Die fidele Tankstelle

Illustrierte Filmbühne Nr. 999 (E. S.) – Es ist schon einigermaßen erstaunlich, mit welcher Schlichtheit das deutsche Kinopublikum zu Beginn der Fünfziger Jahre konfrontiert wird. Allerdings werden Klamotten und Schwänke wie Die fidele Tankstelle von den Besuchern auch toleriert und goutiert. Die Nase zu rümpfen, wäre deshalb kaum angebracht. Als der Film zwei Tage vor Silvester 1950 im Frankfurter Turmpalast anläuft, ist der große Saal jedenfalls ausverkauft. 

Die fidele TankstelleDas allgemein übliche Normalbenzin kostet im Jahr 1950 zwischen 50 und 60 Pfennige pro Liter. Doch der Bedarf an Treibstoff steigt ständig, denn mehr Menschen als je zuvor, können sich zu dieser Zeit ein Auto zulegen – immerhin sind zu dieser Zeit schon knapp zwei Millionen Kraftfahrzeuge zugelassen – und diese Vehikel brauchen reichlich „Trinkwasser”.  Kein Wunder, dass nun Herr Alois Hinterholzer (Joe Stöckel), der schlitzohrige Wirt vom Weißen Lamm mit einer Tankstelle direkt an seinem Gasthaus versucht, aus dem natürlichen Bedürfnis der Motoren Kapital zu schlagen. Außerdem möchte er nicht nur Sprit an den Mann zu bringen, sondern auch sein darbendes Gasthaus mit neuem Leben erfüllen. Der Wirt lässt in Erwartung hoher Umsätze seinen Knecht Jakob (Erhard Siedel) zum Tankwart ausbilden und der Dorfschmied Wastl (Beppo Brem) rüstet in der Hoffnung auf zahlreiche defekte Automobile seine Schmiede in eine Reparaturwerkstatt um.

Doch leider werden die hochfliegenden Pläne auf Gewinn schnell zunichte gemacht, denn am Tag der Eröffnung lässt sich kein einziger Autofahrer blicken. Doch als der Fahrer eines voll besetzen Reisebusses anhält, um Kühlwasser nachzufüllen, entfernt der listige Hinterholzer den Verteilerfinger am Bus und bugsiert die Reisegesellschaft umgehend in sein Wirtshaus, währenddessen  Schmied Wastl den angeblichen „Defekt“ zu beheben versucht. Doch plötzlich läuft alles aus dem Ruder…

Die Bayern bestimmen das Geschehen im Film. Die bewährten Joe Stöckel, Beppo Brem, Erhard Siedel in vorderster Front. Doch um es nicht allzu einseitig werden zu lassen, gehören zu der Reisegesellschaft der schwäbische Fahrer Willy Reichert, der Berliner Otto Wernicke, die Rheinländer Jupp Hussels und Karl Napp, der Sachse Hans Hermann Schaufuß sowie der Hesse Karl Luley. Allerlei Gebabbel und Gequatsche also. Im übrigen aber fehlen weder Jodler noch Schuhplattler, weder Bauernhochzeit noch Rauferei. Eine Gaudi wie aus dem Bilderbuch also. Wie drückt es der Berliner Krause salopp aus: „Sepplorgien und jeballtes Brauchtum.“ Zum Verdauen dieser Lustspielplatte gehört freilich – wie eine Kritikerin am nächsten Tag schreibt, „ein Magen wie ein Familienrucksack.“ Das Publikum ist gleichwohl angetan…

Daten zum Film

Die fidele Tankstelle ist ein Schwank aus der Bundesrepublik Deutschland aus dem Jahr 1950. (Produktionsfirma: Richard König) Die Regie in dem 98 Minuten langen Film führen Joe Stöckel und Ferdinand Dörfler. Als Hauptdarsteller sind Joe Stöckel (als Alois Hinterholzer, Wirt vom Weißen Lamm), Hansi Knotek (als seine Tochter Christl), Erhard Siedel (als Tankwart Jakob), Beppo Brem (als der Dorfschmied Wastl), Willy Reichert (als Chauffeur), Otto Wernicke (als Gustav Krause) zu sehen. Weitere Mitwirkende sind Harald Holberg, Inge Egger, Jupp Schmitz, Jupp Hussels, Karl Luley und Michl Lang. Das Drehbuch schreiben Hans H. König und Hans Lacmüller, An der Kamera steht Konstantin Irmen-Tschet, die Musik stammt von Werner Bochmann. – Deutsche Erstaufführung am 4. Dezember 1950, Frankfurter Premiere am  30. Dezember im Turmpalast.