Die Waise von Lowood

Illustrierte Filmbühne Nr. 4  (E. S.) – Im Sommer 1947 wird der Film Die Waise von Lowood von der „Motion Pictures Export Association (MPEA)”, der großen Export-Organisation der Major Companies aus den USA, in Zusammenarbeit mit dem US-Militär in die deutschen Kinos gebracht. In den Hauptrollen sind Joan Fontaine  – sie hat gerade kurz vorher in dem Hitchcock-Drama „Rebecca” eine ähnliche Rolle gespielt – sowie Orson Welles zu sehen, doch die Zuschauer in Deutschland haben beim Kampf um das Überleben in der Nachkriegszeit noch ganz andere Sorgen als sich mit einem solch schwermütigen Stoff zu „vergnügen”. 

Waise von LowoodWohl deshalb wird der Film, der immerhin auf dem Roman „Jane Eyre”, einer Perle der Weltliteratur beruht, hierzulande nicht gerade zu einem finanziellen Erfolg und verschwindet bald schon wieder aus den Lichtspielhäusern. Auch in Frankfurt ist der Film inmitten der Trümmerberge nur kurz zu sehen. Dabei ist es eine aufwühlende, aber zugleich auch eine recht romantische Melodramatik, die den im Jahr 1847 erschienenen autobiografischen Roman der britischen Schriftstellerin Charlotte Brontë  – er ist zunächst unter dem männlichen Pseudonym Currer Bell im Verlag „Smith, Elder und Co.” herausgekommen – von der ersten bis zur letzten Seite innewohnt.

Denn nach einer ziemlich freudlosen Jugend in England kommt Jane Eyre als Erzieherin in das Schloss des herrischen Mr. Edward Rochester. Der Hausherr fühlt sich bald zu der intelligenten Gouvernante hingezogen, und auch sie entwickelt Zuneigung zu dem älteren Mann. Doch Rochester verbirgt ein düsteres Geheimnis, was die spröde Liebe der beiden ungleichen Menschen überschattet.

Die Dramatik wird offenbar, als Jane Eyre am Tage ihrer geplanten Hochzeit mit Rochester erfährt, dass dieser noch verheiratet ist und seine unheilbar geisteskranke und zudem gewalttätige Gattin verborgen hält.

Solche thrillerhaft verwobenen Liebesgeschichten sind wie geschaffen für die Filmproduzenten, die immer auf der Suche nach interessanten Stoffen sind und auch niemals den kommerziellen Aspekt aus den Augen verlieren. Schon mehrmals ist der Stoff auf die Leinwände der Welt gebracht worden und im Jahr 1943 versucht sich die „20th Century Fox” in Hollywood an dem Werk. In den USA heisst der Film Jane Eyre, in Deutschland wird er nach dem Untertitel des Romans später Die Waise von Lowood genannt. F. K. Müller, der Kritiker der Zeitung „Frankfurter Neue Presse“, fällt ein vernichtendes Urteil, wobei nicht ganz klar ist, ob er den Roman oder den Film meint. Am 11. Juli 1947 ist über die Frankfurter Vorführung zu lesen:

„Die Waise von Lowood ist eine naive, aufgeblähte Schauerromanze mit sämtlichen nur denkbaren, verstaubten Requisiten behaftet. Sie lässt nichts aus, was die Literatur an tränenwirksamen Effekten je geboten und noch zu bieten hat. alles umfassend, was Dumas, Courths-Mahler und Edgar Wallace ihren Sensationen und Gefühlen heischenden Lesern in zahlreichen Büchern verabreichten.“

Daten zum Film 

Die Waise von Lowood (Illustrierte Filmbühne Nr. 4) mit dem Originaltitel Jane Eyre ist eine 98 Minuten lange Literaturverfilmung der 20th Century Fox aus dem Jahr 1943. Unter der Regie von Robert Stevenson spielen Joan Fontaine (als Erzieherin Jane Eyre), Orson Welles (als Schlossherr Edward Rochester). Außerdem wirken mit: Margaret O’Brien, Henry Daniell, John Sutton. In einer kleinen Nebenrolle ist Elizabeth Taylor in einer Kinderrolle zu sehen. Am Drehbuch schreibt auch neben Regisseur Stenson der bekannte Schriftsteller Aldous Huxley. Die Kamera führt George Barnes, die Musik ist von Bernard Herrmann komponiert.

Erstaufführungen: Am Heiligen Abend 1943 (24. Dezember) in London, am 3. Februar 1944 in der New Yorker Radio Music Hall, im Juli 1947 in der amerikanischen Zone in Westdeutschland, darunter auch in der Schauburg und Harmonie. Der Film ist in deutscher Sprache zu sehen, die Sprecher sind dem Autor jedoch nicht bekannt.