Lichter der Großstadt

Illustrierte Filmbühne Nr. 1105 und Filmkurier Nr. 1578 (E. S.).– „Alle Filme kann man nicht sehen, diesen aber muss man sehen!” erklärt die Zeitungswerbung, als Lichter der Großstadt ab 24. März 1951 für ein paar Tage in einer Wiederaufführung im Luxor in Frankfurt zu sehen ist. In dem mit Musik unterlegten Stummfilm geht es um den Landstreicher Charlie, der sowohl Retter eines exzentrischen Millionärs als auch selbstloser und hilfsbereiter Verehrer eines blinden Blumenmädchens ist.

Lichter

Als Charlie Chaplin bei der deutschen Erstaufführung 1931 in Berlin gefragt wird, ob er auch in Zukunft beim Stummfilm bleiben werde, antwortet er:

„Es wäre die größte Torheit meines Lebens, wenn ich von der Leinwand herunter spräche!…” Und zu den Filmgewaltigen der damaligen Zeit gewandt, ergänzt er: „Sie besaßen (mit dem Stummfilm) das idealste Mittel der internationalen Verständigung. Die ganze Welt verstand das stumme Spiel der Künstler. Aber eines Tages haben Sie dieses Weltprodukt nationalisiert… In diesem Augenblick richten Sie mit ihren französischen, deutschen, spanischen Versionen nur Verwirrung an. Das kostet viel Geld aber der Erfolg ist zweifelhaft.”

Doch gleichwohl nutzt Chaplin in der ironischen und sozialkritischen Tragikomödie Lichter der Großstadt die Möglichkeiten des neuen Mediums, indem er seinen stumm gedrehten Film mit musikalischen Effekten untermalt. Weil er selbst keine Noten lesen und schreiben kann, lässt er seine Ideen von einem Musiker namens Gordon Pollock aufschreiben. Lichter der Großstadt weiterlesen

Der Reigen

Illustrierte Filmbühne Nr. 967 (E. S.) – Das Jahr 1951 wird im Kino vor allem bestimmt von raubeinigen Western-Helden,  dokumentarisch-realistischen Kriminalfilmen amerikanischer Herkunft sowie Heimat-, Unterhaltungs- und Revuefilmen deutscher und österreichischer Zelluloid-Belichter.

Der-ReigenUnter diesen Umständen ist es höchst erfreulich, dass ab 8. Mai 1951 im Frankfurter Bieberbau nahe der Hauptwache der französische Film Der Reigen zu sehen ist – gleichzeitig ist tröstlich, dass die Verfilmung des skandalumwitterten Theaterstücks von Arthur Schnitzler nicht in die Hände deutscher Produzenten gefallen ist. Vermutlich wäre dabei nur ein grobschlächtiger „Sittenfilm“ herausgekommen und gestürzt hätte man sich dabei gewiss auch auf die Skandale von einst, denn das Stück löste nach seiner Uraufführung am 23. Dezember 1920 – erst zwanzig Jahre nach Fertigstellung des Manuskriptes – sowohl am Kleinen Schauspielhaus in Berlin als auch in Wien Theaterskandale aus und führte bald zum so genannten „Reigen-Prozess”, nach dem Schnitzler ein Aufführungsverbot seiner Arbeit hinnehmen musste. Enttäuscht veranlasst Schnitzler später selbst eine Sperre für weitere Aufführungen, die von seinem Sohn sogar bis 1982 verlängert wird. Durch Hörspiele und Filme wird Der Reigen  auf „Umwegen” gleichwohl der breiten Öffentlichkeit bekannt. Anlass für die damalige Empörung sind zehn erotischen Szenen, in denen nicht nur die „unerbittliche Mechanik des Beischlafs“ beschrieben wird, sondern auch die direkt damit zusammenhängenden Themen Macht, Verführung, Sehnsucht, Enttäuschung und Liebe eine zentrale Rolle spielen. Im Mittelpunkt steht dabei die morbide Moral der Gesellschaft, wobei alle sozialen Schichten vom Proletariat bis zur Aristokratie eingebunden sind. Der Reigen weiterlesen

Der Herr vom anderen Stern

Illustrierte Filmbühne Nr. 229  (E. S.) – Eine der interessantesten  Nachkriegsfilme ist die Comedia-Produktion Der Herr vom anderen Stern. Es ist der erste Film der neuen Firma von Heinz Rühmann.  In Frankfurt ist der Film Ende August 1948 in den Kinos Titania und Schauburg zu sehen.

Herr vom anderen SternObwohl der renommierte Theatermann Heinz Hilpert nach zehn Jahren Pause als Regisseur die Schauspieler führt, bleibt der Film beim Publikum ohne große Resonanz. Für kabarettistisch angelegte Filme der Science Fiction-Art ist in der schwierigen, komplizierten Nachkriegszeit, in der die Menschen mit ihren täglichen Problemen zu kämpfen haben, einfach noch kein Platz. Dabei ist es durchaus sinnvoll, mit leichter Satire auf die zahlreichen kle<inen Unzulänglichkeiten der Nachkriegszeit zu reagieren. Zwar kommt der Film bei den Einnahmen mit einem blauen Auge davon, aber er ist auch kein Renner. Das liegt wohl im wesentlichen daran, dass der auf einer Kurzgeschichte von Werner Illing beruhende Film seiner Zeit zu weit voraus ist und außerdem ein wenig bieder daherkommt. Dass der verirrter Sternenbewohner Aldebaran (Heinz Rühmann) auf der Erde landet, die Gestalt eines Menschen annimmt und die täglichen Zwänge des Erdenlebens „geniessen” darf, ist von der Idee hübsch, doch das Hineingeraten in die Mühlen der Bürokratie mit Formularen, Meldeamt, Geheimpolizei und Regierungsgewalt, will (oder kann) vielleicht nicht jeder als kritische Anspielung auf zeitgeschichtliche Gegebenheiten verstehen. Daran ändert auch die eingeflochtene Liebesgeschichte mit der jungen Flora (Anneliese Römer) nichts. Der Herr vom anderen Stern weiterlesen

Goldrausch

Illustrierte Filmbühne Nr. 73  (E. S.) – Zahlreiche Szenen aus Charlie Chaplins Meisterwerk  Goldrausch von 1924 ähneln der Situation nach dem Zweiten Weltkrieg in Deutschland. Es gibt viel Einsamkeit unter den Menschen, es herrscht Hunger und klirrende Kälte im Winter lässt das Land erstarren. Als der Stummfilm im September 1946 in Frankfurt neuerlich in die Kinos kommt, spiegelt sich für viele ihre eigene missliche Situation auf drastische Weise wider.

GoldrauschDem Künstler Charlie Chaplin ist mit dem Film wahrhaft ein Meisterwerk gelungen, das seinen Weltruhm begründet. Auch Chaplin selbst hält Goldrausch ohnehin für seine allerbeste Leistung; denn mit diesem Film wolle er den Menschen in Erinnerung bleiben, hat er einmal geäussert. In ersten Jahrgang der  frühen Filmbühne (Ausgabe Nummer 4) – siehe die Illustration – , die in der bereinigten Chronik später als Ausgabe Nummer 73 geführt wird, heisst es dazu: „Charlies Verkörperung eines vom Unglück verfolgten Menschen, seine Liebe zum Leben, seine Liebe zur Gerechtigkeit, sein ewig freundliches Dulden, machen ihn zum Symbol des einfachen Menschen, der gegen die Tücken des Lebens … kämpft und der siegen wird, wenn er sich selbst und den Gesetzen seines guten Herzens treu bleibt. Charlie Chaplin ist dabei zugleich Autor, Regisseur und Hauptdarsteller des Films, in dem  das Klondike-Goldfieber in Alaska von 1898 beschrieben wird. Unvergesslich ist für viele Besucher wohl die Szene, in welcher der darbende und hungernde Goldsucher Charlie seinen Schuh verzehrt, um bei der Jagd nach Reichtum und Glück zu überleben. Da schliesst sich der Kreis, denn Hunger kennen die Erwachsenen, Jugendlichen und Kinder in allen Kriegsländern ebenfalls zur Genüge. Goldrausch weiterlesen

Mister Deeds geht in die Stadt

Illustrierte Filmbühne Nummer 9 (E. S.) – In der Komödie Mister Deeds geht in die Stadt verteilt der Erbe eines Millionenvermögens kleine und auch größere Almosen und unterstützt Not leidende Farmer. So jemanden hätte man sich auch in den ersten Jahren nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges in in den verschiedenen Besatzungszonen in Deutschland gewünscht. Die Not ist groß, es herrscht im Winter bittere Kälte, und überhaupt…: Auf den Lebensmittelkarten werden 1946 nur 100 Gramm Margarine, 600 Gramm Nährmittel, 125 Gramm Käse und Butter, 200 Gramm Fleisch und 1,6 Kilo Brot ausgewiesen.

Mr. DeedsWie kann Mr. Deeds so großzügig sein? Das fragen sich die Leute im Kino, die den vom Amerikanischen Militär-Filmverleih auf die Leinwände gebrachten Streifen in dieser schwierigen Zeit voller Hoffnung auf das Gute im Menschen sehen. Die Antwort ist einfach. Longfellow Deeds hat satte 20 Millionen Dollar geerbt und kann deshalb aus dem Vollen schöpfen. Das tut er auch, denn Mr. Deeds ist nicht nur ein etwas verschrobener Musikus und überdies ein wenig seltsam-kauzig –  nein, er ist in der profitgierigen Welt ringsumher auch ein reiner Tor. Also verteilt der im Brotberuf als Verseschmied für Postkarten tätige Mann sein unverhofft erlangtes Vermögen unter den nicht gerade gut Betuchten in der Stadt. Das freilich macht ihn höchst verdächtig, verstösst sein Verhalten doch gegen die „Regeln“ einer Gesellschaft, die stets und egoistisch das eigene „Wohlergehen” im Auge hat. So verwundert es niemanden, dass ihn die Obrigkeit wegen dieser ungewöhnlichen Freigebigkeit in’s Irrenhaus stecken will. Auch droht ihm Gefängnis wegen einiger durch das Geld verteilen begangener Verstösse gegen „Recht und Gesetz”. Mister Deeds geht in die Stadt weiterlesen

13 Stühle

Illustrierter Filmkurier Nr. 2840 ( E. S.) – Die reisenden Wanderkinos sind in den 30er und 40er Jahren meist kleine Familienunternehmen, die ihren Ursprung in Zirkuszelten haben, meist mit einem Last- oder Lieferwagen über die kleinen Dörfer tingeln und den Einwohnern ein wenig Aufheiterung in den meist tristen, dörflichen Alltag bringen. In dem winzigen Ort Reichenborn (Westerwald) kommen auf diese Weise beim Lustspiel 13 Stühle viele Dorfbewohner und Evakuierte in Berührung mit den Komikern Heinz Rühmann und Hans Moser. Der Krieg tobt, und es gibt immer noch Unterhaltung dieser Art. Irgendwie ist es komisch. 

13 StühleBeim reichsten Bauern des Dorfes steht eine große Scheune, die für Feste aller Art genutzt wird: Tanzabende, Versammlungen – und sie dient auch dem Wanderkino als Vorführsaal. Ein altes und bereits ziemlich klappriges Auto mit Holzvergaser rumpelt über die holprige Straße auf den Hof; eine Leinwand wird ausgeladen und schnell aufgestellt, Lautsprecher und dazu ein 16-Millimeter-Projektor installiert. Es ist ein Sonntag im wahrhaft sonnigen Frühjahr 1945, die Alliierten sind im Sommer zuvor bereits an der Küste der Normandie gelandet, aus den Volksempfängern tönt nach den Berichten „über die Lage“ vor allem Schlagermusik, so als sei die Welt durchaus noch in Ordnung. Doch das tägliche Brot der aus der Stadt Geflüchteten hieß bisher Fliegeralarm, Entwarnung, Bunker, Brand- und Sprengbomben, Hunger und viel Angst.

Nach mehrtägigen, schweren Fliegerangriffen im März 1944 sind viele „Ausgebombten” aus Frankfurt nach Reichenborn evakuiert worden. Doch auch die Kinder spüren – obwohl es hier vorerst noch einigermaßen ruhig zugeht – das Kriegsende nahen. Auf der etwas entfernten Landstraße ziehen Kolonnen von deutschen Militärfahrzeugen vorbei, eindeutig auf dem Rückzug, am Frühlingshimmel transportieren amerikanische und britische Fliegerbände ihre tödliche Last in die Großstädte. Und nun also als Abwechslung der Kinotag. 13 Stühle weiterlesen