Film ohne Titel

Illustrierte Filmbühne Nr. 69  (E. S.) Die ersten Monate 1948 werden von recht interessanten Ereignissen begleitet, Ereignissen, die für die Entwicklung in Deutschland von großer Bedeutung für die Zukunft sind. Ein Mann namens Heinrich Nordhoff wird Generaldirektor beim VW-Konzern in Wolfsburg und unter seiner Leitung wird der Käfer zum Auto für breite Bevölkerungsschichten – in Frankfurt am Main nimmt am 1. März zudem die „Bank Deutscher Länder” ihre Arbeit auf, die bald eine zentrale Rolle im Wirtschaftsleben der Westzonen und der Bundesrepublik spielen wird.

Film ohne TitelEnde Januar wird in West-Berlin ein Film ohne Titel uraufgeführt, in dem ebenfalls die komplizierte Kriegs- und Nachkriegszeit eine zentrale Rolle spielt. In Frankfurt wird die Camera-Produktion im neuen Bieberbau an der Hauptwache gezeigt. Worum geht es? Ein Regisseur, ein Drehbuchautor und ein Schauspieler diskutieren darüber, wie ein Film in Nachkriegsdeutschland aussehen könnte und zu gestalten wäre. Der Zufall kommt ihnen dabei zu Hilfe. Denn Als das frische Bauernmädchen Christine (Hildegard Knef) und ihr zukünftiger Ehemann Martin (Hans Söhnker) ihnen einen Besuch abstatten, erzählt der Autor seinen Kollegen (in Rückblenden) die Liebesgeschichte der beiden. Der Regisseur glaubt, hier den idealen Stoff gefunden zu haben, obgleich alle Beteiligen die Situationen für den Film unterschiedlich interpretieren. Ein passendes Ende fehlt allen dreien. Daher müssen Christine und Martin selbst erzählen…

Es ist tatsächlich eine wechselvolle und komplizierte Beziehung, geprägt von den Ereignissen während des Krieges und in der Nachkriegszeit. Als bei der Hochzeit seines Bruders Jochen das Liebespaar Christine und Martin mit den Filmleuten zusammensitzen, sind sich alle einig, dass die hübsche Geschichte aus dem wirklichen Leben kein Thema für eine Verfilmung ist. Das Ganze wird nicht gemacht – und bleibt demnach ein Film ohne Titel.

Der Film weicht deutlich von den so genannten „Trümmerfilmen” ab; die Handschrift von Produzent und Drehbuchautor Helmut Käutner ist deutlich zu spüren. Dazu liefert Rudolf Jugert bei seiner ersten Regie eine solide handwerkliche Arbeit ab. Unter diesen Umständen hebt sich Film mit seinen tragikomischen Zügen wohltuend von anderen Produktionen dieser Zeit ab, in denen meist auf recht oberflächliche  Weise versucht wird, die jüngste Vergangenheit zu „bewältigen”.

Daten zum Film 

Film ohne Titel (Illustrierte Filmbühne Nr. 69) ist ein deutscher SW-Spielfilm aus dem Jahr 1947. – Produktion: Helmut Käutner für Camera-Film (Hamburg). – Verleih: Herzog-Film (britische und amerikanische Zone), Prisma-Film (französische Zone), Sowexportfilm (sowjetische Zone). – Regie: Rudolf Jugert (erste Regiearbeit).  Die Darsteller sind Hans Söhnker (als Architekt und Kunsthändler Martin Delius), Hildegard Knef (als armes und später gut betuchtes Bauernmädchen Christine Fleming), Irene von Meyendorff (als Angelika Rösch, Geschäftspartnerin von Delius). Außerdem dabei: Erich Ponto, Carl Voscherau, Carsta Löck, Willy Fritsch, Margarete Haagen, Werner Finck. – Deutsche Erstaufführungen: 23. Januar (West-Berlin, Marmorhaus), 14. Dezember 1948 (Ost-Berlin).- Im März 1948 im Bieberbau (Frankfurt) aufgeführt.