Arzt und Dämon

Illustrierte Filmbühne Nr. 351  (© E. S.) Ein „Horrorfilm” mit dem Titel Arzt und Dämon wird Anfang August 1949 in Zeitungsinseraten lauthals annonciert, was uns jugendliche Kinogänger allerdings nicht beeindruckt, haben wir doch in den Tagen des Krieges am eigenen Leib erfahren, was Angst und Schrecken im realen Leben bedeutet.

Arzt und DämonDer deutsche Filmstart des MGM-Thrillers ist am 13. Mai mit dem Ende der Berliner Blockade identisch. Auch wenn sich das alltägliche Leben wieder normalisiert und der Wiederaufbau der Stadt nun wieder vorangeht, ist die Zerrissenheit der politischen Lager nicht aufgehoben. Die ständig zunehmende Konfrontation zwischen West und Ost ist beängstigend und schafft  (wenn auch oft unbeabsichtigt) die „Guten” und die „Bösen”. Der Film wirkt deshalb wie eine Parabel auf diese Situation, wenn auch „nur” die Persönlichkeitsspaltung eines Individuums dargestellt wird. Weil der Schriftsteller Robert Louis Stevenson in seinem Roman von 1896 jedoch vor allem die verkrustete, viktorianische Zeit in England thematisiert hat, ist das Ganze doch eher von politischer Relevanz. Der Arzt Dr. Harry Jekyll (Spencer Tracy) glaubt nämlich – ganz anders als die gutbürgerliche, adelige Londoner Gesellschaft – keineswegs an die offiziell verordneten strengen Tugend- und Moralvorstellungen dieser Epoche. Er vertritt vielmehr die Ansicht, sowohl das Gute wie auch das Böse seien in der menschlichen Seele verankert, um sich bei entsprechenden Anlässen Ausdruck zu verschaffen.

Besessen von diesem Gedanken experimentiert der Arzt mit einem von ihm entwickelten Medikament, um dies sichtbar zu machen. Doch Jekyll Selbstversuche haben verheerende Auswirkungen. Der ursprünglich gutmütige Arzt wird als Mr. Hyde zum Monster. Ein Gegenmittel holt ihn zwar zurück in die Normalität, doch mehr und mehr (und unkontrolliert) verwandelt er sich – auch ohne Medikament – in den grausamen Bösewicht, der auch seine attraktive Verlobte Beatrix Emery (Lana Turner) immer mehr erschreckt.

Auch die Barfrau Ivy (Ingrid Bergman) wird von ihm tyrannisiert, hat er doch jede Kontrolle über sich selbst und das Geschehen verloren. Er ermordet seinen zukünftigen Schwiegervater, ehe er selbst von seinem besten Freund getötet wird.

Als ich den Film in kurz nach dem Start in Sachsenhausen sehe, stehen allerdings weder die Persönlichkeitsstrukturen eines Einzelnen noch die Verhaltensweisen einer verkrusteten Gesellschaft im Mittelpunkt meines Interesses, sondern die Arbeit des bewährten Kameramannes Joseph Ruttenberg sowie der Maskenbildner (Jack Dawn) und Tricktechniker (Peter Ballbusch, Warren Newcombe), die es mit Bravour schaffen, das Gesicht des guten Dr. Jekyll immer wieder in die Fratze des bösen Mr. Hyde (und umgekehrt) zu verwandeln.

Daten zum Film 

Arzt und Dämon (u. a. Illustrierte Filmbühne Nr. 351 und Film im Bild) mit dem Originaltitel Dr. Jeykill and Mr. Hyde ist ein Film der MGM (Metro Goldwyn Mayer) aus dem Jahr 1941, beruhend auf dem Roman Der seltsame Fall des Dr. Jekyll und Mr. Hyde von Robert Louis Stevenson. Die Regie hat Victor Fleming, es spielen Spencer Tracy (als der gute Dr. Jekyll und als der böse Mr. Hyde), Lana Turner (als seine Verlobte Beatrix Emery) und Ingrid Bergman (als Barmädchen Ivy Peterson). – Weiter wirken mit: Donald Crisp, Ian Hunter, Barton McLane. Die deutschen Stimmen gehören zu René Deltgen (Spencer Tracy), Eva Vaitl (Ingrid Bergman), Marianne Stanior (Lana Turner).

Die deutsche Erstaufführung ist deutschlandweit am 13. Mai 1949, in Frankfurt am 5. August im Bieberbau.