Titanic

Illustrierte Filmbühne Nr. 628*  (© E. S.)–  Ein freundlicher Bekannter schreibt mir eine Karte und empfiehlt dringend einen Kino-Besuch. In den Stuttgarter Planie-Lichtspielen ist am 7. Februar 1950 erstmals in Deutschland der Film Titanic gezeigt worden. Und viele  Menschen hätten sich „an der Kasse gedrängelt”, so der junge Mann in seiner kurzen Nachricht, und abgesehen von der lauen Handlung sei der Untergang „beeindruckend und sehenswert” verfilmt.

TitanicAls der Film eine Woche nach der Stuttgarter Aufführung im Februar 1950 im Frankfurter Filmpalast läuft, steht deshalb die Darstellung dieser Katastrophe im Mittelpunkt meines Interesses. Die Trickaufnahmen sind gelungen. Das dramatische Geschehen nach der Kollision mit dem Eisberg im Nordatlantik fesselt alle im großen Saal, ist es doch mehr als bequem, sich im Kinosessel zu räkeln, anstatt real im eisigen Atlantik zu ertrinken. Gesellschaftliches Treiben auf dem Schiff und die Rolle von Kapitän Edward J. Smith dagegen wird nur am Rande wahrgenommen.

Einige Wochen nach meinen Kinobesuch verfügen die Alliierten Hochkommissare der USA, Großbritanniens und Frankreichs am 29. März 1950 dann überraschend ein Verbot des Films zum 1. April. Die von der Freiwilligen Selbstkontrolle der deutschen Filmwirtschaft (FSK) mit einigen Auflagen erteilte Freigabe wird damit außer Kraft gesetzt. Dieser Vorgang veranlasst mich, etwas genauer nach den Gründen für das Verbot zu fragen. Was hat die Hochkommissare bewogen, so konsequent zu reagieren?

In unserer Abo-Zeitung finde ich einige Antworten. Die offene, antibritische Grundhaltung des Films aus der Nazizeit stösst zu dieser Zeit sauer auf. Etwas simpel gesagt, werden wohlhabende Engländer gerettet, deutsche Passagiere jedoch ihrem Schicksal überlassen. Diese undifferenzierte Betrachtung in Verbindung mit den „passenden” Dialogen ärgert und beleidigt die Briten und auf deren Druck bei den Co-Partnern USA und Frankreich – so wird übereinstimmend berichtet –  wird der Film aus den Kinos verbannt. Selbst Churchill soll interveniert haben.

Tatsächlich ist die subtil vorgetragene Hetze gegen Großbritannien unüberseh- und hörbar und auch mir im Kino bei aller Begeisterung nicht entgangen. Vor allem der Abspann mit dem Pauschalvorwurf, England hätte aus Profitgier die Katastrophe verursacht, ist höchst problematisch, da doch vor allem persönliche Gier dabei Pate stand.  Als der Film Anfang der Vierziger Jahre konzipiert wird, verspricht sich Goebbels von solchen Einlassungen noch entsprechende propagandistische Wirkung, doch als der Streifen 1943 zur Vorführung bereit ist, haben sich die Verhältnisse in Deutschland entscheidend verändert.

Die Bevölkerung wird mit schweren Bombenangriffen auf deutsche Großstädte konfrontiert, die meisten Männer sind an der Front. Die monatelange Winterschlacht von Stalingrad 1942/43 ist zum Desaster geraten. Goebbels befürchtet deshalb durch die Darstellung einer dramatischen Schiffskatastrophe eine „defätistische” Wirkung bei den eigenen Zuschauern. Der Film fällt in Ungnade. Allerdings läuft der Streifen im Ausland: so erfolgt die Premiere zum Beispiel 1943 im besetzten Paris.

Wie ich bei meinen Nachfragen erfahre, überschattet ein anderer tragischer Aspekt den Film: Regisseur Herbert Selpin ist aufgrund einer Denunziation wegen negativer Äußerungen über deutsche Wehrmachtsangehörige noch während der Dreharbeiten verhaftet worden. Am 1. August 1942 wird er unter ungeklärten Umständen tot in einer Gestapo-Zelle gefunden. Selbsttötung oder Totschlag? Die Frage bleibt ungeklärt. Und der Film wird von Werner Klingler fertiggestellt.

Daten zum Film

Titanic ist ein deutscher Katastrophenfilm der Tobis aus dem Jahr 1943. Als Regisseure werden Herbert Selpin und Werner Klingler genannt. Als Darsteller agieren Sybille Schmitz (als Sigrid Olynsky), Kirsten Heiberg (als Gloria), Hans Nielsen (als Erster Offizier Petersen), Ernst Fritz Fürbringer (als Sir Bruce Ismay), Karl Schönböck (als John Jacob Astor), Otto Wernicke (als Kapitän Edward J. Smith). Als Maniküre Heidi ist Monika Burg im Einsatz, die später unter dem Namen Claude Farell eine Karriere machen sollte.

Erstaufführungen am 10. November 1943 in Paris, am 12. Dezember 1943 in Helsinki. Am 7. Februar 1950 in den Planie-Lichtspielen in Stuttgart. Frankfurter Start am 14. Februar im Filmpalast; dort gesehen vom Autor am 17. Februar. Am 29. März 1950 von den Alliierten Behörden im Bundesgebiet bis 1955 mit Aufführungsverbot belegt.

* Der abgebildete „Illustrierte Filmkurier” von 1943 trägt die Nummer 3336, das Programm war aber letztendlich Makulatur, da der Film in Deutschland nicht gezeigt wurde.