Die Glocken von St. Marien

Illustrierte Filmbühne Nr. 16  (E. S.) – Vom Sommer bis zum Spätherbst 1947 veröffentlichen die Frankfurter Zeitungen „Rundschau” und „Neue Presse” Berichte über die Rückkehr von sieben Domglocken, die in einem Hamburger Lagerhaus den Krieg überstanden haben. Am gewaltigsten ist die Glocke „Gloriosa”, die immerhin 256 Zentner auf die Waage bringt.

Glocken von St. MarienVon einem Schiff werden die Glocken Mitte Juli im Osthafen angelandet, entladen und unter großer Anteilnahme der Bevölkerung an den Domplatz gebracht. Doch es dauert noch einige Monate, ehe das Geläut wieder seinen Platz im Glockenstuhl einnehmen kann. Und just zu dieser Zeit läuft in der amerikanischen Zone der RKO-Film Die Glocken von St. Marien an. Nach Frankfurt kommt der Streifen im Januar 1948. Zwar sind die realen Glocken von Frankfurt und die filmischen von St. Marien zwei völlig verschiedene Sachen, gleichwohl aber ist die Stimmung  vieler Menschen in der katholischen Dom-Gemeinde durchaus dazu angetan, einen gewissen Zusammenhang  zu erkennen.

Natürlich ist der Film von Hollywood konzipiert, wo solche Filme zwar einen religiösen Anstrich erhalten, aber doch eher als kommerzielle Unterhaltungsware eine Rolle spielen. Auch die Kasse muss schließlich stimmen. Es geht in dem Film um Pater Chuck O’Malley (Bing Crosby), dem Leiter der Katholischen Schule St. Marien, und der eigenwilligen Nonne Mary Benedict (Ingrid Bergman), deren unterschiedlichen Auffassungen über die Erziehungsmethoden immer wieder zu heftigen Konflikten führen.

Eine Tuberkulose-Erkrankung der Schwester und damit zusammenhängende Irritationen führen zu weiteren Streitigkeiten, doch endet der Film am Ende mit einer Art Aussöhnung der beiden Hauptfiguren, wobei der verkündete Optimismus übertrieben schwülstig und nicht immer überzeugend wirkt. Der Film ist trotz einiger „Botschaften” tatsächlich ohne tiefere religiöse Substanz, wirkt nicht immer überzeugend, aber es gibt einen Aspekt, der in diesen Jahren nach dem Krieg das Gesehene anders erscheinen lässt.

Die allseitige Verdrängung des eigenen Elends und das Verlangen, sich von den täglichen Alltagsproblemen der Nachkriegszeit abzulenken, lässt die Menschen in die Unterhaltungstempel strömen, in denen die Produkte der Traumfabriken für ihre Ablenkung sorgen. Und da ist auch tieferes Nachdenken über den Wert eines Films kaum gefragt.

Daten zum Film

Die Glocken von St. Marien (Illustrierte Filmbühne Nr. 16) mit dem Originaltitel The Bells of St. Mary ist ein Melodram der RKO Radio Pictures aus dem Jahr 1945. Unter der Regie von Leo McCarey spielen Bing Crosby (als Pater Cuck OMalley), Ingrid Bergman (als Schwester Mary Benedict). Weitere Mitwirkende sind Henry Travers, Una O’Connor, William Gargan. Deutsche Stimmen: Walter Holten (Bing Crosby), Eva Vaitl (Ingrid Bergman), Margarete Haagen (Una O’Connor), Bum Krüger (Henry Travers). Der ursprünglich 126 Minuten lange Film wird bei seinem Start in Deutschland in einer auf 88 Minuten gekürzten Fassung gezeigt.

Premiere am 6. Dezember 1945 in New York City, Uraufführung am 27. Dezember 1945 in Los Angeles, deutsche Erstaufführung am 1. September 1947 in der US-Zone, in Frankfurt Anfang Januar 1948 im Bieberbau zu sehen.