Der große Walzer

Illustrierte Filmbühne Nr. 517 (E. S.) – Es geht allerorten wirtschaftlich (und auch sonst) sichtlich aufwärts in Deutschland: In der Bundesrepublik wird Anfang des Jahres 1950 die Rationierung von Lebensmitteln (mit Ausnahme von Zucker) aufgehoben. In der DDR werden gleichzeitig die Preise für Lebensmittel um 28, die für Fertigwaren um 32 Prozent gesenkt. Die Unterhaltung nimmt immer breiteren Raum ein im Leben der Menschen. Und in den Kinos wird viel Musik gemacht. So zum Beispiel auch in dem MGM-Streifen Der große Walzer.

Der große WalzerDer Film mit dem Zeichen des brüllenden Löwen bringt mir im Jahr 1949 die erste Begegnung mit der beschwingt-phantasievollen Musik des Walzerkönigs Johann Strauss (Sohn), den seine Familie in Wien im wirklichen Leben gerne beim Kosenamen „Schani” ruft. Auch wenn die Handlung mit dem wirklichen Leben von Johann Strauss kaum etwas zu tun hat und außerdem ziemlich kitschig daherkommt, bleiben doch die vielen Melodien in den Ohren der Kino-Besucher hängen. Vor allem die beliebten „Geschichten aus dem Wienerwald” und der Walzer-Hit „An der schönen blauen Donau” werden für viele zu einer bleibenden Erinnerung. Allerdings hat die im Film mit viel „künstlerischer Freiheit” und breit erzählte und dargestellte  Lebensgeschichte von Strauss (Sohn) indessen nicht einmal in Ansätzen mit der Realität zu tun. Und das ist sehr schade. Aber es ist auch schwierig genug, Biografien dem wirklichen Leben nach zu empfinden, wäre das Publikum dann doch eher enttäuscht. Immerhin: Dass Vater Strauss für „Schani” eine eher bürgerliche Berufslaufbahn in’s Auge gefasst hat, weil er aus eigener Erfahrung weiß, dass das Leben als Künstler – immerhin ist er der Schöpfer des legendären Radetzkymarsches – nicht immer nur mit Rosen bestreut ist, kommt der Wahrheit allerdings ziemlich nahe. Wenigstens etwas.

Daten zum Film

Der große Walzer (Illustrierte Filmbühne Nr. 517) mit dem Originaltitel The Great Waltz ist eine Biografie über Johann Strauss (Sohn), gedreht von Metro Goldwyn Mayer (MGM) im Jahr 1938. Als Regisseur wird Julien Duvivier genannt, doch wirkten auch Victor Fleming und Erich von Strohheim (beide im Vorspann nicht genannt) an der Herstellung mit. Als Darsteller treten der Belgier Fernand Gravey (als Johann Strauß Sohn), Luise Rainer (als Poldi Vogelhuber) und die Opernsängerin Miliza Korjus (als Carla Donner) in Erscheinung. Nach einer Vorlage von Gottfried Reinhardt schreiben Walter Reisch und Samuel Hoffenstein das Drehbuch, an der Kamera steht Joseph Ruttenberg, der 1939 für die beste Kameraarbeit mit dem Oscar ausgezeichnet wird. Die Musik stammt neben Johann Strauß Sohn von Dimitri Tiomkin.

Erstaufführungen: 4. November 1938 in den USA, November 1949 in der Bundesrepublik. Gesehen vom Autor im Frühjahr 1950 in der Harmonie in Sachsenhausen.