Und finden dereinst wir uns wieder

Illustrierte Filmbühne Nr. 170  (E. S./N. R.)  Nur ganz wenige deutsche Nachkriegsfilme sind nach 1945 bemüht, sich mit der deutschen Vergangenheit auseinanderzusetzen, doch in vielen Fällen bleibt es bei redlichen Versuchen, was allerdings nicht zu gering bewertet werden darf. Der Film „Und finden dereinst wir uns wieder…” beschäftigt sich mit dem Verhalten von Menschen in den letzten Kriegstagen, kann aber auch nur Fingerzeige geben.

Und finden dereinstDen Film der „Studio 45 GmbH” habe ich schon früh gesehen, doch bin ich auch noch auf andere Weise mit ihm konfrontiert worden. In unserer Schule sprechen wir mit unserem Lehrer Heinz Martin einige Wochen nach der Frankfurter Aufführung über den Inhalt des Films, weil bald nach Ende des Krieges von der Schulbehörde verfügt worden ist, politische Themen in den Unterricht aufzunehmen. Auf diese Weise entsteht ein neues Fach. Zunächst wird es in den Zeugnissen der Schulen als „Gemeinschaftskunde” deklariert, bald danach heisst es etwas präziser „Politischer Unterricht”. Damit soll  Wandel zur Demokratie demonstriert werden. Anlass für unsere Diskussion ist der Film selbst, aber auch eine Theateraufführung, die es kurz zuvor im Börsensaal in der Innenstadt gegeben hat. In Anwesenheit des Autors Carl Zuckmayer wird dort als Erstaufführung für die amerikanische Zone „Des Teufels General” gespielt, wobei Martin Held die Hauptrolle übernimmt. Die beiden zeitlich nahe beieinander liegenden Ereignisse sind für unseren engagierten Junglehrer Grund, uns Heranwachsende mit der dargestellten Problematik in Film vertraut zu machen.

Der Film zeigt eine Gruppe von Berliner Schülern, die im westfälischen Altena als Evakuierte leben und sich wenige Wochen vor Kriegsende nachts auf den Weg machen, um am „Endkampf“ in Berlin teilzunehmen. Sie erleben eine erste irritierende Enttäuschung, als ihr alter Lehrer (Paul Dahlke), der sie ideologisch stets im Sinne der Nazis unterrichtet hat, sie nun als „Wendehals” händeringend darum bittet, seine SA-Uniform verschwinden zu lassen. Die Sache wird noch schlimmer, als ihnen ein versprengter deutscher Soldat von seinen bitteren Kriegserlebnissen berichtet. Doch erst als der jüngste von ihnen um’s Leben kommt und die anderen ihn am Straßenrand begraben müssen, weicht ihr bisheriger Enthusiasmus, für „Führer, Volk und Vaterland” zu kämpfen, der bitteren Erkenntnis, von diesem „Führer” verführt worden zu sein.

Dilemma der Filmemacher

Diese Sichtweise ist allerdings nach Ansicht unseres Lehrers zu kurz gegriffen. Er erklärt uns, das Dilemma für Filmemacher und Darsteller – auch bei ähnlichen anderen Filmen – liege darin, dass sie oft selbst noch in der letzten Phase der Naziherrschaft an staatsgenehmen Filmen mitgewirkt hätten, und außerdem – wie auch der überwiegende Teil der Zuschauer – sich selbst eher schuldlos fühlten an Krieg und Mord und deshalb alle Verantwortung gerne einer einzigen Person (Hitler) oder dessen direktem Umfeld zuschiebe. Auf diese Weise würden sich manche ein Alibi für das Geschehene basteln und eigene Verstrickungen in die Vergangenheit ausblenden, so dass sie sich sogar selbst als „Opfer” dieser Diktatur fühlen könnten. Nach diesem Rezept seien die meisten Menschen in dieser Zeit gut gewesen, nur einige Böse trügen deshalb die Verantwortung.

Einige von uns, die den Film gesehen haben, widersprechen dieser Sichtweise des Lehrers – vielleicht weil sie stimmt oder Eltern und Verwandte sich genauso verhalten –, doch abgesehen davon halten wir alle trotz unseres sehr jugendlichen Alters (oder gerade deswegen) den Film für sehenswert und einen gelungenen Versuch, einen offenen Blick in die Vergangenheit zu werfen. Nur so können wir besser verstehen, was eigentlich passiert ist in den Köpfen der Menschen. So ergibt sich dann auch für uns ein Sinn.

Daten zum Film

Und finden dereinst wir uns wieder… (Illustrierte Filmbühne Nr. 170) ist ein deutsches Nachkriegsdrama aus dem Jahr 1947, hergestellt vom „Studio 45” (Lizenzinhaber Winnie Markus und Victor de Kowa) und beruhend auf einer Erzählung von Hertha von Gebhardt. Die Regie führt Hans Müller, als Darsteller treten auf Paul Dahlke (als Studienrat und SA-„Wendehals”  Bockendahl), Helmut Heyne (als Assessor Hoefert), Kurt Langanke (als Assessor Paulke), Willi Rose (als Gefreiter Gehlhorn), Lutz Moik (als Wolfgang), Käthe Haack (als Wolfgangs Mutter), Hans Neie (als Manfred), Horst Gentzen (als Max).  Die deutsche Erstaufführung erfolgt am 2. Dezember 1947 in der „Filmbühne Wien” in Berlin. In Frankfurt im August des Jahres 1948 im Bieberbau gezeigt.