Die Freibeuterin

Illustrierte Filmbühne Nr. 539 (E. S.) – Als der 42 Jahre alte deutsche Profiboxer Walter Neusel am Sonntag, 19. März 1950, in Berlin gegen den 24jährigen Conny Rux im Ring steht, hat er zweifellos die Schnauze gestrichen voll vom jahrelangen Preisboxen um Börsen, Titel, Pokale. Denn nachdem er vier Runden lang die Schläge von Rux hat über sich ergehen lassen, lässt er sich in der fünften auszählen und erklärt dem überraschten Publikum kurz und knapp: “Ich trete ab.”

Die FreibeuterinNeusel hat also keine Lust mehr auf Schlägereien, was man zu dieser Zeit im Kino von den Westernhelden John Wayne und Randolph Scott nicht unbedingt behaupten kann. In dem Film Die Freibeuterin (später Stahlharte Fäuste) liefern sie sich zum Gaudi eines begeistert johlenden Publikums eine der aufregendsten und spektakulärsten Schlägereien der Western-Geschichte.

Der Film ist schon 1942 gedreht worden und läuft ab 31. Januar 1950 in den deutschen Kinos. Wer Wildwest-Atmosphäre und Abenteuer jedweder Art zu schätzen weiß, kommt jedenfalls vor der Leinwand voll auf seine Kosten, ist doch die „regelfreie“ Prügelei zwischen den Kampfhähnen Wayne und Scott weit interessanter als im Berliner Ring der Faustkampf zwischen den Kontrahenten Walter Neusel und Conny Rux.

Es geht ja im Film auch um spannenderes als nur um drei läppische Kampfminuten bis zum nächsten Gong. Bestechliche Beamte, eine Saloon-Schönheit, raue Goldgräber und sonstiges zwielichtiges Gesindel, das sich in einer kleinen Stadt in Alaska versammelt hat, um im Goldfieber der 1890er Jahre ihre (ehrlichen oder meist unehrlichen) Geschäfte zu machen, prägen das Geschehen.

Es versteht sich von selbst, dass die attraktive Cherry Malotte (Marlene Dietrich) im Mittelpunkt steht, und zwei verfeindete Männer um Macht, aber auch um ihre Gunst buhlen. Der eine ist der ehrenwerte Kapitän Ray Glennister (John Wayne) – er ist von bösen Gangstern um seinen Claim betrogen worden – , der andere der zwar oft durchaus charmant strahlende, aber doch höchst unseriöse und hinterlistige Alexander McNamara (Randolph Scott). Wer am Ende der Prügel-Sieger ist und die schöne Cherry erobert, lässt sich also unschwer schon an dieser Beschreibung erkennen.

Die Goldgräber-Siedlung hat nebenbei bemerkt durchaus viel Ähnlichkeit mit Städten in der deutschen Nachkriegszeit, als das Leben von Schwarzhändlern und anderen dunklen Geschäftemachern geprägt ist. Auch Schlägereien und Schiessereien sind – wie die Zeitungen täglich berichten –, an der Tagesordnung.

Daten zum Film

Die Freibeuterin oder Stahlharte Fäuste (Illustrierte Filmbühne Nr. 539) mit dem Originaltitel The Spoilers ist ein komödiantischer Western nach einem Roman von Rex Beach. Die Freibeuterin aus dem Jahr 1942 (Verleih: Universal) erhält bald nach dem Erscheinen in Deutschland 1950 den  Titel Stahlharte Fäuste, was auch eher dem turbulenten Geschehen entspricht. Unter der Regie von Ray Enright spielen Marlene Dietrich (als Cherry Malotte), Randolph Scott (als Alexander McNamara), John Wayne (als Roy Glennister). Außerdem sind noch Margaret Lindsay, Samuel S. Hinds, Harry Carey und Richard Barthelmess mit von der Partie. Die deutschen Stimmen sind von Gisela Breiderhoff (Marlene Dietrich), Peter Pasetti (John Wayne) und Wolfgang Eichberger (Randolph Scott).

Uraufführung ist am 8. Mai 1942 in den USA, deutsche Erstaufführung am 31. Januar 1950 in mehreren deutschen Städten,  in Frankfurt ab 12. Mai 1950 im Filmpalast zu sehen.