Der Mann, der zweimal leben wollte

 Illustrierte Filmbühne Nr. 859 (E. S.) – Das ist ein absonderlicher Film. Und nur schwer verdauliche Kost. Aber das ist Anfang der Fünfziger Jahre keine Seltenheit. Der deutsche Nachkriegsfilm befindet sich – im Gleichschritt mit politischen Entwicklungen der Adenauer-Ära – in einer Phase, in der die Lehren aus der Vergangenheit oft abgelöst werden werden von Unverbindlichkeit und Rückversicherung nach fast allen Seiten. 

Mann, der 2xaIn der Konsequenz kommen manche Machwerke  an’s Tageslicht. Auch Der Mann, der zweimal leben wollte ist ein nebulöses und sehr unglaubwürdiges Melodram – was sowohl an der Vorlage von Fred Andreas, als auch am Drehbuch von Harald Braun liegen mag. Auch Regisseur Viktor Tourjansky kann dem Ganzen kein Gesicht geben – was freilich bei der Vorlage nicht verwunderlich ist. Nach dem Besuch im Bieberbau bin ich erst einmal gespannt auf die Zeitungskritiken. Und die bestätigen die eigenen Erkenntnisse. Dieter Fritko schreibt am 21. Oktober in der „Frankfurter Rundschau“ mit harschen Worten: “Der Herr Professor (schreitet) einsam in jenen Nebel, der sowohl atmosphärisch als auch gedanklich den Film etwas verworren macht.“  So bekommt der ansonsten großartige Schauspieler Rudolf Forster also sein Fett weg. Ihm wird von Fritko außerdem attestiert, dass er „den soignierten Weltschmerz bis über die Grenze des Glaubhaften“ treibt. Das definitiv vernichtende Urteil: „Zusammen mit der unfilmischen Mimik der Burgtheater-Schule ergeben sich Eindrücke, die zuweilen an die Seelenzustände eines Sekundaners erinnern.“ Dem ist auch von meiner Seite nichts hinzuzufügen.

Es ist einfach die höchst unglaubwürdige Geschichte, die den Film zerstört. Denn Der Mann, der zweimal leben wollte, inszeniert einen Autounfall, um aus seinem ersten Leben als Chefarzt einer großen Klinik zu verschwinden, und ein anderes zu beginnen. Nur weil ihm Frau und Kinder fremd geworden sind und ihn seine Arbeit im Krankenhaus nicht mehr befriedigt? Kaum zu glauben. Weil natürlich auch dieses zweite Leben – zunächst auf einem Fischkutter, dann auf einer Hochalm – nicht so recht gelingen will, schreitet der Herr Professor am Ende ins nebulöse (und völlig absurde) Nichts.

Daten zum Film 

Der Mann, der zweimal leben wollte (Illustrierte Filmbühne Nr. 859) ist ein deutsches Melodram der Neuen Deutschen Filmgesellschaft (NDF) aus dem Jahr 1950. Unter der Regie von Viktor Tourjansky spielen in dem 90 Minute langen Streifen Rudolf Forster (als Professor Hesse), Olga Tschechowa (als seine Frau Irene Hesse), Ilse Steppat (als Oberschwester Hilde), Heidemarie Hatheyer (als Maria Monnard), Rolf von Nauckhoff (als Dr. Ihlenfeld), Marianne Koch (als Katja Hesse). In kleineren Nebenrollen sind Joseph Offenbach und Gunnar Möller zu sehen. Das Drehbuch schreiben Harald Braun und Heinz Pauck nach einer literarischen Vorlage von Fred Andreas, die Musik stammt von Lothar Brühne. – Deutsche Erstaufführung am 15. September 1950; Frankfurter Premiere am 20. Oktober im Bieberbau.