Die Sünderin

Illustrierte Filmbühne Nr. 1030 und DNF (E. S.) – Wieder einmal gibt es in Frankfurt großen Starrummel. Zur deutschen Erstaufführung des Films Die Sünderin im Turmpalast erscheinen der Regisseur Willi Forst sowie die Hauptdarsteller Hildegard Knef und Gustav Fröhlich. Alle drei verneigen sich artig vor einen Beifall klatschenden Publikum, doch bei den Pressegesprächen kommt auch reichlich Frust auf. Vor allem Forst gibt sich pikiert, weil sein Werk bei der Freiwilligen Filmkontrolle in Wiesbaden zunächst durchgefallen ist.

Die SünderinWilli Forst bittet die Journalisten eindringlich darum, ihn in der Wirrnis des deutschen Nachkriegsfilms nun „nicht im Stich zu lassen”. Täte man dies, dann würde es in Zukunft wohl nur noch „Das Dritte Schwarzwaldmädel von rechts” geben. Der Verdruss des Regisseurs ist durchaus verständlich. Der Österreicher hat schon bei den Vorbereitungen der Dreharbeiten erfahren müssen, dass das Thema seines Films nicht überall wohlgelitten ist. Forst will den Film ursprünglich in München realisieren, muss jedoch kurzfristig in die Studios der Jungen Filmunion nach Bendestorf  bei Hamburg ausweichen, da ihm in Bayern aufgrund des strittigen Filmthemas kein Atelier zur Verfügung gestellt wird. Weil in der Lüneburger Heide die Dreharbeiten dann ohne größere Aufmerksamkeit verlaufen, ahnt er nicht, dass sein Film bald Schlagzeilen in Deutschland verursachen wird. Die Aufregung um den melodramatischen Streifen beginnt drei Tage vor der geplanten Premiere am 18. Januar.

Weil der Herzog-Verleih den Film zu spät bei der Freiwilligen Selbstkontrolle (FSK) in Wiesbaden eingereicht hat, wird Die Sünderin erst am 15. Januar begutachtet. Die Mitglieder dieses Gremium lehnen jedoch die Freigabe des Films einstimmig ab. Vor allem die Vertreter der Evangelischen und Katholischen Kirche erheben Einspruch gegen die Tabuthemen Prostitution, Freitod und Tötung auf Verlangen, stoßen sich allerdings auch an einer kleinen Nacktszene mit Hildegard Knef.

Die Geschichte des Films selbst wird in Rückblenden erzählt: In den frühen Nachkriegsjahren wird dabei ein entwurzeltes Mädchen namens Marina zur Prostituierten, nachdem ihr Halbbruder sie sich zur bezahlten Geliebten genommen hat. Anfangs gefällt ihr das luxuriöse Leben sogar, doch die Liebe zu einem an Gehirntumor erkrankten Maler ändert das Leben der jungen Frau. Sie umsorgt ihn, behebt die finanziellen Probleme durch zeitweilige Rückkehr zu ihrem alten Gewerbe und erspart dem langsam Erblindenden die letzten Qualen, indem sie ihn mit vergiftetem Sekt tötet. Nach einer Rückschau auf ihr Leben folgt sie dem Geliebten ebenfalls  in den Tod. Die Prüfer halten es für nicht akzeptabel, dass die junge Frau die Prostitution „als einen selbstverständlichen Ausweg aus ihrer menschlichen und wirtschaftlichen Notlage wählt.“

Nach dem Verdikt aus Wiesbaden setzen Produktions- und  Verleihfirma am 16. Januar eine FSK-Krisensitzung durch. Dabei äußert Regisseur Willi Forst, sein Film sei ein Kunstwerk und er fasse die Entscheidung des Bewertungsausschusses als persönliche Beleidigung auf. Er verlangt die völlige Revision der Entscheidung. Als die FSK seine Forderung ablehnt, verlässt Forst erregt die Konferenz. Produzent Rolf Meyer droht damit, die Entscheidung zu übergehen und die FSK, die nicht auf einer gesetzlichen Grundlage, sondern nur aufgrund brancheninterner Absprache arbeitet, öffentlich bloßzustellen. Schließlich setzen sich die Vertreter der Filmindustrie im FSK-Hauptausschuss durch und erzwingen die Freigabe für den umstrittenen Film.

Frankfurter Rekordbesuch im Turmpalast

Gleichwohl sind die meisten professionellen Kritiker am Premierentag eher enttäuscht vom filmischen Melodram, das Publikum aber goutiert den Streifen, zumal sich sehr schnell herumgesprochen hat, Hildegard Knef sei nackt zu sehen. In Frankfurt werden im Turmpalast in 20 Tagen einer FAZ-Notiz  vom 8. Februar 1951 zufolge 73 593 Zuschauer gezählt, ein Besucherrekord für die Mainmetropole. Der Film wird deshalb um eine weitere Woche prolongiert.

Die in den nächsten Tagen und Wochen verstärkt einsetzende Agitation (insbesondere der Kirchen) gegen den Film verhilft ihm zu noch größerer Popularität; allerdings auch zu noch heftigerer Ablehnung von Seiten seiner Gegner. Es kommt zu Demonstrationen gegen die Aufführung, Pfarrer beider Konfessionen wettern von den Kanzeln gegen „das Machwerk”, der Kölner Kardinal Frings lässt einen Hirtenbrief gegen den Streifen verbreiten, auch Politiker springen auf den Zug auf und verteilten Flugblätter, auf denen zu lesen ist, der Film sei ein Faustschlag ins Gesicht jeder anständigen deutschen Frau! Und heuchlerisch wird gefragt: „Hurerei und Selbstmord! Sollen das die Ideale eines Volkes sein?“

Tränengas und Niespulver

In einem Frankfurter Kino wird Tränengas zur Explosion gebracht und Niespulver verstreut (Frankfurter Rundschau vom 28. Februar 1951), es kommt zu vorübergehenden polizeilichen Aufführungsverboten, eine Prozess- und Klagelawine bis hin zum Bundesverwaltungsgericht und Bundesgerichtshof wird losgetreten, ehe von den juristischen Gremien – wenn auch recht spät –  klargestellt wird, dass es sich bei der Sünderin um Filmkunst handelt, deren Gut höher einzuschätzen ist als polizeiliche Maßnahmen jedweder Art. Trotz (oder wegen?) der massiven Ablehnung wird der Film innerhalb kurzer Zeit allein in Deutschland von über sieben Millionen Kinobesuchern gesehen.

Klarstellung von Werner Hess

Über Jahre hält sich hartnäckig die Annahme, dass die Ablehnung des Films in erster Linie auf die Nacktszene zurückzuführen gewesen sei. Dieser Version widerspricht Werner Hess, damals als evangelischer Pfarrer aus dem Stadtteil Ginnheim einer der Beteiligten an der ersten FSK-Ablehnung. In einem 1984 in der Broschüre „Kino in der Stadt” erschienenen Beitrag schreibt Hess – zuvor von 1962 bis 1981 Intendant des Hessischen Rundfunks – erläuternd:

„Es ging damals nicht vordringlich um die Szenen, in denen Hildegard Knef unbekleidet dem Maler (Gustav Fröhlich) Modell stand, sondern entscheidend um die Schlusssequenz, wo der nach Sehstörungen erblindete Maler von seiner Geliebten vergifteten Sekt zu trinken erhält und dann mit ihr Selbstmord begeht. Für den ‚Arbeitsausschuss‘ war dies in einer Zeit, als die Prozesse um die sogenannte ‚Euthanasie‘, die Vernichtung des ‚lebensunwerten Lebens‘, die Zeitungen füllten und immer neue Nazi-Gräuel (…) aus den Heilanstalten bekannt wurden, Anlass genug, einstimmig die Vorführung des Films in dieser Fassung abzulehnen.”

Auch wenn der eher liberale Werner Hess die tieferen politischen Aspekte für die Nichtfreigabe des Films in den Vordergrund rückt, ist die erste FSK- Entscheidung doch wohl eher auch dem Anfang der Fünfziger Jahre herrschenden Zeitgeist geschuldet. Zu Beginn der Adenauer-Ära ist die junge Bundesrepublik ein Staat, in dem Engstirnigkeit, Prüderie und Intoleranz das Leben überwuchern. Insofern dürfte sich diese Grundeinstellung auch im Verhalten der FSK-Ausschussmitglieder widergespiegelt haben.

Daten zum Film

Die Sünderin (Illustrierte Filmbühne Nr. 1030 und Das Neue Filmprogramm) ist ein Drama aus dem Jahr 1950, hergestellt in der Bundesrepublik Deutschland von der Jungen Film-Union und der Deutschen Styria  (Produzent Helmuth Volmer) im Verleih der Herzog-Film in einer Länge von 87 Minuten. Unter der Regie von Willi Forst spielen Hildegard Knef (als Martina), Gustav Fröhlich (als Maler Alexander), Robert Meyn (als Martinas Stiefvater), Jochen-Wolfgang Meyn (Martinas Stiefbruder). In weiteren Rollen sind Wera Frydberg, Carl Voscherau, Aenne Bruck, Andreas Wolf, Theo Tecklenburg und Benno Gellenbeck zu sehen. Das Drehbuch schreiben Gerhard Menzel  und Willi Forst nach einer Idee von Willi Forst. An der Kamera steht Václav Vich, die Musik stammt von Theo Mackeben.

Deutsche Erstaufführung am 18. Januar 1951 im Turmpalast in Frankfurt. (Anmerkung: Nachdem der Film von der FSK ursprünglich ab 16 Jahren freigegeben worden war, wurde die Grenze 1957 auf 18 Jahre erhöht; heute ist der Film ab einem Alter von 12 Jahren zugelassen).