so anziehend fand; was ist hier einstmals geschehen? Diese Fragen stellen sich nicht nur die Beteiligten, sondern auch das Kinopublikum, das den Film 1950 im Frankfurter Roxy goutiert. Der unheimliche Gast weiterlesen

Arzt und Dämon

Illustrierte Filmbühne Nr. 351  (© E. S.) Ein „Horrorfilm” mit dem Titel Arzt und Dämon wird Anfang August 1949 in Zeitungsinseraten lauthals annonciert, was uns jugendliche Kinogänger allerdings nicht beeindruckt, haben wir doch in den Tagen des Krieges am eigenen Leib erfahren, was Angst und Schrecken im realen Leben bedeutet.

Arzt und DämonDer deutsche Filmstart des MGM-Thrillers ist am 13. Mai mit dem Ende der Berliner Blockade identisch. Auch wenn sich das alltägliche Leben wieder normalisiert und der Wiederaufbau der Stadt nun wieder vorangeht, ist die Zerrissenheit der politischen Lager nicht aufgehoben. Die ständig zunehmende Konfrontation zwischen West und Ost ist beängstigend und schafft  (wenn auch oft unbeabsichtigt) die „Guten” und die „Bösen”. Der Film wirkt deshalb wie eine Parabel auf diese Situation, wenn auch „nur” die Persönlichkeitsspaltung eines Individuums dargestellt wird. Arzt und Dämon weiterlesen