Reise nach Marrakesch

Illustrierte Filmbühne Nr. 495  (E. S.)  – Ferienreisen in ferne Länder bilden für die Mehrheit der Westdeutschen im Jahr 1949 immer noch die Ausnahme. Das Geld wird nur selten in einen solchen Urlaub investiert, weil andere Anschaffungen Vorrang haben. Auch die geltenden, straffen Devisenbestimmungen sind hinderlich für den Tourismus. Träumen ist allerdings erlaubt und in einigen Filmen dieser Zeit spielen exotische Kulissen zunehmend eine zentrale Rolle. So auch in Die Reise nach Marrakesch, die ein bisschen wie eine Lobbyarbeit für die sich etablierende Reisebranche wirkt… 

Reise-nach-MarrakeschAm 23. Dezember des Jahres 1949 veröffentlicht die Tageszeitung „Frankfurter Rundschau” eine Notiz, in der es heisst, der Film sei bei der Premiere vor geladenen Gäste in München ausgepfiffen worden. Völlig unmotiviertes Gelächter habe die Vorführung stark beeinträchtigt. Ein Herr Alfred Dahlmann, der Kritiker der „Süddeutschen Zeitung”, wird mit den vernichtenden Worten zitiert, dies sei der schlechteste Film gewesen, den er je gesehen habe. Regisseur Richard Eichberg dagegen mag das alles nicht so recht wahrhaben und vermutet eine „gezielte Störung.”

Außer in München wird der Film zeitgleich auch in Frankfurt bei der Eröffnung des aufgebauten Metro im Schwan nahe der Hauptwache gezeigt  und die Werbung in den Frankfurter Zeitungen lässt sich nicht lumpen: „Der erste deutsche Nachkriegsfilm mit Außenaufnahmen in Nordafrika”.

Das Kino im Steinweg gehört den Brüdern Friedrich und Hellmut Wollenberg, bietet sage und schreibe 1200 Besuchern Platz und kann auf eine lange Tradition zurückblicken. Zuletzt firmierte es als „Ufa-Theater im Schwan”, ehe es bei einem dreitägigen Bombenhagel im März 1944 unterging.

Vor der Premiere wird das Publikum mit launigen Worten von Heinz Erhard und Peter Frankenfeld unterhalten, die beide am Anfang ihrer großen Karrieren stehen. Das schafft eine freundliche Stimmung, außerdem ist der Saal imposant eingerichtet und fast Ehrfurcht gebietend, doch das Gezeigte gefällt auch in Frankfurt nicht allen Besuchern, weil einfach zuviel Melodramatisches zusammengerührt worden ist.

Der Kritiker des noch jungen Boulevardblattes „Abendpost” urteilt zwar nicht so scharf wie sein Münchener Kollege Dahlmann, meint allerdings unumwunden, den Brüdern Wollenberg sei ein besserer Start für ihr Lichtspiel-Theater zu wünschen gewesen. Ungeachtet dessen findet der Streifen durchaus sein Publikum, was vor allem der Tatsache geschuldet ist, dass in diesen Zeiten von den Zuschauern noch so ziemlich alles goutiert wird, was von den wenigen Leinwänden herunter flimmert. Die Menschen streben vor allem nach Ablenkung, Qualität ist da vorerst noch nicht das Maß der Dinge. Und die Bilder aus der Ferne sind ja auch durchaus reizvoll.

Um was geht es in dem Film? Armande (Maria Holst), die Frau des Pariser Chirurgen Colbert (Karl Ludwig Diehl), hat zahlreiche Liebesaffären, wobei sie auch ein Auge auf einen gewissen Jacques wirft, der seinerseits allerdings Armandes Freundin Liliane im Visier hat. Es geht hin und her zwischen den handelten Personen (dazu gehört auch noch der Spekulant Henry Orliac), ehe Jaques mit dem Auto in den Tod rast. Bald erreichen Armande Briefe mit diversen Todesdrohungen. Diese – sie hat schon wieder einen neuen Liebhaber –  gelobt angesichts dieser Drohungen ihrem Mann Besserung bei ihrem Lebenswandel. Doch zu spät,  sie wird von ihrer einst besten Freundin Liliane ermordet.

Ob das alles ein melodramatischer Liebes-, ein Kriminal- oder Abenteuer-Film ist, wird nicht so recht klar. Regisseur Eichberg setzt jedenfalls auf die nordafrikanische Kulisse, was oft genug in der Vergangenheit sich als durchaus erfolgreich erwiesen hat. Es bleibt allerdings der letzte Film von Richard Eichberg, dessen Erfolge Das Indische Grabmal und Der Tiger von Eschnapur (1938) sich nicht wiederholen lassen.

Daten zum Film

Die Reise nach Marrakesch (Illustrierte Filmbühne Nr. 495) trägt in Österreich den Titel Liebesabenteuer in Casablanca und ist ein deutscher Film der Merkur-Produktion im Herzog-Filmverleih aus dem Jahr 1949 von Regisseur Richard Eichberg. Als Darsteller bemühen sich Luise Ullrich (als Liliane), Maria Holst (als Armande), Karl Ludwig Diehl (als Prof. Colbert, Ehemann von Armande), Paul Dahlke (als Spekulant Orliac), Grethe Weiser (als Loulou).

Die Uraufführung ist am 21. Dezember 1949 im neuen Metro im Schwan in Frankfurt; gleichzeitig läuft der Film in weiteren deutschen Städten an, darunter in München. Vom Autor gesehen in Frankfurt am 21. Dezember bei der Premiere im Metro im Schwan.