Der große Bluff

Illustrierte Filmbühne Nr. 30  (E. S.) – Einer der ersten und auch besten Western, die in den westlichen Besatzungszonen in die Kinos kommen, ist der 1939 gedrehte Film Der große Bluff mit James Stewart und Marlene Dietrich. Dabei darf ausreichend geschmunzelt werden, zählen doch die heiteren Szenen zum Besten in diesem Genre, vor allem, wenn der von den Bösewichten erwartete Revolverheld Destry mit dem Vogelkäfig aus der Postkutsche steigt und sich (anscheinend) der Lächerlichkeit preisgibt. 

Der-große-BluffDie Jugendlichen zwischen Zugspitze und Flensburg, die in der Nazi-Zeit solche Filme nicht mehr gesehen haben, mögen das natürlich durchaus, auch wenn  der gerade zu Ende gegangene Krieg auf der Leinwand im ballernden „Kleinformat” weitergeführt wird. Die raue und wilde Kleinstadt Bottle Neck (Flaschenhals) jedenfalls wird von ziemlich rüden Gangstern beherrscht (am der Spitze Brian Donlevy), der ehrenwerte Sheriff ermordet; als Witzfigur wird vom korrupten Bürgermeister (und Richter) der stadtbekannte Säufer Washington Dimsdale eingesetzt. Der jedoch hört unerwartet mit dem Trinken auf und holt seinen Freund Destry in die Stadt, um das böse Gesindel zu verjagen.

Doch dieser Destry hält sich – zur Enttäuschung von Dimsdale – eher an die Buchstaben des Gesetzes anstatt das Schießeisen zu benutzen. Es ist klar, dass  in diesem Film das Gute siegen wird – und ideologisch gesehen ist der Streifen gerade deshalb auch bestens dazu geeignet, die alliierten Maßnahmen zur „Umerziehung und Demokratisierung der Deutschen” in ihrer Zone zu befördern. Vor allem die Tendenz zu Recht und Ordnung prädestiniert den Film für diesen Zweck.

Die  wahrhaft komödiantischen Elemente (Mischa Auer als Boris Stavrogin und Una Merkel als Lilly Bell Callahan) sowie Marlene Dietrich mit ihren hinreißenden Songs „Litte Joe” und „Boys in the Backroom” (von Friedrich Hollaender) tun ein übriges für die ausgezeichnete Stimmung im Publikum.

Doch als kleiner Wermutstropfen erweisen sich bei dieser ersten großen Western-Komödie des US-Films die offensichtlichen Einflüsse der amerikanischen Selbstzensur (Hays Code*) und der prüden US-Frauenverbände. Denn die eigentliche „zwischenmenschliche Beziehung” spielt sich zwischen dem ehrenwerten Destry und der zwielichtigen Sängerin Frenchy ab. Doch weil nicht sein kann, was nicht sein darf, haucht am Schluss nicht nur Frenchy-Marlene ihr Leben aus, indem sie Destry rettet, sondern die im Großteils des Films als Randfigur agierende Janice Tyndall (Irene Hervey) wird unversehens als Braut für Destry aus dem Hut gezaubert, was dem insgesamt beeindruckenden Wildwest-Film dann doch irgendwie nicht gut tut.

Daten zum Film 

Der große Bluff (Illustrierte Filmbühne Nr. 30 – zuvor auch erschienen als Nr. 30 des dritten Jahrgangs der Filmbühne, beide Versionen sind hier zu sehen) ist ein Wildwest-Film in Schwarz-Weiß von Universal International 1939. Unter der Regie von George Marshall agieren James Stewart (als Rechtsanwalt Thomas Jedfferson Destry jr.), Marlene Dietrich (als  Barsängerin Frenchy), Charles Winninger (als saufender Sheriff Washington Dimsdale); außerdem dabei: Jack Carson, Brian Donlevy, Mischa Auer, Irene Hervey, Una Merkel. – Deutsche Stimmen: O. E. Hasse (James Stewart), Gisela Breiderhoff (Marlene Dietrich). – Erstaufführungen: 30. November 1939 in New York, 15. Juli 1947 in der US-Besatzungszone, ab 3. Aprill 1948 in Frankfurt (Scala), 12. März 1971 in der DDR.

(*Der sogenannte Hays oder auch Production Code enthielt Richtlinien, die bei der Herstellung von Spielfilmen in den USA im Hinblick auf eine moralisch akzeptable Darstellung – besonders von Kriminalität und Sexualität – einzuhalten waren.)