Ekstase

Illustrierte Filmbühne Nr. 903 (E. S.) – Als am 22. Oktober des Jahres 1950 in den Scala-Lichtspielen der österreichische Film Ekstase anläuft, wird die Vorführung vom Klang schriller Trillerpfeifen unterbrochen. Bei den Protestierenden handelt sich um eine christliche Jugendgruppe, die auf diese Weise ihren Unmut über „das Ärgernis dieser Vorführung“ kundtut.

EkstaseDie Scala-Direktion hat zusammen mit dem „Rex“-Filmverleih eine aggressive Werbung betrieben, denn dieser Film war vor 17 Jahren bei seiner Premiere in Prag und Wien ein großes Ereignis. Das ist jedoch weniger dem Inhalt oder der Handlung geschuldet – die Sehnsucht nach einem Kind treibt eine junge Frau nach der Trennung von ihrem Mann zu einem Liebhaber, den sie dann auch verlässt, um nur für das Kind zu leben –, als vielmehr der Tatsache, dass die Hauptdarstellerin Hedy Kiesler in einer zehnminütigen Nackteinstellung – erst beim Baden in einem See, dann im Wald – zu sehen ist und in einer Liebesszene nur ihr erregtes Gesicht präsentiert wird. Das ist 1933 eine große Sensation und Provokation, 1950 aber, nachdem viele Jahre in’s Land gegangen sind, wirkt das ganze mehr als antiquiert. Und die seelischen und körperlichen Nöte der jungen Frau reizen – vor allem nach den Kriegsereignissen – höchstens noch die Lachmuskeln, obwohl Deutschland in den ersten Jahren der Adenauer-Ära von extremer Prüderie geprägt ist – was sich ja unschwer auch am Trillerpfeifen-Protest ablesen lässt.

Immerhin kommt es in Frankfurt kurz nach dem Protest zu einer Diskussion über den Film, an der neben Vertretern der katholischen Jugendorganisation und des Filmverleihs auch Presseleute sowie der Regisseur Gustav Machaty teilnehmen. Machaty macht die Anwesenden darauf aufmerksam, dass die keineswegs freizügige englische Zensur den Film sogar für Kinder zugelassen hat. Und der Verleiher Rex berichtet, die Freiwillige Selbstkontrolle in Wiesbaden sei einmütig der Meinung gewesen, dem Publikum dürfe der Film wegen seiner „künstlerischen Eigenschaften“ hierzulande nicht vorenthalten werden.

Viel Lärm um nichts

Mit anderen Worten erzeugt die Aufführung nur ziemlich „Viel Lärm um nichts!“ Das anfängliche Interesse des Publikums geht auch schnell zurück, zumal mancher Besucher, der aus dem Kino kommt, den an der Kinokasse Stehenden rät: „Gehen Sie nicht rein, es lohnt sich nicht!“

Nach ihrer Emigration, die auch eine Flucht vor ihrem eifersüchtigen Ehemann, dem Waffenfabrikanten Mandl war, der Geschäfte mit den Nazis machte, startete die jüdische Schauspielerin unter dem Namen Hedy Lamarr in Hollywood eine große Karriere. Lange gilt sie als schönste Frau der Welt, viele ihrer Kolleginnen ahmen ihren Mittelscheitel nach.

Daten zum Film

Ekstase (Illustrierte Filmbühne Nr. 903) mit dem Alternativtitel Symphonie der Liebe ist ein Drama aus der Tschechoslowakei und Österreich aus dem Jahr 1932. Hergestellt von der Slavia-Film mit einer Dauer von etwas 80 Minuten, wobei es auf Grund von Kürzungen unterschiedliche Längen gibt. Unter der Regie von Gustav Machaty – er schreibt nach einer Vorlage von Viteslav Nezval auch das Drehbuch – spielen Hedy Kiesler (als Eva Jerman), Zvonimir Rogoz (als Evas Ehemann Emil Jerman), Aribert Moog (als ihr Liebhaber Adam), Leopold Kramer (als ihr Vater), Karel Mácha-Kuca (als Rechtsanwalt), Jirina Steimarová (als Stenotypistin). Als Produzenten werden Franz Horky, Moritz Grinhut und Gustav Machaty genannt. Kameraführung von Jan Stallich, Musik: Giuseppe Becce.

Erstaufführungen am 23. Januar 1933 in Prag, am 18. Februar 1933 in Wien. Deutsche Erstaufführung nach Schnittauflagen am 8. Januar 1935 in den zwei Ufa-Theatern Friedrichstraße und Kurfürstendamm in Berlin, die Wiederaufführung ist 1950 in der Bundesrepublik. Frankfurter Start am 20. Oktober 1950 in der Scala.