Der Reigen

Illustrierte Filmbühne Nr. 967 (E. S.) – Das Jahr 1951 wird im Kino vor allem bestimmt von raubeinigen Western-Helden,  dokumentarisch-realistischen Kriminalfilmen amerikanischer Herkunft sowie Heimat-, Unterhaltungs- und Revuefilmen deutscher und österreichischer Zelluloid-Belichter.

Der-ReigenUnter diesen Umständen ist es höchst erfreulich, dass ab 8. Mai 1951 im Frankfurter Bieberbau nahe der Hauptwache der französische Film Der Reigen zu sehen ist – gleichzeitig ist tröstlich, dass die Verfilmung des skandalumwitterten Theaterstücks von Arthur Schnitzler nicht in die Hände deutscher Produzenten gefallen ist. Vermutlich wäre dabei nur ein grobschlächtiger „Sittenfilm“ herausgekommen und gestürzt hätte man sich dabei gewiss auch auf die Skandale von einst, denn das Stück löste nach seiner Uraufführung am 23. Dezember 1920 – erst zwanzig Jahre nach Fertigstellung des Manuskriptes – sowohl am Kleinen Schauspielhaus in Berlin als auch in Wien Theaterskandale aus und führte bald zum so genannten „Reigen-Prozess”, nach dem Schnitzler ein Aufführungsverbot seiner Arbeit hinnehmen musste. Enttäuscht veranlasst Schnitzler später selbst eine Sperre für weitere Aufführungen, die von seinem Sohn sogar bis 1982 verlängert wird. Durch Hörspiele und Filme wird Der Reigen  auf „Umwegen” gleichwohl der breiten Öffentlichkeit bekannt. Anlass für die damalige Empörung sind zehn erotischen Szenen, in denen nicht nur die „unerbittliche Mechanik des Beischlafs“ beschrieben wird, sondern auch die direkt damit zusammenhängenden Themen Macht, Verführung, Sehnsucht, Enttäuschung und Liebe eine zentrale Rolle spielen. Im Mittelpunkt steht dabei die morbide Moral der Gesellschaft, wobei alle sozialen Schichten vom Proletariat bis zur Aristokratie eingebunden sind.

Schnitzlers Bühnenstück ist indessen von Max Ophüls 1950 zu einem zynisch-fröhlichen Film geformt worden. Die Wiener Bourgeoisie um die Jahrhundertwende ist atmosphärisch dicht und überzeugend mit lächelnder Leichtigkeit und kokettem Charme dargestellt. Der Frankfurter Filmkritiker Dieter Fritko schreibt darüber in der Tageszeitung „Frankfurter Rundschau”:

„Der ewig sich drehende Reigen wurde von einem Wiener Regisseur in Frankreich inszeniert und mit darstellerischen Kräften wie Adolf Wohlbrück, Danielle Darrieux, Jean-Louis Barrault, Isa Miranda und Gérard Philippe besetzt, von denen jeder einzelne alleine einen Film tragen kann. Oscar Straus schrieb den melodiösen La-Ronde-Walzer dazu. So verbindet sich wienerische Verspieltheit auf das anmutigste mit französischem Charme, taktvolle Behutsamkeit mit lächelnder Kühnheit.”

Dem Urteil ist nichts weiter hinzuzufügen; zum Skandal wird der Film 30 Jahre nach der Aufführung des Theaterstückes nicht mehr. Immerhin aber setzt die Freiwillige Selbstkontrolle der Filmwirtschaft (FSK) eine hohe Altersbegrenzung fest. Nur wer über 18 Jahre alt ist, darf sich den Film ansehen. Es wirkt immer wieder seltsam, dass Jugendliche, die als Kinder das Grauen des Krieges durchgemacht haben – und ganz anderes gewohnt sind –, in erotischen Belangen an der kurzen Leine gehalten werden. Aber auch kein Wunder, greift doch zu dieser Zeit immer noch (und über weitere Jahre hinweg), der unselige Kuppel-Paragraph.

Daten zum Film

Der Reigen (Illustrierte Filmbühne Nr. 967) mit dem Originaltitel La Ronde ist ein französischer Film nach dem Bühnenstück von Arthur Schnitzler aus dem Jahr 1900. Der Liebesfilm stammt aus dem Jahr 1950 und ist hergestellt von der Firma Sacha Gordine (Produzent Ralph Baum) in einer Länge von 97 Minuten. Unter der Regie des Österreichers Max Ophüls spielen Adolf Wohlbrück – als Emigrant unter dem Namen Anton Walbrook arbeitend – (als Erzähler), Simone Signoret (als Dirne), Serge Reggiani (als Soldat), Simone Simon (als Dienstmädchen), Daniel Gélin (als junger Herr), Isa Miranda (als Schauspielerin), und Danielle Darrieux (als eine Dame von Welt), Ferdinand Gravey (als Ehemann), Odette Joyeux (als ein süßes Mädchen), Jean-Louis Barrault (als Dichter), Gérard Philippe (als Graf). Das Drehbuch stammt von Jacques Natanson und Max Ophüls, die Kamera führt Christian Matras, die Musik komponiert Oscar Straus. Der Film wird bei den Filmfestspielen in Venedig 1950 mit dem Preis für das beste Drehbuch und das Design ausgezeichnet.

Die Erstaufführungen sind am 27. September in Frankreich (Paris), am 21. November 1950 in der Bundesrepublik Deutschland, in Frankfurt erstmals zu sehen am 8. Mai 1951 im Bieberbau.