Schrammeln

Illustrierte Filmbühne Nr. 39  (E. S.) – Schon bald nach dem Ende des Weltkrieges haben in Frankfurt wieder zahlreiche Weinstuben in den Trümmern der Stadt geöffnet. Riart’s Bodega” am Dom ist eine erste Adresse, in der Petersstrasse empfängt das kleine „Juliette” seine Gäste, der „Brückenkeller” an der Obermain-Brücke kredenzt „gepflegte Weine und Unterhaltungsmusik”, in derReblaus in Sachsenhausen klimpert ein immer übertrieben gut aufgelegter Mann sowohl rheinische Schunkel-Lieder als auch Wiener Heurigen-Melodien.

SchrammelnUnd überall in diesen Lokalen – noch ist das knappe Angebot an Speisen und Getränken überschaubar –  ist auch ein kräftiger Schuss Schrammel-Musik dabei. Sie steht unsichtbar auf den noch dürftigen Speisenkarten. Doch was ist das nun eigentlich, diese Schrammel-Musik? Sie gilt Ende des ausgehenden 19. Jahrhunderts als typische Wiener Volksmusik und erhält ihren Namen nach den Geigen spielenden und auch selbst komponierenden Brüdern Johann und Josef Schrammel. Die beiden haben zusammen mit Anton Strohmayer (Gitarre) und Georg Dänzer (Klarinette) ganz Wien im Sturm erobert. Die Männer gelten neben Johann Strauß (Vater und Sohn) als wichtige Repräsentanten der leichteren Musik in Österreich. Deshalb ist es unvermeidbar, dass aus ihrer Lebensgeschichte der Film Schrammeln gemacht wird. Neben dem beachtlichen musikalischem Erfolg werden auch frühere finanzielle Not und  Streitigkeiten zwischen den Beteiligten ausgiebig abgebildet. Als der Film in den Harmonie-Lichtspielen gezeigt wird, strömt das Publikum in Scharen in’s Kino. Die gespielte Musik ist so recht nach dem Geschmack der Menschen in der Nachkriegszeit, um bei gefühlsduseligen Weinliedern Not und Elend der vergangenen Jahre zu vergessen.

Zwar nehmen es die Filmemacher mit der historischen Genauigkeit nicht so genau, gleichwohl aber machen die Herren Paul Hörbiger (Johann Schrammel), Hans Holt (Josef Schrammel) Hans Moser (Anton Strohmayer) und Fritz Imhoff (Georg Dänzer) als Hauptdarsteller (zusammen mit Marte Harell als Fiaker-Milly) eine gute Figur. Dem Publikum werden nicht nur viele volkstümliche Lieder und Walzer serviert, sondern auch Marschmusik – wie im richtigen Leben des Schrammel-Quartetts.

Der Film ist eine so genannte Reprise. Solche noch vor 1945 gedrehten und nach der Kapitulation wieder in die Kinos gebrachten Filme gehen außerordentlich gut und sind ein erfolgreiches Kontrastprogramm zu den vielen schwermütigen Streifen, die zu dieser Zeit aus den USA und England über das große Meer schwimmen. Als Produktionsland für diesen eigentlich österreichischen Film wird Deutschland angegeben, was der Einverleibung des Alpenlandes ins Deutsche Reich 1938 geschuldet ist. Der Streifen ist bereits 1944 erstaufgeführt worden und wird nach Kriegsschluss schnell wieder in die Kinos gehievt.

Daten zum Film

Schrammeln (Illustrierte Filmbühne Nr. 39 und Illustrierter Filmkurier Berlin, Nr. 3354)  ist ein deutsch-österreichischer Musikfilm aus dem Jahr 1944. Unter der Regie von Géza von Bolváry (Drehbuch: Ernst Marischka) agieren Marte Harell (als Fiaker-Milli), Paul Hörbiger (als Johann Schrammel), Hans Holt (als Josef Schrammel), Hans Moser (als Anton Strohmayer) und Fritz Imhoff (als Georg Dänzer). Außerdem spielt auch Fita Benkhoff mit. Die Uraufführung ist am 3. März 1944 in Wien, Wiederaufführung 1947 in der Bi-Zone in Westdeutschland.