Der Wolf der Sila-Berge

Illustrierte Filmbühne Nr. 1064 (E. S.) – Die Jahre 1950 und 1951 sind in der Bundesrepublik die ersten wirkliche Reisesommer seit Kriegsende. Nachdem grundlegende materielle Bedürfnisse nach der Not der ersten Nachkriegsjahre erfüllt sind, richtet sich der Blick auf schöne Urlaubsziele. Seit 1. Juli 1950 genügt ein Reisepass, um in andere Länder zu reisen; gleichwohl bleiben die Urlaubsgebiete Oberbayern, Allgäu, Bodensee, Schwarzwald und Badeorte an Nord- und Ostsee bevorzugtes Urlaubsziel.

Der Wolf der Sila-BergeNoch hindert die wirtschaftliche Lage die Bundesbürger daran, an Ferien in fremden Ländern zu denken. Lediglich fünf Prozent der Urlauber begeben sich als Touristen in ferne Länder. Mit den ersten VW-Käfern tuckern jedoch bereits einige Wagemutige über die Alpen in Richtung Italien. Ein Frankfurter Reisebüro wirbt schon früh für den „Stiefel”. Ein Angebot betrifft Sizilien, ein anderes Kalabrien. Dabei ist die Rede von der undurchdringlichen Sila, einer kalabresischen Bergkette, die viele Legenden und fantastische Geschichten in sich bergen soll. Im (noch) primitiven Prospekt wird die Landschaft als eine Mischung aus Hochebenen, Bergen, Weiden, Flüssen, Wäldern, Hängen und Seen beschrieben.

Daran werde ich erinnert, als ich im März 1951 im Frankfurter Turmpalast die deutsche Erstaufführung des italienischen Filmes Der Wolf der Sila-Berge erlebe. Großartige Schauspieler agieren in diesem Film aus Italien. Allen voran Silvana Mangano, die wir schon kurz zuvor in „Bitterer Reis” erlebt haben, gleichermaßen beeindruckend auch ihre Mitspieler Vittorio Gassman, Jaques Sernas und Amedo Nazzari.

Gleichwohl ist manches in dem Film irritierend für deutsche Zuschauer. Die romantischen, fast schwermütig wirkenden Naturkulissen nehmen gewiss gefangen – auch der durchschimmernde bittere Realismus, der nach dem Zweiten Weltkrieg von den römischen Cineasten meisterhaft gehandhabt wird („Rom – Offene Stadt”, „Fahrraddiebe”, „Verlorene Jugend”, „Bitterer Reis”, um nur einige wenige zu nennen) ist spürbar. Und doch wirkt das Familiendrama aus Kalabrien manchmal mehr als klischeehaft, was auch durch die schönsten optischen Impressionen und die schauspielerischen Einzelleistungen nicht aufgehoben werden kann.

Die Geschichte um die junge Rosaria Campolo (Silvana Mangano), die nach Jahren Rache für den Tod ihrer Mutter und Bruders zu nehmen versucht und sich dabei auch noch als Frau zwischen Vater und Sohn der gehassten Familie verstrickt, ist natürlich voller Faszination, es bleibt indessen zu sehr auf die erotische Ausstrahlung von Silvana Mangano fixiert, die als Gegenpol zur Eiseskälte ihrer despotischen Gegenspieler benutzt wird.

Und so entwickelt sich der Film dann doch zu einem eher tragödienhaften Schauerdramas. Zumal sich die Schönheiten der Natur in Schwarz-Weiss noch nicht ganz so geniessen lassen wie in Wirklichkeit. Um die Farbenpracht und den Geruch des nahen Tyrrhennischen Meeres geniessen zu können, muss dann doch eine Urlaubsreise herhalten.

Daten zum Film

Der Wolf der Sila-Berge (Illustrierte Filmbühne Nr. 1064) trägt den italienischen Originaltitel Il lupo della Sila und ist ein Drama aus dem Jahr 1949. Hergestellt in einer Länge von 79 Minuten durch die Firma Lux-Film und in Deutschland verliehen von der Schorcht-Film. Unter der Regie von Duilio Coletti spielen Silvana Mangano (als Rosaria Campole), Amedeo Nazzari (als Rocco Barra), Jacques Sernas (als Salvatore Barra), Luisa Rossi (als Orsola Barra) und Vittorio Gassman (als Pietro Campolo) die wichtigsten Rollen. Insgesamt sechs Autoren (Steno, Mario Monicelli, Carlo Musso, Ivo Perilli, Vincenzo Talarico, Giuseppe Gironda) sind am Drehbuch beteiligt, die Kameraarbeit verrichtet ldo Tonti, die Musik ist von Enzo Masetti komponiert.  Die deutsche Stimme von Silvana Mangano gehört zu Gisela Trowe.

Italienische Erstaufführung im Dezember 1949, in der Bundesrepublik erstmals gezeigt am 2. März 1951 in Frankfurt im Turmpalast sowie  einigen anderen deutschen Städten.