Entgleist

Illustrierte Filmbühne Nr. 1085 (E. S.) – Der Titel des Films „Entgleist“, der Anfang April 1951 im Frankfurter Roxy anläuft, ist doppeldeutig. Nicht nur ein Eisenbahnzug entgleist und bringt Leid über die Passagiere, sondern auch die Hauptfigur Helen Ferguson selbst – ohnehin schon mit diversen Problemen konfrontiert – wird aus ihrer Lebensbahn geworfen. 

EntgleistDas ist sechs Jahre nach Ende des Krieges in Deutschland – das tägliche Leben ist immer noch von manchen Mühen gekennzeichnet –, als Film nicht außergewöhnlich dramatisch, aber doch ähnlich dem, was manche Zuschauer selbst als eigene Schicksalsschläge haben verkraften müssen. Und aus diesem eigenem Erleben lässt sich manches besser verstehen. So auch bei diesem Drama, in dem Helen Ferguson (Barbara Stanwyck) – von ihrem brutalen Geliebten Stephan Morle (Lyle Bettger) im schwangeren Zustand verlassen und brutal gedemütigt –, im Zug die ebenfalls schwangere Patricia Harkness (Phyllis Thaxter) kennen lernt. Die junge Frau ist mit ihrem Mann Hugh (Richard Denning) auf der Reise zu dessen Familie. Helen Ferguson probiert gerade spaßeshalber den Ehering der anderen, als es zu einer Zugkatastrophe mit vielen Toten kommt. Wegen des Ringes an ihrem Finger wird sie für Patricia Harkness gehalten, die aber in Wirklichkeit mit ihrem Mann um’s Leben gekommen ist. Für Helen ergibt sich nun die Möglichkeit, mit der Identität von Patricia zu leben. Das wird begünstigt, weil niemand in der Familie Patricia Harkness zuvor gesehen hat.

Helen wird als vermeintliche Frau von Hugh wohlwollend in der Familie aufgenommen und sieht bald die Chance auf ein neues und besseres Leben. Das Baby wird gesund geboren und bald verliebt sich Hughs Bruder Bill (John Lund) in die junge Frau. Doch dann kommt Helens ehemaliger Partner hinter ihr Geheimnis und beginnt sie zu rücksichtslos zu erpressen…

Barbara Stanwyck beherrscht mit ihrem sensiblen Gesicht den ganzen Film; wie sie sich durch das Gestrüpp von Lüge, Tarnung und Erpressung laviert, ehe sie in Bill Harkness (John Lund), dem Bruder des tödlich Verunglückten, einen liebenden Mann findet, ist beeindruckend. Eine Kritikerin schreibt:

„Dieser Streifen, der mit äußerer Dramatik bis zum Rande gefüllt ist, erhält durch die Stanwyck eine Vertiefung, in der auch das scheinbar Unmögliche glaubhaft wirkt.”

Unglücksfälle im wirklichen Leben

Der Film wirkt natürlich auch dann noch auf die Kinobesucher, wenn sie davon lesen oder hören, dass es im realen Leben zu schweren Zugunglücken kommt. Das wirkt dann oft wie ein Spiegel des Films. Noch während Entgleist in den amerikanischen Kinos läuft, fährt zum Beispiel am 2. November 1950 zwischen den Bahnhöfen Kew Gardens und Jamaica in Queens, New York City, ein Personenzug auf einen vor ihm haltenden Güterzug auf. 78 Menschen sterben, 363 werden verletzt. Und nur drei Monate später – am 6. Februar 1951 – rast in New Jersey (USA) ein mit 1100 Reisenden besetzter und außerdem völlig überfüllter Pendlerzug in der Gemeinde Woodbridge mit überhöhter Geschwindigkeit in eine Baustelle. 85 Tote sind zu beklagen, etwa 500 Verletzte müssen in umliegenden Krankenhäusern behandelt werden.

Daten zum Film

Entgleist (Illustrierte Filmbühne Nr. 1085) trägt den Originaltitel
No Man of Her Own und ist ein melodramatischer US-Kriminalfilm der Paramount nach dem Roman „I Married a Dead Man“ des US-amerikanischen Schriftstellers Cornell Woolrich, der im Jahr 1948 unter dem Pseudonym William Irish veröffentlicht wird. Der Film hat eine Länge von 96 Minuten. Als Produzent fungiert Richard Maibaum, Regie führt Mitchell Leisen. Als Darsteller sind Barbara Stanwyck (als Helen Ferguson und Patrice Karkness), John Lund (als Bill Harkness), Phyllis Thaxter (als Patrice Harkness), Richard Denning (als Hugh Harkness), Jane Cowl (als Mrs. Harkness) zu sehen.

Weitere Mitwirkende sind Henry O’Neill (Mr. Harkness) und Lyle Bettger (Stephen Morley). Das Drehbuch schreiben Sally Benson und Catherine Turney, Kameramann ist Daniel L. Fapp, die Musik komponiert Hugo Friedhofer. Die deutsche Synchronstimmen liegen dem Autor nicht vor. – Erstaufgeführt in den USA am 21. Februar 1950; Festpremiere in New York City jedoch erst am 3. Mai 1950. Deutscher Start am 23. März, in Frankfurt am Main erstmals zu sehen am 6. April 1951 im Roxy.