Frau ohne Gewissen

Illustrierte Filmbühne Nr. 690 (E. S.) – Kriminalität existiert in vielen Facetten. Raub, Diebstahl, Betrug, Mord, Korruption – und das sowohl in der Wirklichkeit wie auch im Kino. Auf der Realität beruht jedenfalls eine Meldung von Ende September 1950, der zufolge ein gewisser William O’Brien, Polizeidirektor von New York, zurücktreten muss, weil einige seiner korrupten Beamten der Dienststelle Bestechungsgelder in Millionenhöhe kassiert haben; erfunden ist dagegen der Film Frau ohne Gewissen, der allerdings durchaus auch der Wirklichkeit entsprungen sein könnte.

Frau ohne GewissenIm wahren Leben hat die Jagd nach dem großen Geld schon immer viele schwach werden lassen wie der Bestechungsfall von New York zeigt. Gleiches wird von den Film-Traumfabriken in Hollywood angeboten, doch dort begnügt man sich in der Regel nicht mit Bestechung oder Diebstahl. Mord und Totschlag sind die bevorzugten Themen wie auch Frau ohne Gewissen zeigt. Eine skrupellose Frau, ein Mann, der sich aus falsch verstandener Liebe in einen Mord verstricken lässt und ein väterlicher Versicherungschef bilden die Zutaten zu diesem Film, den ich im September 1950 – passend zu der aktuellen Meldung über die New Yorker Bestechungsaffäre – im Frankfurter Kino Roxy zu sehen bekomme. Schlichte Bestechung spielt in dem Streifen von Paramount freilich keine Rolle; es geht zunächst nur um Versicherungsbetrug und endet schließlich mit Mord in übelster Form.

Phyllis Dietrichson zieht in diesem „Tanz um das Goldene Kalb“ die Fäden. Der Film wird als lange Rückblende gezeigt. Der eigentlich biedere und harmlose Walter Neff (Fred MacMurray), ein Durchschnittsbürger und Versicherungsmensch, spricht gleich zu Beginn – von einer schweren Schussverletzung gezeichnet – ein umfangreiches Geständnis auf Tonband. Es ist eine Beichte für seinen Freund und Vorgesetzten Barton Keyes (Edward G. Robinson).

Neff schildert schonungslos seine Beteiligung an einem Mord. Phyllis Dietrichson (Barbara Stanwyck) hat Neff auf subtile Art und Weise zu ihrem Handlanger bei den Mordplänen gegen den ungeliebten und ihr im Wege stehenden Mann (Tom Powers) gemacht, um eine große Summe Geldes kassieren zu können. Als der Ehemann leblos auf einem Bahngelände aufgefunden wird, scheint der Plan aufzugehen.

Der Tod des Mannes wird zunächst für einen Unfall gehalten. Doch Barton Keyes (Edward G. Robinson), Vorgesetzter und väterlicher Freund von Neff, schöpft bald Verdacht, verdächtigt aber zunächst nur die Witwe des Mordes. Doch dann erkennt er, dass sie einen Mittäter gehabt haben muss. Dass es sein Freund Neff ist, ahnt er (noch) nicht…

Nach einigen Verwicklungen, in denen auch die Stieftochter von Phyllis Dietrichson involviert ist, kommt es zwischen dem inzwischen ernüchterten Neff und seiner Ex-Geliebten zum Showdown. Neff wird angeschossen, sie selbst von ihm getötet. Das Drama nähert sich seinem Ende, denn zum Schluss seines langen Geständnisses will Neff noch einmal fliehen, kommt jedoch mit seiner Wunde nur bis zur Tür und bricht vor den Augen seines Chefs zusammen.

Dieses Kriminaldrama ist höchst beeindruckend. Regisseur Billy Wilder hat hier ohne Zweifel ein Meisterwerk abgeliefert, doch als der Vorhang zugezogen wird im Roxy, sind die meist jugendlichen Zuschauer dann doch eher verstört. Der Film, der zur Gattung der amerikanischen Schwarzen Serie zählt, ist wahrscheinlich für uns alle zu diesem Zeitpunkt von zu subtil-realistischer Brutalität.

Daten zum Film

Frau ohne Gewissen (Illustrierte Filmbühne Nr. 690) mit dem Originaltitel Double Indemnity ist ein Kriminalfilm der Paramount Pictures aus dem Jahr 1944 nach einer Vorlage von James M. Cain. Das Drehbuch stammt von Raymond Chandler und Billy Wilder. Unter der Regie des Letzteren spielen Barbara Stanwyck (als Phyllis Dietrichson), Fred MacMurray (als Walter Neff) und Edward G. Robinson (als Barton Keyes) die Hauptrollen. Die deutschen Stimmen der Stars stammen von Ernst Wilhelm Borchert (Fred MacMurray), Elisabeth Ried (Barbara Stanwyck) und Alfred Balthoff (Edward G. Robinson).

Die Erstaufführung erfolgt am 6. September 1944 in New York City, in Deutschland wird der Film am 6. Juni 1950 erstmals gezeigt, in Frankfurt vom Autor Ende September 1950 im Roxy gesehen.

Zusatzinformationen von Wikipedia: „In den vom American Film Institute zusammengestellten Top-Listen ist Frau ohne Gewissen mehrfach vertreten: Auf Platz 38 (Ausgabe 1998) und Platz 29 (Ausgabe 2007) der 100 besten amerikanischen Filme aller Zeiten, auf Platz 24 der 100 besten amerikanischen Thriller sowie auf Platz 8 der Top 50 der Schurken (Phyllis Dietrichson).”