Die Nacht hat tausend Augen

Illustrierte Filmbühne Nr. 599 (E. S.) – Die Stadt Frankfurt ist zwar nicht zum  westdeutschen Regierungssitz gewählt geworden, gilt jedoch im Jahr 1950 wenigstens als die richtige „Hauptstadt” der US-Verleiher. Die amerikanischen „Major Companies” (MGM, Warner Bros., 20th Century Fox, Paramount, Columbia, Universal RKO und United Artists) haben nach Gründung der Bundesrepublik und DDR sowie der politischen Entwicklung um West-Berlin ihre Quartiere gleich mal  „sicherheitshalber” rund um den Hauptbahnhof aufgeschlagen. Gleichwohl werden viele Filme später als anderswo in die Premierenkinos gebracht. 

1000AugenDas erscheint seltsam, hat aber Gründe. Denn obwohl es zu dieser Zeit mit dem Metro im Schwan, Turmpalast, der Scala, Filmpalast, Bieberbau, Luxor, Eden und Roxy viele Premierenkinos in Frankfurt gibt, entsteht beim reichhaltigen Angebot doch ein  „Stau”. Außerdem sind die Theaterbesitzer vertraglich verpflichtet, bei hoher Zuschauerzahl die Filme um eine, zwei oder gar drei Wochen zu verlängern, was die Konkurrenz auf die Palme bringt, pochen die doch ihrerseits auf fest gebuchte Aufführungstermine. Das birgt einigen Zündstoff in sich und sowohl die Kinos als auch die Verleiher liefern sich deshalb manches Scharmützel. Auch der Film Die Nacht hat tausend Augen findet nach seinem bundesweiten Start an Weihnachten 1949 erst neun Monaten später (am 25. August 1950) den Weg nach Frankfurt. Kurioserweise ist die Zentrale der Paramount, die den  Streifen vermarktet, nur knapp zwei Kilometer Luftlinie vom Roxy-Kino entfernt, das den Film in Erstaufführung zeigt.

In dem Film spielen Edward G. Robinson und Gail Russell, die zu dieser Zeit als schönste Frau Hollywoods gilt, die Hauptrollen. Im Mittelpunkt der mysteriösen Handlung steht der Gaukler und Hellseher John Triton. Eines Tages, so erzählt der Film in Rückblenden, erkennt der über  Jahrmärkte und Varietés tingelnde John Triton, dass er keineswegs ein Schwindler ist, wie er selbst jahrelang glaubte, sondern tatsächlich die Fähigkeit besitzt, Ereignisse im voraus zu sehen. Diese Entdeckung verändert sein Leben grundlegend und er selbst stirbt später bei einer Schiesserei durch die Polizei, die ihn irrtümlich für einen Mörder hält.

Die Vorgänge sind aufgrund der Rückblenden nicht immer leicht zu verstehen, doch wird stets die Spannung aufrecht erhalten und die melodramatischen Akzente werden angereichert durch eine durchweg glaubwürdige, psychologische Erklärung der irritierenden Vorgänge. So ist der Film sowohl melodramatisch als auch mysteriös.

Daten zum Film

Die Nacht hat tausend Augen (Illustrierte Filmbühne Nr. 599) mit dem Originaltitel The Night has a thousand Eyes ist eine amerikanische Literaturverfilmung der Paramount aus dem Jahr 1948 nach einer Vorlage von Cornell Woolrich. Unter der Regie von John Farrow spielen Edward G. Robinson (als Hellseher John Triton), Gail Russell (als Millionenerbin Jean Courtland), John Lund (als Elliot), weitere Mitwirkende sind William Demarest und Virginia Bruce. Die deutschen Stimmen kommen von Alfred Balthoff (Edward G. Robinson), Ruth Piepho (Gail Russell), Siegmar Schneider (John Lund) und Arnold Marquis (William Demarest).

Die Erstaufführungen sind am 13. Oktober 1948 in New York City, am 23. Dezember 1949 in der Bundesrepublik Deutschland, in Frankfurt am 25. August 1950 im Roxy, dort vom Autor gesehen am 27. August.