Der dritte Mann

Illustrierte Filmbühne Nr. 512 (E. S.) – In der turbulenten Zeit, in der sich die Konfrontation der politisch-militärischen Ost-West-Blöcke verstärkt, der Korea-Krieg im Fernen Osten seine düsteren Schatten vorauswirft und in der Bundesrepublik (Organisation Gehlen, später BND) und in der DDR (Ministerium für Staatssicherheit) die jeweiligen Nachrichtendienste ihre Strukturen aufbauen, ist ein Film wie Der dritte Mann prädestiniert dafür, die Konflikte zweier Gesellschaftssysteme zu thematisieren, auch wenn es sich vordergründig „nur” um einen Kriminalreißer handelt, in dem der skrupellose Dealer Harry Lime (Orson Welles) verunreinigtes Penicillin verschiebt.

Der dritte MannDoch der Thriller geht durch die Auftritte der Protagonisten auch in eine politische und durchaus propagandistische Richtung und bettet sich damit ein in den Kalten Krieg der Supermächte und ihrer jeweiligen Verbündeten. Das kommt vor allem zum Ausdruck, weil sich die durch den Major Calloway (Trevor Howard) repräsentierten Briten in der Viersektoren-Stadt sich als die hilfsbereiten und guten Menschen darstellen dürfen, die Offiziere und Soldaten der Sowjetunion dagegen nur tumbe Gesellen sind, die dem üblen Gangster und Mörder Harry Lime in ihrem Sektor Unterschlupf gewähren und seine kriminellen Machenschaften schützen. Nur diese gewollt einseitige Betrachtung macht die Handlung in dieser Form jedoch erst möglich und den dritten Mann zu einem außergewöhnlichen Film. Der finale Erfolg beruht aber vor allem auf der Musik von Anton Karas, der bislang in Wiener Heurigen-Lokalen als Zither-Spieler ein eher karges Einkommen hat. In dieser Musik liegt ohne Zweifel für viele  Zuschauer – und das über die Jahre hinweg – die eigentliche Faszination des Films.

Der Zither-Spieler  Karas – angeblich erst zum Schluss der Wiener Außenaufnahmen vom Regisseur Carol Reed in einem Heurigen-Lokal entdeckt – wird nach den Kino-Aufführungen weltberühmt und viele Zuschauer (und auch ich) stellen sich die Frage, welche Resonanz Der dritte Mann ohne diese außerordentlich einprägsame Begleitung, die als Harry-Lime-Thema in die Film- und Musikgeschichte eingeht, wohl erlangt hätte. Eine schlüssige Erklärung vermag niemand zu geben.

Neben dem Spiel von Karas lebt die eher schlichte Kolportage natürlich auch von den hervorragenden Bildern dieser morbiden und zerrissenen Stadt, wobei Trostlosigkeit, menschliche Einsamkeit und Melancholie weit über dem eigentlichen Geschehnissen stehen. Harry Limes vorgetäuschter Tod, ein gefälschter Pass seiner Freundin (Alida Valli) und der Auftritt des naiven Western-Schreibers Holly Martins (Joseph Cotten) sind nur Staffage für das gesamte Szenario, dass zusätzlichen Esprit auch durch eine Schar österreichischer und deutscher Schauspieler sowie den faszinierenden Aufnahmen in den Abwasserkanälen der Stadt und im Riesenrad des Wiener Praters erhält. Regisseur Carol Reed und Kameramann Robert Krasker drücken dem Film zudem ihren eigenwilligen Stempel auf.

Die Schlussszene auf dem Wiener Zentralfriedhof zeigt ihre Handschriften in beeindruckender Weise. In einer kargen Einstellung von über einer Minute geht die Hauptdarstellerin Alida Valli an Joseph Cotten vorbei, ohne ihn auf dem endlos langen Weg zwischen den kahlen Bäumen mit den lautlos herabfallenden Blättern eines einzigen Blickes zu würdigen; es sind 66 Sekunden ohne Schnitt, ohne  Kamerabewegung und ohne Dialog… Der Film-Exzentriker Orson Welles, Schöpfer von Citizen Kane, der bei den Aufnahmen zu dieser Szene als Zuschauer dabei ist, wird später neidvoll bekennen, er hätte sich gewünscht, eine solch geniale Einstellung selbst „erfunden” zu haben.

Daten zum Film

Der dritte Mann (Illustrierte Filmbühne Nr. 512 ) mit dem Originaltitel The Third Man ist ein britischer Film der London-Film in Schwarzweiß aus dem Jahr 1949. Produzent ist Alexander Korda (in Zusammenarbeit mit David O. Selznick), technisch unterstützt wird die Herstellung durch die Wien-Film. Unter der Regie von Carol Reed treten Joseph Cotten (als amerikanischer Schriftsteller Holly Martins), Orson Welles (als Schwarzmarkt-Schieber Harry Lime), Alida Valli (als dessen Freundin Anna Schmidt), Trevor Howard (als britischer Major Calloway) in Erscheinung. Weitere Mitwirkende sind Bernhard Lee, Paul Hörbiger, Annie Rosar, Ernst Deutsch, Erich Ponto, Siegfried Breuer und Hedwig Bleibtreu. – Deutsche Stimmen: Wolfgang Lukschy (Holly Martins), Friedrich Joloff (Orson Welles), Elisabeth Ried (Alida Valli). – Das Drehbuch stammt von Graham Greene nach einer eigenen Vorlage. – Kamera: Robert Krasker. – Musik: Anton Karas.

Erstaufführungen: 31. August 1949 (England), 6. Januar 1950 (Bundesrepublik Deutschland), 10. März 1950 (Österreich). Frankfurter Start am 12. Januar 1950 im Filmpalast.