Der letzte Schleier

Illustrierte Filmbühne Nr. 7 (M. F.) – Einige professionelle Beobachter sehen in dem Film Der letzte Schleier, der 1947 auch in den Frankfurter Wall-Lichtspielen läuft, eine ziemlich „unausgegorene Mischung aus Kitsch, klassischen Musikelementen und  trivialer Psychologie”, andere hingegen finden – in einer differenzierteren Beurteilung –, dass der britische Streifen aus dem Jahr 1945 mit „großem Gespür für dramatische Effekte inszeniert ist und dichte Atmosphäre und viel Spannung transportiert”.

Der letzte SchleierEs ist manchmal schon etwas seltsam, dass in den ersten Jahren nach dem Krieg in den besetzten Zonen von Deutschland einige gewöhnungsbedürftige Streifen angeboten werden. Gerade aus Großbritannien kommen in dieser fast unwirklichen Zeit der Trümmerbeseitigung und der alltäglichen Not sehr düstere und melodramatische Filme in die Kinos. Dabei steht den Menschen tatsächlich eher der Sinn nach leichter Unterhaltung. Sollen (und müssen) die Kinobesucher deswegen getadelt werden, wie es oft geschieht? Wohl kaum. Die  löbliche Absicht, die deutschen Zuschauer der meist recht oberflächlichen UFA-Schmonzetten zu entwöhnen und „Tiefgang” zu vermitteln, gelingt freilich eher selten. Viele Besucher spüren die Absicht und sind eher verstimmt, was vor allem für die Jugend gilt. Das hält natürlich nicht davon ab, sich solche Filme interessiert anzuschauen. In dem englischen Film von 1945 geht es um den Fall der auf dem Weg zu großen Ruhm befindlichen Pianistin Francesca Cunningham (Ann Todd), die stets von der Furcht gepeinigt wird, sie könne ihre Hände verlieren.

Für sie sind ihre Finger aber nicht nur extrem wichtige „Werkzeuge”, sondern sie sieht darin – fast krankhaft – ihre einzig lebensnotwendige Existenzgrundlage. Aus dieser tief verwurzelten Angst vor dem Verlust der Hände resultiert schließlich eine Störung ihres seelischen Gleichgewichts, sie stürzt sich von einer Brücke, wird aber gerettet.

Nur mit intensiver Hilfe des sensiblen Arztes Dr. Larson (Albert Lieven) kann sie schließlich ihr Trauma überwinden. Gleichwohl geht es in dem Drama nicht nur um ein Stück der üblichen Psychoanalyse – es geht vor allem auch um die Beziehungen zwischen den Menschen. Denn einige Kindheitserlebnisse spielen im Leben der Pianistin eine zentrale Rolle, Liebeskonflikte natürlich auch – und die unzugängliche Art ihres Vormundes Nicholas (James Mason) verunsichert sie zusätzlich, obwohl dieser hinter seiner schroffen Abweisung nur seine Zuneigung verbirgt. Trotz einiger Einschränkungen ein durchaus sehenswerter Film.

Daten zum Film

Der letzte Schleier (Illustrierte Filmbühne Nr. 7) heisst im Original The seventh Veil. Der britische Film der Sidney Box-Artus Filmgesellschaft aus dem Jahr 1945 ist auch unter dem Titel Der siebte Schleier gezeigt worden. Als Regisseur ist Compton Bennett tätig; es spielen Ann Todd (als Pianistin Francesca Cunningham), James Mason (als ihr Vormund Nicholas), Herbert Lom (als Psychater Dr. Larson) und Albert Lieven (als Maler Maxwell Leyden). Bei der Oscar-Verleihung 1947 erhält der Film eine Auszeichung für das beste Original-Drehbuch des Ehepaares Sydney und Muriel Box. – Premiere am 18. Oktober 1945 in London; im britischen Sektor von Berlin im Herbst 1946 in den Kinos, in Hamburg im Oktober 1946 im Waterloo. In Frankfurt u. a. in den Wall-Lichtspielen gelaufen.