Meine Frau, die Hexe

Illustrierte Filmbühne Nr. 77 (E. S.) – Wer kurz nach Ende des Zweiten Weltkrieges im Frankfurter Stadtteil Bockenheim in der Basaltstraße die amerikanische Komödie Meine Frau die Hexe anschaut  – ein turbulenter Spaß mit der glänzend aufgelegten Hexe Veronica Lake (Jennifer), der unvergessenen Susan Hayward (als Estelle) und dem Charakter-Darsteller Frederic March – bewegt sich auf politisch-historischem Grund, denn hier hat Rosa Luxemburg am 26. September 1913 eine flammende Rede gegen den Ersten Weltkrieg gehalten, worauf sie von den kaiserlichen Behörden umgehend „wegen Aufruhrs” verhaftet wird.

HexeDas Titania hat  eine recht bewegte Vergangenheit, was mir durchaus bewusst ist. Dort, wo ich die hinreissend schöne Hexe zu sehen bekomme, stand seit 1900 eine kleine Eisfabrik – sie belieferte den direkt daneben liegenden Schlachthof – und bald danach entstand erst eine Liederhalle und kurz darauf ein Treffpunkt der Gewerkschaften und Sozialdemokraten mit Bibliothek. Im Jahr 1928 errichtet der Gastwirt Müller ein Kino, modernisiert es 1941 und schliesst den alten Gastraum, um ein grösseres Foyer einzurichten. In den beiden Weltkriegen dient das Titania-Kino zeitweise als Lazarett, nach 1945 – das Gebäude ist bei den Fliegerangriffen fast unversehrt geblieben – werden die Titania-Lichtspiele wieder eröffnet, das Aus kommt Ende der Siebziger Jahre. 1985 nämlich wird das Gebäude von der Katholischen Kirche gekauft, und bald darauf von der Frankfurter Saalbau übernommen und zum Bürgerhaus umfunktioniert. Seit 1997 ist es vorübergehend Spielstätte des Galli-Theaters, ab Oktober 2005 heißt es wieder Titania-Theater und ist seit September 2011 die Heimstatt des „Freien Schauspiel Ensembles Frankfurt”.

In diesem traditionsbeladenen Haus wird der Film Meine Frau die Hexe gespielt. Da die Freiwillige Selbstkontrolle der Filmwirtschaft (FSK) zu dieser Zeit noch nicht installiert ist, ist es für die Jugendlichen der Stadt keineswegs schwierig, sich Filme anzusehen, die später erst ab einem bestimmten Alter freigegeben werden. Ich mache mich von Sachsenhausen im Süden der Stadt auf den Weg zum Titania, was selbst mit der Linie 3, die von der Innenstadt über Bockenheim nach Rödelheim fährt, ein ziemlich weiter Weg durch das immer noch von Trümmerhaufen gezeichnete Frankfurt ist. Bockenheim selbst ist mir nicht ganz unbekannt, schließlich hat meine Familie hier einige Jahre in der Kiesstraße gewohnt – und das Titania kenne ich aus den Erzählungen meines Vaters.

Die romantische Komödie des französischen Regisseurs René Clair – bekanntermaßen ein Meister seines Fachs – brilliert mit Charme, Witz und einer geistreichen Handlung – es ist gewiss ein „Hexenwerk”, doch die meisten Besucher haben ohnehin nur Augen für Veronica Lake.

Daten zum Film 

Meine Frau – Die Hexe (Filmbühne Nr. 7 des ersten Jahrgangs, danach erschienen als Illustrierte Filmbühne Nr. 77) mit dem Originaltitel: I Married a Witch ist eine Schwarzweiß-Komödie der USA aus dem Jahr 1942, hergestellt von United Artists. Produzent und Regisseur ist René Clair. Auf der Leinwand sind Veronica Lake (als Hexe Jennifer), Frederic March (in mehreren Rollen als Jonathan, Nathaniel, Samuel und Wallace Wooley) sowie Susan Hayward (als Estelle Masterson) zu sehen, weitere Mitwirkende sind Robert Benchley sowie Cecil Kellaway).  Die deutsche Stimme von Frederic March kommt von Friedrich Schoenfelder.

Erstaufführungen am 30. Oktober 1942 (USA), am 5. September 1945 in Frankfurt zu sehen.  Am 3. Juni 1949 (synchronisierte Neufassung in der Bundesrepublik Deutschland – wenige Tage nach Gründung der BRD am 23. Mai 1949).