Herr des Wilden Westens

Illustrierte Filmbühne Nr. 660 (E. S.) – Die Eisenbahnen spielen in den USA zur Erschließung des Westens im 19. Jahrhundert eine wichtige Rolle. Der Bau der Strecke durch die „Union”- und „Central Pacific” in den Jahren von 1865 bis 1869 kostet Hunderte von Menschen das Leben, wofür vor allem das durch Profitgier erzeugte höllische Bautempo verantwortlich ist Mehrere Spielfilme dokumentieren später die Ereignisse. 

Herr des Wilden WestensAn die historische Bedeutung der Ost-West-Verbindung in den USA werde ich erinnert, als ich im Sommer 1950 in der Zeitung lese, dass US-Präsident Harry S. Truman die Eisenbahn-Trusts der Regierungskontrolle unterstellt hat, weil 300 000 ihrer Angestellten für bessere Arbeitsbedingungen gestreikt haben. Just in dieser Zeit sehe ich in Frankfurt auch den Western Herr des Wilden Westens, in dem der Trassenbau ebenfalls Anlass für reichlich Mord und Totschlag gibt. Im Film löst die Ankunft der Bahnlinie in Dodge City jedenfalls eine Welle der Gewalt aus. Verbrecher und Betrüger beherrschen die Stadt; Korruption, Falschspiel, leichte Mädchen und Trinkgelage in den vollen Vergnügungstempeln prägen das Bild.

Als „Mann des Gesetzes” sorgt jedoch ein gewisser Wade Hatton (Errol Flynn) im Auftrag des Bürgertums in der wirtschaftlich aufstrebenden Viehmetropole von Kansas für Ordnung. Das zunächst durchaus geduldete Gangsterunwesen stört zunehmend ihre Geschäfte, und die örtlichen Politiker greifen bei ihren Bemühungen, für Ordnungen zu sorgen, auch auf Männer zurück, die selbst oft zweifelhaften Ruhm als Revolvermänner genießen. Auch Wade Hatton?

Der Mann war Cowboy, Soldat und Trailboss. Ein Abenteurer also. Und nun wird er ein „Söldner” im Dienste der örtlichen Justiz. Gleichwohl ist er in seiner Rolle als Sheriff ein anständiger Kerl. Erst nach langem Zögern hat er das Amt des Sheriffs in Dodge City übernommen. Doch der durch lichtscheues Gesindel verursachte Tod eines kleinen Jungen hat ihn umgestimmt.

Dieser Moment wird im Film zur  Schlüsselszene. Der Darsteller Flynn wird nun nicht mehr als charmanter Glücksritter ins Licht gerückt, sondern als ein Wade Hatton mit Gerechtigkeitssinn. Flynn-Hatton ist ein ehrenhafter Mann geworden.

Der Herr des Wilden Westens ist Flynns erster Western und stammt aus 1939, einem Jahr, in dem der Australier auf dem Höhepunkt seiner Karriere angelangt ist, und im damaligen Star-System von Hollywood eine Glanzrolle spielt. Flynn dominiert den Film, obwohl er bei der legendären Massenkeilerei im Saloon „Dancing Hall” nicht zu sehen ist. In dieser Szene wird in bester Manier gerauft und geprügelt, Kiefer werden genauso zertrümmert wie Flaschen, Spiegel, Stühle und Tische – und das alles ist untermalt von den Klängen eines scheppernden Pianos…

Die Stampede einer Rinderherde sowie das Wettrennen zwischen einer Postkutsche und einem Eisenbahnzug setzen weitere Glanzpunkte, ehe Hatton-Flynn nach Virginia City weiterzieht, um nun dort für Ordnung zu sorgen. Ein Söldner in Sachen „Law and Order” gewiss, aber ein Mann, der hundertprozentig das amerikanischen Rechtsempfinden verkörpert.

Daten zum Film

Herr des Wilden Westens (Illustrierte Filmbühne Nr. 660) mit dem knappen Originaltitel Dodge City ist ein amerikanischer Western der Warner Bros. aus dem Jahr 1939. Der viel beschäftige Michael Curtiz lässt in dem über 110 Minuten langen Film die Darsteller Errol Flynn (als Treckführer, Glückritter und Sheriff Wade Hatton), Bruce Cabot (als Jeff Surrett), Olivia de Havilland (als Abbie Irving) und Ann Sheridan (als Ruby Gilman) aufmarschieren. In weiteren Rollen sind Frank McHugh, Alan Hale, Ward Bond und andere zu sehen. Deutscher Synchronsprecher von Errol Flynn ist Hans Nielsen. – Erstaufführungen sind am 8. April 1939 in den USA und am 26. März 1950 in der Bundesrepublik Deutschland; gesehen vom Autor im Sommer 1950 in der Harmonie.

Zusatzinformation: Anfang der Fünfziger Jahre versucht der Warner-Filmverleih in der Frankfurter Kaiserstraße mit ganz unterschiedlichen Filmen von Errol Flynn an das Niveau von Herr des Wilden Westens anzuknüpfen, und versieht einige Streifen mit ähnlichen Titeln. Nach „Der Herr der sieben Meere” (im Original „The Sea Hawk”) und Herr des Wilden Westens („Dodge City”) folgen noch der „Herr der Silberminen” („Silver River”) und der „Herr der rauhen Berge” („Rocky Mountain”). Die beiden Letzteren, ohnehin erst rund ein Jahrzehnt nach Herr des Wilden Westens gedreht, erreichen jedoch bei weitem nicht mehr dessen Tempo und hohen Unterhaltungswert. Flynn befindet sich zu dieser Zeit schon nicht mehr in Hochform. – Der „Herr der Silberminen” trägt in der Reihe der Illustrierten Filmbühne die Nummer 1301, der „Herr der rauhen Berge” ist als Nummer 1319 veröffentlicht worden.