Das verlorene Wochenende

Illustrierte Filmbühne Nr. 60  (E. S./M. F.) – Als der Paramount-Film Das verlorene Wochenende im Jahr 1948 in die Frankfurter Kinos kommt, ist es für viele Zuschauer ein bedrückendes Ereignis, denn in den Jahren davor ist das Publikum durch die deutschen Firmen UFA, Terra, Tobis und andere  weitgehend mit leichten Komödien, seichter Unterhaltung oder Durchhaltestreifen „verwöhnt” worden.

Das verlorene WochenendeUnter solchen Umständen ist ein Film der so genannten „Schwarzen Serie” aus Hollywood dann doch ein recht starkes Kontrastprogramm. Doch abgesehen davon spielt Alkohol zu dieser Zeit auch im realen und wirklichen Leben des zerteilten Deutschlands durchaus eine Rolle. Bei den Bauern auf dem so genannten flachen Land ist noch immer der selbst gebrannte Schnaps aus Kartoffeln in „Mode”, in Frankfurt wird gelegentlich Bier-Ersatz auf Brotmarken der Lebensmittelkarten ausgegeben; klar, die Kriegsereignisse haben viele Menschen ohnehin aus der Bahn geworfen; die  Schwarzhändler verschieben Spirituosen. Das Thema Alkohol ist für die Zuschauer also nicht außergewöhnlich, sie sind jedoch stark beeindruckt von der intensiven Darstellung des Alkoholismus und seiner Folgen auf der Leinwand, kein Wunder auch, lässt das Drama um den New Yorker Schriftsteller und Trinker Don Birnam den meisten Besuchern den Atem stocken. Das Geschehen des Films bezieht sich dabei auf nur drei Tage, ein verlängertes Wochenende.

Der trunksüchtige Don Birnam (Ray Milland) durchlebt dabei seinen eigenen Verfall und die Qualen des Deliriums, seine Verlobte Helen St. James (Jane Wyman) hat keinen Einfluss mehr auf ihn, auch sein Bruder ist hilflos. Doch nach einem misslungenem Suizid-Versuch kommt Birnam zur Einsicht und versucht einen Neuanfang – ob es ihm gelingt, seine Alkoholsucht zu überwinden, bleibt freilich offen… Ein Filmschluss, der nicht allen Kritikern gefällt. Er ist zu sehr dem Hollywood-Klischee vom guten Ende geschuldet.

Gleichwohl prasseln viele Auszeichnungen auf den Film herab. 1946 gibt es alleine vier Oscars (bester Hauptdarsteller, bester Film, bestes Drehbuch und beste Regie). Den Golden Globe Award gibt es für den besten Film, für den besten Darsteller und den besten Regisseur. Außerdem erhalten Milland und Wilder den New Yorker Kritikerpreis, auch als bester Film kann er dort reüssieren. Bei den Filmfestspielen in Cannes  wird Ray Milland als bester Darsteller aufgerufen, Wilder erhält zudem den Grand Prix.

Dabei hatte es lange so ausgesehen, als käme der Film gar nicht in die Kinos, denn er war in den USA bei einer Probevorführung durchgefallen. Regisseur Billy Wilder behauptete außerdem später, die Alkoholindustrie habe der Herstellerfirma Paramount fünf Millionen Dollar geboten, wenn der Film zurück gezogen werde; es wurden angeblich Umsatzeinbußen befürchtet. Seltsamerweise befürchteten Abstinenzler-Gruppen, der Film könne zum Alkohol-Genuss anregen.

Daten zum Film

Das verlorene Wochenende (Illustrierte Filmbühne Nr. 60)  ist eine dramatische Literaturverfilmung (nach einer Vorlage von Charles R. Jackson) der Paramount Pictures von 1945. Die Darsteller sind Ray Milland (Don Birnam), Jane Wyman (Helen St. James), Phillip Terry (als Bruder von Don Birnam), Howard da Silva (Barkeeper), Doris Dowling (Gloria).Produziert wird der Film von Charles Brackett, der zusammen mit Billy Wilder auch das Drehbuch schreibt; Regie führt Wilder. Die deutschen Stimmen der Hauptdarsteller kommen von Paul Klinger (Ray Milland) und Gudrun Genest (Jane Wyman). – Welturaufführung am 29. November 1945 in Los Angeles,  ab 1. Dezember 1945 USA-weit im Einsatz. Die deutsche Erstaufführung ist am 12. Februar 1948, Frankfurter Erstaufführung am 14. Mai 1948 im Bieberbau. Gesehen am 27. August 1948 in der Harmonie.