Das Haus der Lady Alquist

Illustrierte Filmbühne Nr. 14  ( E. S.) – Der Film Das Haus der Lady Alquist hat bei seinem Erscheinen in den USA 1944 überwiegend positive Kritiken bekommen. Am 5. September 47 wird der Thriller in Berlin in einer deutschen Fassung gezeigt und kommt danach auch in den anderen Besatzungszonen zur Aufführung, darunter in Frankfurt. 

Das Haus der Lady AlquistDer Thriller ist in der Nachkriegszeit einer der ersten Filme in deutscher Sprache, wird von der Motion Pictures Export Association (MPEA) in München synchronisiert und gehört zu jener Spezies von Filmen, die zwischen 1945 und Anfang 1948 vom „Amerikanischen Allgemeinen Filmverleih” der US-Militärbehörden für die ersten Aufführungen zugelassen werden, auch wenn alle Filme in Wahrheit Produkte der „Major Companies” (u. a. MGM, Universal, Columbia, United Artist, Warner, Fox, Paramount, RKO) sind. Die MPEA wiederum ist die Export-Organisation dieser Studios und hat bei der Bavaria in Geiselgasteig  bei Münchens eigens ein Synchronstudio für diese Filme eingerichtet.

Weil Das Haus der Lady Alquist sich entschieden von der seichten Kost abhebt, die deutsche Zuschauer in den vergangenen Jahren gewohnt sind, wird der MGM-Thriller mit Charles Boyer, Ingrid Bergman (Oscar) und Joseph Cotten zum fast selbstverständlichen Erfolg im deutschen Trümmerfeld. Die Zuschauer gehen aus dem Kino, vorbei an den Ruinen der zerstörten Städte und zurück zu ihren brennenden Alltagsproblemen, zum Beispiel, ob es für den kommenden Winter genügend Heizmaterial gibt, und genügend Lebensmittel zu bekommen sind. Insofern erfüllt auch Das Haus der Lady Alquist den Zweck der Ablenkung, genau wie im „Dritten Reich” die Produkte der Ufa, Terra oder Tobis – nur unter anderen Voraussetzungen.

Gleichwohl und trotz aller Lobpreisungen der Kritik, wirft der Film auch simple Fragen auf. Der Pianist Gregory Anton (Boyer) hat zum Beispiel in London die Sängerin Alice Alquist ermordet, um Juwelen zu rauben, doch weil der Diamanten-Fetischist sie nicht findet, wartet er (unnötigerweise) viele Jahre, ehe er die inzwischen erwachsen gewordene Nichte (Ingrid Bergman) der Getöteten heiratet, um mit ihr in das seit dem Mord leerstehende Haus zu ziehen und nach den begehrten Edelsteinen zu suchen.

Es ginge weniger umständlich

Das ist schon irgendwie verwunderlich und ginge im übrigen viel weniger umständlich. Warum gestaltet der perfide Mörder die Suche nach den glitzernden Steinen so kompliziert? Und ist es nicht völlig widersinnig, die Tür zum Dachboden zu vernageln, um dann – natürlich in düstere Nebelschwaden gehüllt – den Häuserblock zu umrunden, um von außen auf den Dachboden zu gelangen, wo er doch in aller Seelenruhe im ganzen Haus nach den Edelsteinen suchen könnte und seine junge Frau nicht in den Irrsinn treiben müsste.

Doch solche Fragen dürfen in einem Thriller dieser Art nicht gestellt werden. Der Erfolg des von George Cukor inszenierten und von Joseph Ruttenberg fotografierten Thrillers beruht ja gerade auf diesem düsteren und  widersprüchlichen Charakter des Geschehens, das in Schwarz-Weiss die viktorianisch geprägte Atmosphäre in England scharf herausstellt. Dazu zählen auch die unheimlichen Geräuschen auf dem Dachboden, flackerndes Gaslicht im Haus, dumpfe Schritte der Konstabler im wabernden Nebel. Am Ende zählt nur die Spannung, nicht das Suchen nach Logik.

Daten zum Film 

Das Haus der Lady Alquist (Illustrierte Filmbühne Nr. 14 – zuvor erschienen auch als Nr. 14 des dritten Jahrgangs) ist ein SW-Kriminalthriller von Metro Goldwyn-Mayer (USA, 1944). Die Regie führt George Cukor, die Darsteller und ihre Rollen sind: Ingrid Bergman (als Paula Alquist), Charles Boyer (als Mörder Gregory Anton), Joseph Cotten (als Brian Cameron von Scotland Yard), Angela Lansbury (als Hausmädchen Nancy). Ingrid Bergman wird in der Synchronisation von Eva Vaitl gesprochen, Peter Pasetti leiht Charles Boyer seine Stimme.  – Weltpremiere am 4. Mai 1944 in New York City; in Frankfurt Anfang November 1947, Bieberbau oder Scala.