Kampf um Jimmy

Illustrierte Filmbühne Nr. 205 (E. S.) – Es ist erstaunlich, welche Fließbandarbeit in London nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges in den Filmateliers geleistet wird. Ein Melodram nach dem anderen verlässt die Studios, besonders die Firma Gainsborough ist in dieser Hinsicht sehr aktiv. Einer ihrer Filme heisst Kampf um Jimmy und ist zu Weihnachten 1948 in Frankfurt in den Römer-Lichtspielen zu sehen.

Kampf um JimmyEs ist allerdings kein Film, der unsere Gruppe jugendlicher Filmfreunde besonders anlockt, auch wenn wir ihn uns schließlich doch (wenn auch mit Hindernissen) ansehen. Für pseudodramatische Akte dieser Art steht uns eigentlich nicht der Sinn, denn dazu haben wir als Kinder selbst zuviel erlebt in diesem Krieg. Für alle von uns, die mit Sirenenalarm, Verdunkelung, Bombenangriffen, Feuersbrünsten und dem täglichen Kampf ums Überleben zu tun hatten, erscheint uns die Geschichte der jungen Frau Lily Bates (Patricia Roc), die ihr Kind zur Adoption freigegeben hat, weil ihr Mann ein Bigamist ist, doch ziemlich weit hergeholt. Auch dass sie bald erkennt, dass dies ein Fehler war und sie ihren Kampf um den jungen Jimmy beginnt, erscheint uns übertrieben rührselig. Vor allem auch, weil in der Nachkriegszeit in ganz Europa schließlich Tausende von Familien zerstört oder auf den unzähligen Flüchtlingstrecks total auseinander gerissen worden sind.

Ein von den zuständigen Militärbehörden erlassenes Jugendverbot für den Film irritiert uns außerdem (Die Freiwillige Selbstkontrolle der deutschen Filmwirtschaft wird erst später in Leben gerufen). Warum wir uns nämlich diesen Film nicht ansehen sollen, wo wir doch während des Krieges und auch danach als Kinder mit ganz anderen Dramen konfrontiert worden sind als im Film gezeigt, bleibt uns verborgen.

Doch wahrscheinlich wollte man uns die Erkenntnis ersparen, dass es gelegentlich Fälle von Bigamie gibt. Das wirkt dann doch auf uns ziemlich lächerlich. Wir haben den Film natürlich doch – wie alle anderen auch – gesehen. Und zwar in den Römer-Lichtspielen. Viele Wege führen nach Rom (oder in’s Kino).

Daten zum Film

Kampf um Jimmy (Illustrierte Filmbühne Nr. 205) mit dem Originaltitel When the Boug Breaks ist ein englisches Melodram der Eagle Lion-Film aus dem Jahr 1947. Regisseur der Gainsborough-Produktion im Verleih der Rank Organisation ist Lawrence Huntington. Als Darsteller sind Patricia Roc (als Mutter Lily Bates), Rosamund John (als Frances Norman) und Bill Owen (als Bill) zu sehen. Außerdem sind Patrick Holt (Robert Norman) und Brenda Bruce (Ruby Chapman) mit von der Partie.

Die Erstaufführungen sind am 19. November 1947 in London, am 12. November 1948 in der britischen Zone (Atrium und Kammerlichtspiele in Hamburg); der Film ist an Weihnachten 1948 in den Römer-Lichtspielen in Praunheim zu sehen.