39 Stufen

Illustrierte Filmbühne Nr. 66 (E. S.) – Als im Dezember des Jahres 1947 in Frankfurt der Film die 39 Stufen läuft, erleben die Zuschauer viel Spannung und gute Unterhaltung. Für nur 80 Pfennig in der ersten Reihe  sitzend – im Volksmund auch despektierlich „Rasierstuhl” genannt, weil man sich als Zuschauer bis zum Filmende leicht eine Genickstarre einhandeln kann –, weiß kaum jemand, dass er eines der frühen Meisterwerke des berühmten Alfred Hitchcock sieht. Mehr als der Filmemacher A. H. bleibt den Besuchern ohnehin eine Formulierung aus den Untertiteln in Erinnerung: „Die 39 Stufen sind eine Geheimorganisation ausländischer Spione…” Überaus beeindruckend!

Neununddreissig StufenDoch in der Vorstellung am Nachmittag geht es den Jugendlichen nur um Spaß. Den bekommen auch alle, obwohl es sich ja nicht um eine Krimi-Komödie handelt, sondern um einen Spionage-Thriller. Doch weil es ziemlich aktionsreich auf der Harmonie-Leinwand am Sachsenhäuser Lokalbahnhof zugeht und eine turbulente Verfolgungsszene die andere jagt, bleibt kaum Zeit, sich in der rasanten Handlung zurecht zu finden, zumal ja auch das Geschehen einigermaßen verworren ist und die Hauptdarsteller Robert Donat und Madeleine Carroll – beide Namen sagen dem Publikum nichts – selbst im Dunkeln tappen. Irgendwie scheint der Film aber in die Zeit zu passen.

Wenige Tage vorher, am 6. Dezember, hat die Organisation von Reinhard Gehlen (Vorläufer des BND) in Pullach bei München ihr Quartier aufgeschlagen, und in der sowjetischen Zone wird ebenfalls damit begonnen, Nachrichtendienste zu installieren. Der Kalte Krieg zwischen West- und Ostblock beginnt alle zu umklammern, und in diese Stimmung passt so ein Spionagethriller wie die Faust auf’s Auge, auch wenn das eher zufällig ist, denn der Film ist ja zu dieser Zeit keineswegs aktuell, sondern schon 13 Jahre alt.

Der Name des Regisseurs sagt den jungen Kinogängern zu dieser Zeit überhaupt nichts. Wer in Deutschland soll auch schon wissen, dass der schwergewichtige Engländer zu diesem Zeitpunkt bereits recht bekannte Filme gedreht hat, wie zum Beispiel Geheimagent, Sabotage, Eine Dame verschwindet, Riff-Piraten (in England) sowie Rebecca, Sabotage, Im Schatten des Zweifels, Ich kämpfe um dich, Berüchtigt (Weißes Gift) und Der Fall Paradin (USA). Auch Verdacht, der auch schon in den Kinos hierzulande gezeigt worden ist.

Daten zum Film 

39 Stufen (Illustrierte Filmbühne Nr. 66) ist ein britischer Spionagethriller der Gaumont-British-Pictures von 1935 in Schwarz-Weiß mit deutschen Untertiteln. Unter der Regie von Alfred Hitchcock spielen Robert Donat (Richard Hannay), Madeleine Carroll (Pamela), Lucie Mannheim (Miss Annabella Smith), Godfrey Tearle (der zwielichtiger Professor Jordan), weitere Mitwirkende: Peggy Ashcroft, John Laurie, Helen Haye, Frank Cellier, Wylie Watson. – Weltpremiere Juni 1935 in London. Start in Deutschland am 12. Dezember 1947; gelaufen im Dezember 1947 in der Harmonie.