Fahrraddiebe

Illustrierte Filmbühne Nr. 1168 (E. S.) Der Film Fahrraddiebe, der im August 1951 in die deutschen Kinos gekommen ist, weckt bei mir viele Erinnerungen an die erste Nachkriegszeit auch bei uns. Ein intaktes Fahrrad zu besitzen, das war in dieser schwierigen Zeit durchaus ein Privileg: und es gegen diebische Mitmenschen zu verteidigen (und zu behalten) das oberste Gebot.

FahrraddiebeWie wichtig ein solches Vehikel sein konnte, erlebte meine Familie nach dem Krieg im Frühjahr 1946, als es für uns Ausgebombte um eine Rückkehr-Genehmigung nach Frankfurt ging. Durch Erlass des Oberbürgermeisters, und abgesegnet von den Militärbehörden, war das zunächst nämlich untersagt. Für Handwerker wie meinen Vater gab es allerdings Ausnahmen, weil sie zum Wiederaufbau dringend gebraucht wurden. Um darüber mit dem Wohnungsamt zu verhandeln, waren zahlreiche Fahrrad-Touren notwendig, weil in Frankfurt auch längst nicht alle Straßenbahnen verkehrten. Einmal radelten meine Schwester und ich sogar aus dem Westerwald nach Frankfurt, erledigten alle Formalitäten und strampelten am nächsten Tag zurück, nachdem wir bei Bekannten für eine Nacht Unterschlupf gefunden hatten. In solchen Situationen zeigt sich, wie wichtig ein Drahtesel sein konnte. Deshalb war mir die Lage des Plakatklebers Antonio in dem Film so gegenwärtig. Eigene Erlebnisse machen vieles, was anderen widerfährt, verständlicher. Das bezieht sich auch auf Antonio, den Plakatkleber, der in Italien nach dem Zweiten Weltkrieg nach langer Arbeitslosigkeit endlich eine Stelle als Plakatkleber findet.

Doch erst einmal muss seine Frau die Betten versetzen, um das für den Beruf dringend benötigte Fahrrad aus dem Pfandhaus auszulösen. Doch schon am ersten Tag wird Antonio das Rad gestohlen. Die Polizei interessiert sich nicht für den Diebstahl. Als Antonio mit seinem kleinen Sohn Bruno das Rad entdeckt, kann er dem Dieb – genauso mittellos wie er selbst – nichts beweisen. In seiner Verzweiflung beschließt Antonio, nun seinerseits ein Fahrrad zu stehlen, wobei der kleine Bruno, der seinen Vater liebt und achtet, davon nichts erfahren soll…

Der Film machte den italienischen Neorealismus auch bei einem größeren Publikum bekannt und erhielt mehrere Auszeichnungen, darunter 1950 einen „Oscar“ für den besten fremdsprachigen Film.

Daten zum Film

Fahrraddiebe (Illustrierte Filmbühne Nr. 1168) mit dem Originaltitel
Ladri di biciclette ist ein Spielfilm aus Italien von Vittorio de Sica aus dem Jahr 1948. Der Regisseur besetzt alle Rollen mit Laienschauspielern. Lamberto Maggioran (als Vater Antonio Ricci), Enzo Staiola (als sein Sohn Bruno), Lianella Carell (als Brunos Mutter). – Erstaufführungen am 24. November 1948 in Rom und Italien, am 21. August 1951 in der Bundesrepublik Deutschland (u.a. im Bieberbau in Frankfurt am Main).