Das unheimliche Haus

Illustrierte Filmbühne Nr. 1071 (E. S.) – Noch ehe die Romane von Georges Simenon mit der Figur des Pariser Kriminalkommissars Maigret in den Fünfziger Jahren durch den Verlag „Kiepenheuer & Witsch” in der Bundesrepublik Deutschland zum großen Verkaufserfolg werden, gibt es einen französischen Film zu sehen, der ebenfalls auf einer Vorlage des belgischen Autors beruht: Das unheimliche Haus.

Das unheimliche HausMit diesem Film, der in Frankfurt am Main erstmals am 14. August 1951 im Roxy zu sehen ist, hat es freilich eine besondere Bewandtnis. Der Streifen ist nämlich während der Besetzung Frankreichs im Jahr 1941 von der Firma „Continental” hergestellt worden, einer eigens vom deutschen Propagandaminister Joseph Goebbels gegründeten Firma für subtile Unterwanderung der französischen Bevölkerung. Zwar ist die dem Film zugrunde liegende Fassung „Les inconnus dans la maison” unverfänglich, doch werden dem Kriminal- und Gerichtsfilm einige antisemitische Tendenzen beigemischt, was dann nach der Befreiung  1944 zum Verbot des Films in Frankreich führt. Weil die „Continental” in weiteren Filmen auf Werke von Simenon zurückgegriffen hat, wird der Autor nach dem Krieg von der Widerstandsbewegung heftig angegriffen.

Im Film wird der Strafverteidiger Loursat (Jules Raimu) gezeigt, der zunächst sehr zurückgezogen in seiner Villa lebt. Seine Tochter gehört in der kleinen Provinzstadt jedoch zu einer Bande Jugendlicher, die aus reiner Langeweile Diebstähle begehen. Als für einen Mord in seinem Haus ein Junge angeklagt wird, übernimmt er, seinem Alkoholismus abschwörend, dessen Verteidigung und findet den wirklichen Täter. Hervorragend dabei Raimu, dessen Ausdruckskraft einige überlange Milieuschilderungen kompensiert.

Im Mittelpunkt steht die Gerichtsverhandlung, wobei die Spannung nicht so sehr durch äussere Effekte erzeugt wird, sondern durch das Aufeinanderprallen von Neid, Ehrgeiz, Liebe, Eifersucht, Furcht und Feigheit. Insofern ist ein typischer Simenon, in dessen literarischen Vorlagen (siehe die Maigret-Romane) immer  die psychologisch-menschlichen Probleme und das Hintergründige in den Vordergrund rücken.

Daten zum Film

Das unheimliche Haus (Illustrierte Filmbühne Nr. 1071) ist ein französischer Kriminal- und Gerichtsfilm aus dem Jahr 1941. Der Originaltitel lautet Les inconnus dans la maison und beruht auf einer Vorlage von Georges Simenon. Hergestellt von der Firma Continental in einer Länge von 95 Minuten führt Henri Decoin die Regie, das Drehbuch stammt von Henri-Georges Clouzot. In den wichtigsten Rollen sind Jules Raimu (als Strafverteidiger Loursat), Juliette Faber (als Nicole Loursat), Jean Tissier (als Untersuchungsrichter Ducup), und Jacques Baumer (als Staatsanwalt Rogissart) zu sehen. Die später berühmte Martine Carol ist in einer winzigen Nebenrolle zu sehen, wird aber im Vorspann nicht genannt. Die Musik ist von Roland Manuel geschrieben. 

Uraufführung am 16. Mai 1942 in Frankreich, Start in der Bundesrepublik Deutschland am 18.Januar 1951, in der DDR am 18. Dezember 1956 angelaufen. Frankfurter Premiere am 14. August 1951 im Roxy.