Mit Büchse und Lasso

Illustrierte Filmbühne Nr. 518  (E. S.) – Am 6. März 1950 lese ich in der Tageszeitung „Frankfurter Rundschau” eine kurze Besprechung über einen Film mit John Wayne. Der Kritiker kommt zu dem Schluss, dass Der Rächer der Enterbten ein  ordentlich und „gut fotografierter, schwungvoller Wildwest-Reißer nach altbewährter Hollywood-Machart ist: „Dunkle Morde, Schurkereien, zwei junge Damen, ein verwaiste Farm und etwas Liebe”, schreibt der Mann, „sind die Zutaten dieser Abenteuerlichkeit”. Und ergänzend: „Zwar alles nach Schema F, aber aus dem ff gekonnt!”

Mit Büchse und LassoGleichwohl ist mein Erstaunen groß, erhalte ich doch an der Kasse eine „Illustrierte Filmbühne” mit dem Aufdruck Mit Büchse und Lasso. Was hat das zu bedeuten? Bin ich vielleicht in den falschen Film geraten? Mitnichten. Vielmehr zeigt sich, wie diffizil, aber auch kopflos das Filmgeschäft sein kann. Erst zerbrechen sich die Verleiher lange die Köpfe, um einen wirklich guten, zugkräftigen Namen zu finden, geraten bei mangelndem Interesse des Publikums schnell in Panik, und versuchen mit einem anderen Titel neue Aufmerksamkeit beim Publikum zu erregen. Unklar bleibt allerdings, ob in diesem Fall eventuell juristische Probleme bei der Titeländerung eine Rolle spielen. Aber ungeachtet dessen bleibt es kurios und merkwürdig, dass dieser eher zweitklassige Wildwest-Streifen außer mit den Titeln Mit Büchse und Lasso und Der Rächer der Enterbten auch unter   den weiteren Bezeichnung In Arizona ist die Hölle los und Der Fremde aus Arizona in die Lichtspielhäuser geschickt worden ist. In Österreich heisst der Film sogar nur ganz schlicht nur Wildwest. Alles klar? Mit Büchse und Lasso weiterlesen

Überfall der Ogalalla

Illustrierte Filmbühne Nr. 515 (E. S.) – Als der Film Überfall der Ogalalla am 11. November 1949 in die bundesdeutschen Kinos kommt, gibt es noch durchaus frische Erinnerungen an die schwierigen Zeiten nach dem Krieg, als die Suche nach Verwandten und Angehörigen oftmals an den meist fehlenden Telefon- oder Telegrafenverbindungen scheiterte. Für viele Zuschauer in der Frankfurter Scala ist es sogar noch 1950 auf Grund solcher Erfahrungen aus der Nachkriegszeit nachvollziehbar, wie wichtig der schwierige und komplizierte Bau der Telegrafenleitung durch die USA 1861 gewesen sein muss. 

ÜberfallOgallalaIn Deutschland ist in den ersten Jahren nach dem Kriegsende vieles sehr problematisch, denn als nach der Kapitulation im Mai 1945 die öffentlichen Verbindungen ins Ausland (und teilweise auch innerhalb der Zonen) von den Alliierten gekappt worden waren, ist die Kommunikation zwischen den Menschen – besonders für jene, die intensiv nach Angehörigen suchen –  sehr schwierig, wenn nicht gar unmöglich gewesen. (Der Autor erinnert sich noch gut daran, wie schwierig es war, Kontakt zwischen der evakuierten Familie im Westerwald und dem in Frankfurt weilenden Vater auf zu nehmen). Erst ab April 1947 ist das Telegrafieren ins Ausland in kleinerem Umfang zugelassen, ab 1. November 1948 dürfen dann wieder Nachrichten ohne Einschränkung verschickt werden.

Vielleicht gerade wegen solcher eigenen Erlebnissen schärft der Streifen den Blick für die Wichtigkeit dieses historischen Bauvorhabens. Und was auf den ersten Blick wie ein billiger B-Western daherzukommen scheint, ist außerdem einer der authentischsten Filme des beliebten Genres. Regisseur ist schließlich kein Geringerer als Fritz Lang. Überfall der Ogalalla weiterlesen

Der schwarze Reiter

Illustrierte Filmbühne Nr. 433  (E. S.) Wer sich außer für spannende Filme auch noch für Fußballspiele interessiert, muss als Frankfurter Ende Dezember 1949 ein paar bittere Pillen schlucken. Die Eintracht verliert nacheinander einige Spiele, was mehr oder weniger klaglos hingenommen wird. Doch dass darunter auch zwei deftige Niederlagen gegen die Kickers aus der Nachbarstadt Offenbach sind, schmerzt dann doch mehr als erwartet.

SchwarzerReiterErst schlagen die Kickers die „Adlerträger” im Punktspiel der Süddeutschen Oberliga am Bieberer Berg mit sage und schreibe 6:2 Toren, acht Tage später (am 2. Weihnachtsfeiertag) gibt es sogar am Bornheimer Hang – zu dieser Zeit ist es die Spielstätte der Eintracht – im Endspiel des Hessenpokals ein deftiges 1:4 gegen den ungeliebten Konkurrenten. Unter solchen Umständen kommt ein Kinobesuch gerade recht, um die Stimmung wieder zu heben. Das kann natürlich nur ein Western sein. Die Wahl fällt auf den Film Der schwarze Reiter, der alle Zutaten eines Wildwest-Streifens enthält. Sheriffs, Gangster im feinen Zwirn, Revolvermänner, Überfälle, Schiessereien, Barmädchen, Saloons, Viehdiebstähle und Landraub spielen eine wichtige Rolle, aber vor allem auch die Selbstlosigkeit einer nordamerikanischen Quäker-Familie.

Die Hilfsbereitschaft dieser Familie namens Worth ist das zentrale Thema des Streifens. Es geht nämlich darum, ob der angeschossene Revolvermann Quirt Evens (John Wayne) bei ihnen den Weg in ein gewaltfreies Leben zurück findet. Evans ist angeschossen worden und hat Unterschlupf bei der Quäker-Familie gefunden, die ihn selbstlos gesund pflegt. In dieser Situation verliebt er sich nicht nur in die liebliche Tochter Penepole (Gail Russell), sondern er stellt sein ganzes bisherigen Dasein in Frage. Der schwarze Reiter weiterlesen

Faustrecht der Prärie

Illustrierte Filmbühne Nr. 406 (E. S.) – Über den Wahrheitsgehalt der durch viele Filme über alle Maßen berühmt gewordenen Schießerei am 26. Oktober 1881 in Tombstone (Arizona) zwischen des berüchtigten Earp-Brüdern und dem Clanton-Clan klären Historiker des Wilden Westens Amerikas in ihren diversen Veröffentlichungen weit präziser auf, als wir es können (und wollen). Wir verlieren hier nur ein paar Worte über den Western Faustrecht der Prärie, der ab 1. November 1949 in den deutschen Kinos gezeigt wurde.

FaustrechtIn dem Streifen von Regisseur John Ford geht es vordergründig nur um den Konflikt zwischen den „guten” Earp-Brüdern und den vielen „Bösewichten” der „Clanton-Familie“. Oberhäupling Wyatt Earp, dessen Bruder bei einer Schießerei mit den Clantons getötet worden ist, lässt sich deshalb umgehend in Tombstone als Sheriff anheuern und befreit das Städtchen in Arizona mit Hilfe des Spielers Doc Holliday von der gegnerischen Sippe. Alles wahr oder alles Lüge? Egal. Das Publikum mag ja solche Geschichten, in denen meist nur wenige Fakten stimmen, die aber dennoch ins Reich der Hollywood-Träume entführen und historische Tatsachen verbiegen; hinzu kommt auch noch, dass in Deutschland in der Nazi-Zeit über die Geschichte Amerikas wenig gelehrt worden ist. Für die meist sehr jungen Kinobesucher – auch ohne Kenntnisse der tatsächlichen Ereignisse im Wilden Westen – ist der oft dunkel und düster wirkende Film im Jahr 1949 jedenfalls sehr sehenswert, zumal er  viel von den Verhaltensweisen der Amerikaner und ihren politischen Grundhaltungen verrät. Faustrecht der Prärie weiterlesen

Der große Bluff

Illustrierte Filmbühne Nr. 30  (E. S.) – Einer der ersten und auch besten Western, die in den westlichen Besatzungszonen in die Kinos kommen, ist der 1939 gedrehte Film Der große Bluff mit James Stewart und Marlene Dietrich. Dabei darf ausreichend geschmunzelt werden, zählen doch die heiteren Szenen zum Besten in diesem Genre, vor allem, wenn der von den Bösewichten erwartete Revolverheld Destry mit dem Vogelkäfig aus der Postkutsche steigt und sich (anscheinend) der Lächerlichkeit preisgibt. 

Der-große-BluffDie Jugendlichen zwischen Zugspitze und Flensburg, die in der Nazi-Zeit solche Filme nicht mehr gesehen haben, mögen das natürlich durchaus, auch wenn  der gerade zu Ende gegangene Krieg auf der Leinwand im ballernden „Kleinformat” weitergeführt wird. Die raue und wilde Kleinstadt Bottle Neck (Flaschenhals) jedenfalls wird von ziemlich rüden Gangstern beherrscht (am der Spitze Brian Donlevy), der ehrenwerte Sheriff ermordet; als Witzfigur wird vom korrupten Bürgermeister (und Richter) der stadtbekannte Säufer Washington Dimsdale eingesetzt. Der jedoch hört unerwartet mit dem Trinken auf und holt seinen Freund Destry in die Stadt, um das böse Gesindel zu verjagen.

Doch dieser Destry hält sich – zur Enttäuschung von Dimsdale – eher an die Buchstaben des Gesetzes anstatt das Schießeisen zu benutzen. Es ist klar, dass  in diesem Film das Gute siegen wird – und ideologisch gesehen ist der Streifen gerade deshalb auch bestens dazu geeignet, die alliierten Maßnahmen zur „Umerziehung und Demokratisierung der Deutschen” in ihrer Zone zu befördern. Vor allem die Tendenz zu Recht und Ordnung prädestiniert den Film für diesen Zweck. Der große Bluff weiterlesen

Die Frau gehört mir

Illustrierte Filmbühne Nr. 2  (E. S.) – Im März des Jahres 1947 ist es noch immer kalt in Frankfurt, auch wenn das Schlimmste vorbei ist. Eine extreme Kältewelle hatte seit Dezember 1946 ganz Mitteleuropa umklammert. Die Temperaturen sind teilweise bis auf minus 30 Grad abgesunken, der Ärmelkanal ist fast völlig zugefroren, die Flüsse lange unpassierbar, der Frost greift bis zum Mittelmeer, Hunderte von Kälte-Toten werden registriert, die Monate Dezember, Januar und Februar werden in den Geschichtsbüchern fortan als „Hunger-Winter“ beschrieben.

Die Frau gehört mirDie rationierten Lebensmittel sind in diesen harten Tagen wieder knapper geworden, die zwei Tageszeitungen „Frankfurter Rundschau” und „Neue Presse” erscheinen wegen der geringen Papierzuteilung nur zwei- oder dreimal die Woche, aber in Frankfurt haben nach dem Krieg doch schon wieder 14 Kinos geöffnet. Schauburg und das Apollo in Bornheim, das Titania in Bockenheim, das Hansa und die Lichtburg in der Kaiserstraße am Hauptbahnhof, das Harmonie in Sachsenhausen, die Zoo-Lichtspiele im Ostend. Außerdem wird in den Stadtteilen Rödelheim, Höchst, Bonames, Eckenheim, Sindlingen und Fechenheim wieder gespielt. Gleich in fünf Häusern wird dabei der Wildwest-Film Die Frau gehört mir gezeigt.

Weil die Kälte Anfang März etwas abgeklungen ist, steht der Western auf dem Wunschzettel. Der Besuch am Sonntag ist jedoch nur zu Fuß von Sachsenhausen über den wieder aufgebauten Eisernen Steg und Römerberg in Richtung Innenstadt möglich – und von dort geht es mit der Tram nach Bornheim. Die Frau gehört mir weiterlesen