Das Herz muss schweigen

Das Neue Filmprogramm (E. S.) – Als ich 1950 eine Röntgenuntersuchung über mich ergehen lassen muss, mache ich mir so meine Gedanken über das „Röntgen”. Ich weiß natürlich, dass der griffige Begriff von dem Arzt Conrad Röntgen abgeleitet ist, doch ich stelle mir immer wieder mal vor, der Entdecker dieser Strahlen hätte vielleicht schlicht Schulze oder Müller geheissen. Man geht mal zum „Schulzen” oder zum „Müllern”. Oder der Arzt sagt: „Wir machen mal eine Schulzenaufnahme!”. Es wäre kaum auszudenken…

Das Herz muss schweigenAn meine eigene Untersuchung – abgeschirmt mit dicker Bleiplatte – werde ich einige Monate später erinnert, als ich im Frankfurter „Metro im Schwan” den Film Das Herz muss schweigen sehe. Der Streifen ist in den letzten Monaten der Nazi-Herrschaft gedreht worden, nur wenige Zuschauer können das Drama Ende 1944 und Anfang 1945 in Wien und Berlin noch in den Kinos sehen. Nach dem Ende des Krieges verschwinden die Kopien in den Archiven der Alliierten und werden als Reprisen 1950 von der Deutschen London-Film wieder in die Kinos gebracht. Filmhistoriker streiten später darüber, ob Das Herz muss schweigen aufgrund seiner Diktion als Propaganda für den „Opfer-Gedanken” des „Dritten Reiches”, als Durchhaltefilm oder einfach nur als ein Drama, das zufällig in der Nazi-Endzeit hergestellt worden ist, zu bewerten ist. Sich „für eine (gute) Sache zu opfern” – in diesem Fall dem medizinischen Fortschritt –, verbunden mit viel Ethos und Pathos prägt jedenfalls die 92 Minuten.

Im Mittelpunkt steht dabei die Arbeit mit Röntgengeräten. Um das dramatische Geschehen rankt sich im Wien des beginnenden 20. Jahrhunderts eine konfliktreiche Liebesromanze und schwere Erkrankungen, hervorgerufen durch den sorglosen Umgang mit den gefährlichen Strahlen.

Der Inhalt weist freilich vordergründig nicht auf Ideologisches hin. Die junge Maximiliane Frey stellt sich Ende des Jahres 1900 in Wien dem Arzt Dr. Paul Holzgruber als Assistentin zur Verfügung. Holzgruber ist darum bemüht, die noch junge Röntgendiagnostik gegen manchen Widerstand im konservativen Medizinbetrieb zu etablieren. Erst nach langen Versuchen stellen sich Erfolge ein, doch der Umgang von Holzgruber und Frey mit den Strahlen ist eher sorglos. Holzgruber weist Maximiliane zwar immer wieder auf die Gefahren des Röntgens hin, verschweigt ihr aber, dass er selbst bereits Geschwüre an der Hand und starke Schmerzen hat.

Der Krebs zerstört das Glück

In dieser Zeit scheinen sich für Maximiliane Frey die Träume auf ein persönliches Glück zu erfüllen, als sie den Witwer Axel von Bonin und seine kleine Tochter Mimi kennenlernt. Doch die Strahlung hat ihren Körper bereits zerstört. Nach dem Erkennen ihrer unheilbaren Krankheit verlässt sie Axel von Bonin und stirbt bald darauf, ebenso wie Dr. Holzgruber.

Die unfreiwillig erbrachten Opfer von Holzgruber und Maximiliane Frey im Dienste der Medizin bezeugen zwar ein „stilles” Heldentum, dem man die Sympathie allerdings um so weniger versagen kann, als sowohl Paula Wessely als auch Mathias Wieman ihre Rollen mit sachlicher Nüchternheit spielen. Gleichwohl macht der undifferenzierte Hinweis auf Menschen, die sich ganz in den Dienst einer Idee stellen und sich für diese aufopfern, doch auch sehr nachdenklich.

Daten zum Film

Das Herz muss schweigen (Das Neue Filmprogramm) ist eine Produktion der Wien-Film aus dem Jahr 1944, in der Bundesrepublik ab 1950 von der Deutschen London-Film verliehen. Produzent ist Karl Künzel, Regisseur Gustav Ucicky. Unter dessen Leitung spielen Paula Wessely (als Maximiliane Frey), Mathias Wieman (als Dr. Paul Holzgruber), Werner Hinz (als Freiherr von Bonin), Gerda Brunner (als seine Tochter Mimi), Erik Frey (als Robert). In weiteren Rollen sind Rolf Truxa, Alfred Neugebauer, Karl Skraup, Lotte Lang und Franz Böheim zu sehen. Das Drehbuch für den 92 Minuten langen Film schreibt Gerhard Menzel, an der Kamera arbeitet Günther Anders, die Musik schreibt Willy Schmidt-Gentner.

Uraufführungen am 19. Dezember 1944 in Wien und am 23. Februar 1945 in Berlin, am 18. August 1950 in der Bundesrepublik Deutschland. In Frankfurt erstmals zu sehen am 15. September 1950 im Metro im Schwan.