Der Geigenmacher von Mittenwald

Illustrierte Filmbühne Nr. 980 (E. S.) – Am 9. August 1951 wird in Frankfurt am Main das 50. Kino nach dem Krieg eröffnet. Das schmucke Theater in der Mainzer Landstrasse 310 trägt den Namen Gallus-Lichtspiele, was sich auf den Stadtteil gleichen Namens bezieht. Die Besitzerin hat zur Eröffnung ein ganze Schar Prominenter für die Premiere aufgeboten.

Der Geigenmacher von MittenwaldPeter Frankenfeld, damals noch in Frankfurt zu Hause, und ohnehin bei vielen Premieren als Conferencier verpflichtet, gibt den launigen Unterhalter, und ein junger Mann namens Vico Torriani aus der Schweiz singt – noch ganz am Anfang seiner Karriere stehend – zu zarten Gitarrenklängen, wo seine „Wiege stand“ und erzählt von einer „Cafeteria in Lugano“. Das Lichtspielhaus selbst ist ansehnlich, fasst immerhin 550 Besucher (also durchaus beachtlich für ein Vorstadt-Kino), die Wände und Decken sind – wie auch zeitgenössischen Berichten zu entnehmen ist –, von zurückhaltender Lieblichkeit. Hinter dem Eingang mit Garderobe und Vitrinen nimmt ein ansprechendes Foyer mit einer großen Rundbank die Besucher in Empfang. Und eine technische Neuerung gibt es auch: Die für den jeweiligen Film gefertigte Werbetafel über dem Kinoeingang wird mit einer Spezialfarbe bemalt und mit ultraviolettem Licht angestrahlt, wobei ein plastisches Bild erzeugt wird. Das ist sehr beeindruckend. Was an diesem Premierentag im Frankfurter Westen über die neue Leinwand flimmert, ist allerdings weniger beeindruckend. Ein typisches Ganghofer-Drama um den Geigenmacher von Mittenwald

In dem Film wird die Freundschaft zwischen dem Geigenbau-Meister Benedikt Oberbucher (Willy Rösner) und seinem Gesellen Vitus Brandner (Paul Richter) auf eine harte Probe gestellt, denn beide lieben die junge Afra Schlederer (Ingeborg Cornelius). Afra heiratet schließlich den Meister, der jedoch bei einer Rettungsaktion in den Bergen verunglückt. Sterbend vertraut er seine Frau dem Freund an. Das ist zweifellos eine durch und durch rührselige Geschichte, trifft den Kern volkstümlicher Unterhaltung, rutscht aber zuweilen trotz der soliden Erstregie des Schauspielers Rudolf Schündler in sentimentalen Kitsch ab.

Bei der Frankfurter Erstaufführung, die einige Wochen zuvor im Metro im Schwan stattfindet, schreibt der Kritiker der Frankfurter Rundschau wohl deshalb süffisant:

„Des Autors nachgelassenes Werk erweist sich als ebenso unerschöpflich wie die Geduld eines bestimmten Publikumskreises, die mittenwäldlerischen Naturburschen immer wieder gerne sieht. Wenn zu Miedern und Krachledernen, zu Bergesgipfeln und Almhütten edler Geigenklang die Liebe noch lieblicher macht, dann bleibt kein Auge trocken.“

Daten zum Film

Der Geigenmacher von Mittenwald ist eine Verfilmung des gleichnamigen Bühnenstücks von Ludwig Ganghofer und Hans Neuert. Der Film stammt aus der Bundesrepublik Deutschland (1950) und ist hergestellt von der „Peter Ostermayr Produktion“. Der Streifen hat die klassische Länge von 90 Minuten. Unter der soliden Erstregie von Rudolf Schündler spielen Willy Rösner (als Geigenbaumeister Benedikt Oberbucher), Paul Richter (als Geselle Vitus Brandner), Erika von Thellmann (als Kuni Schlederer), Ingeborg Cornelius (als ihre Tochter Afra). In weiteren Rollen sind Franziska Kinz, Erika Remberg (erster Film) und Elise Aulinger zu sehen. Das Drehbuch wird verfasst vom Produzenten Ostermayr persönlich, an der Kamera  steht Heinz Schnackertz, die Musik komponiert Bernhard Eichhorn.

Erstaufführung am 10. Dezember 1950 in Mittenwald, Frankfurter Premiere am 21. Juli 1951 im Metro im Schwan; gespielt bei der Eröffnung der Gallus-Lichtspiele am 9. August 1951 und dort vom Autor gesehen.