Du lebst noch 105 Minuten

Illustrierte Filmbühne Nr. 1160 (E. S.) – Eine neurotische und zudem gehbehinderte Frau liegt krank im Bett, sie ist allein in ihrem luxuriösem Haus, sie versucht ihren Mann im Büro zu erreichen… Ihre Dienerschaft hat sie weggeschickt, denn sie erwartet ihren Mann. Doch der kommt nicht. Sie ruft ihn im Büro an… Ein Knacken in der Leitung, unbekannte Männerstimmen besprechen einen Mordplan an einer einsamen Frau im Herzen von New York…

Du-neuFurcht breitet sich aus in ihr. Leona Stevenson (Barbara Stanwyck) hört gebannt zu, noch ahnt sie nicht, dass sie selbst gemeint sein könnte. Sie versucht, telefonisch auf den Mordplan aufmerksam zu machen, 105 Minuten lang, bei der Telefongesellschaft, bei der Polizei, bei ihrem Vater, bei ihrem Arzt – alles erfolglos. In diesem schlimmen Minuten erkennt sie in wachsender Verzweiflung, dass es um sie selbst geht, dass sie selbst das Opfer sein wird… Kurz vor 23.15, der verabredeten Mordzeit, hört sie Schritte auf der Treppe, der gedungene Mörder schleicht sich heran, um die Tat auszuführen, die ihr eigener Ehemann Henry (Burt Lancaster) selbst in Auftrag gegeben hat. Endlich gelingt es ihr, mit Henry zu sprechen, doch es ist zu spät, die Uhr tickt unbarmherzig ihrem Ende entgegen.

In plötzlicher Einsicht rät Henry seiner Frau ans Fenster zu gehen, und um Hilfe zu rufen… Doch sie schafft es nicht mehr. Das Gespräch bricht ab; noch einmal ruft er zurück, am Telefon aber meldet sich eine unbekannte Männerstimme: „Bedaure, falsch verbunden.” (Im Original: „Sorry, wrong number.”). Du lebst noch 105 Minuten ist ein spannender und extrem düsterer Kriminalfilm, bei dem das Mordkomplott nur den Anlass bildet, um eine beklemmende psychologische Studie verzweifelter Menschen im nächtlichen New York zu geben.

Der Film steckt voller Spannung, die durch den unaufhaltsamen und minutiösen Ablauf des Mordplans erreicht wird. Dazwischen zeigen kurze Rückblenden wie es zur eskalierenden Situation überhaupt gekommen ist: die stete Erniedrigung des schlichten, einfachen Mannes in einer Geldehe mit der hysterischen und reichen Frau, sein Bestreben, sich zuerst von ihr auf normale Weise zu lösen, ohne sich jedoch gegen sie und gegen sich selbst durchsetzen zu können, sein Abgleiten in den Sumpf des Verbrechens als letztem Ausweg.

Systemkritische Untertöne

Die Beziehung der Eheleute enthält dabei auch starke systemkritische Untertöne. Auf der einen Seite der maßlos übertriebene Materialismus des Underdogs und die gesellschaftliche Überheblichkeit der Reichen. Barbara Stanwyck (als extrem neurotische Leona Stevenson) gelingt dabei eine herausragende darstellerische Leistung; Burt Lancaster als ihr mörderischer Ehemann Henry erscheint weniger glaubhaft in seiner Rolle des gedemütigten Mannes, der unter dem Joch seiner Frau steht. Dazu ist er – wie auch seine späteren Rollen zeigen, zu durchsetzungsfähig. Vielleicht ist das die einzige Schwäche des Films, der freilich zu Recht als einer der Klassiker des Film noir gilt.

Daten zum Film

Du lebst noch 105 Minuten (Illustrierte Filmbühne Nr. 1160) mit dem amerikanischen Originaltitel Sorry, Wrong Number ist ein Thriller der Paramount aus dem Jahr 1948. In dem 88-minütigen Film nach dem weltberühmten Hörspiel von Lucille Fletcher spielen unter der Regie von Anatole Litvak die Darsteller Barbara Stanwyck (als die kranke Leona Stevenson), Burt Lancaster (als ihr Mann Henry Stevenson), Wendell Corey (als ihr Arzt Dr. Alexander), Ed Begley sr. (als James Cotterell), Harold Vermilyea (als Waldo Evans), William Conrad (als Morano). In weiteren Auftritten sind Leif Erickson und Ann Richards zu sehen. Produzenten sind Hal B. Wallis und Anatole Litvak.

Das Drehbuch stammt von Hörspiel-Autorin Lucille Fletcher, an der Kamera arbeitet Sol Polito, Musikkomposition von Franz Waxman. Deutsche Synchronstimmen von Elisabeth Ried (Barbara Stanwyck), Carl Raddatz (Burt Lancaster), Ernst Schröder (William Conrad), Wolfgang Lukschy (Wendell Corey), Alfred Balthoff (Harold Vermilyea), Walter Suessenguth (Ed Begley sr.). – In den USA erstaufgeführt am 1. September 1948, in der Bundesrepublik am 12. Juni 1951, in Frankfurt ab 29. Juni 1951 im Roxy.