Die Wendeltreppe

Illustrierte Filmbühne Nr. 58   E. S.) Es geht oft  kriminell zu in den ersten Nachkriegsjahren in Frankfurt. Schieber beherrschen das zertrümmerte Stadtbild, die Zeitungen „Frankfurter Rundschau” und „Neue Presse” berichten fast ständig über „einfache“ kriminelle Handlungen, aber auch oft genug über Mord und Totschlag.

Die WendeltreppeEin Schwarzhändler wird zum Beispiel im Westend erschossen, ein anderer Mann läuft im Bahnhofsviertel Amok und tötet dabei drei unschuldige Passanten; und nahe der Dreikönigskirche in Alt-Sachsenhausen findet die Polizei eine alte Frau erschlagen in ihrem uralten, kleinen Haus. Doch die jugendlichen Täter werden schon einen Tag nach dem üblen Überfall am Bahnhof in Hanau gefasst und der amerikanische Kriminalreißer Die Wendeltreppe spielt offensichtlich eine Rolle bei dem Verbrechen, denn eine junge  Mitwisserin des Totschlages behauptet nach einem Zeitungsbericht bei der Vernehmung ziemlich schuldbewusst: „An allem war nur die Wendeltreppe schuld!”

In der Schule diskutieren wir den Überfall, wir alle glauben, dass sich das junge Mädchen bei ihrer Aussage auf den gerade angelaufenen Kriminalreißer bezieht, in dessen Mittelpunkt ein psychopathischer Serienmörder steht.

Dass die Erschlagene ganz in der Nähe der meisten von uns gewohnt hat und wir sie fast alle vom Sehen kennen, beschäftigt uns besonders, denn keine 300 Meter entfernt von unsrem Treffpunkt hat sie in ihrem alten, verfallenen Haus gelebt. Die Alte gilt zwar als absonderlich, verschroben und zwielichtig, macht auch dunkle Geschäfte, aber an einen möglichen Raubmord hat niemand von uns gedacht. Irgendwie lässt uns das erschauern, genauso wie es uns im Film Die Wendeltreppe ergeht.

In dem Thriller hat es der Täter, ein gewisser Professor Warren, auf behinderte Frauen abgesehen, weil er das Schwache in der Welt ausrotten möchte – und nachdem er schon aus Eifersucht seine Sekretärin ermordet hat, will er bald danach auch die stumme Hausangestellte Helen erwürgen, doch Immerhin entgeht Helen dem Wahnwitzigen, weil die eigene Mutter den Mörder zuvor erschießt.

Der Film hat eine beängstigende Übereinstimmung mit der deutschen Geschichte vor 1945. Denn auch in der Nazi-Zeit wurde die Warren-Ideologie vom „unwerten Leben” verfolgt. Gleichwohl haben sich die Menschen trotz der Kriegsschrecken noch nicht an Würger gewöhnt, wie sie im Film dargestellt werden.

Davon abgesehen, machen die knarrenden Türen, die wehenden Vorhänge in der Düsternis­ des Hauses den Film zu einen Psychothriller mit klassischen Grusel-Zutaten. Besonders die Großaufnahmen, die das Auge des Mörders in nahe herangezoomte Großaufnahmen auf die Leinwand bringen, trägt dazu bei, dass Die Wendeltreppe vielen Menschen in den westdeutschen Städten den Schlaf raubt.

Daten zum Film 

Die Wendeltreppe (Illustrierte Filmbühne Nr. 58, abgebildet ist die erste und zweite  Version) mit dem Originaltitel The Spiral Staircase ist ein amerikanischer Thriller (RKO Pictures) aus dem Jahr 1945 nach einem Roman von Ethel Lina White. Regie führt Robert Siodmak, die Darsteller sind Dorothy McGuire (als stummes Hausmädchen Helen), George Brent (als psychopathischer Mörder Prof. Warren). Weitere Mitwirkende: Ethel Barrymore, Rhonda Fleming, Ken Smith, Elsa Lanchester. – Deutsche Stimmen: Charlotte Radspieler (Helen), Harry Giese (Warren). Erstaufführungen: 6. Februar 1946 in New York City, 5. Januar 1948 (amerikanische, britische, französische Zone) und auch in Frankfurt am Main, zu sehen u.a. im April 1949 in den Nidda-Lichtspielen.