Hafen des Lasters

Illustrierte Filmbühne Nr. 698 (E. S.) – Als ich im Jahr 1951 in den Harmonie-Lichtspielen in Frankfurt-Süd den Spielfilm Hafen des Lasters sehe, werde ich an einen vierwöchigen Besuch in Hamburg erinnert. Meine Bekannten haben sich einen Spaß daraus gemacht, mich trotz meines jugendlichen Alters auf die Reeperbahn zu schleppen und mir dort genüsslich die „sündigste Meile der Welt” vorzuführen.

HafenTrotz leichter Beklemmungen hat mich das Vergnügungsviertel in St. Pauli fasziniert. Die „verruchte” Atmosphäre mit den glitzernden, tanzenden Lichtern, die laute Musik, die düsteren Kneipen, und die vielen Tanzetablissements sind mir ebenso in guter Erinnerung geblieben wie der sehr verstohlene Blick zu den leicht bekleideten Frauen in der Herbertstraße. Aber auch der nahe Hafen, in dem die Frachter aus aller Welt ihre Ladung löschen, die gewaltigen Kräne an den Kais, das hektische Treiben der Hafenarbeiter, die abgemusterten und vorübergehend  arbeitslosen Seemänner auf dem Weg von den Schiffen zum Hamburger Kiez – das sind doch sehr beeindruckende Bilder.

Ähnliches erwarte ich natürlich von einem Film, der als Hafen des Lasters firmiert. Doch von einem Hafen nach St. Pauli-Muster ist nichts zu sehen, der von der Verleihfirma Warner Bros. für Deutschland gewählte Titel für den Gangsterstreifen ist schlicht irreführend. Das amerikanische Original mit der knappen Ortsbezeichnung Key Largo ist treffender und präziser, noch besser ist der spätere Fernseh-Titel Gangster in Key Largo.

Der Illustrierten Filmbühne Nr. 698 sind Details zur Handlung zu entnehmen. Der ehemalige Offizier Frank McCloud  (Humphrey Bogart) besucht nach dem Zweiten Weltkrieg Nora Temple (Lauren Bacall), um sie über den Tod ihres Mannes zu informieren. Doch in dem kleinen Hotel in Key Largo, das Nora zusammen mit ihrem Schwiegervater betreibt, herrscht eine eigenartige Atmosphäre und McCloud erkennt schnell, dass sich eine Gangsterbande unter Führung von Johnny Rocco (Edward G. Robinson) in der Pension eingenistet hat und Inhaber und Gäste gleichermaßen terrorisiert.

Als McCloud von Rocco gezwungen wird, ihn und seine Bande mit dem Boot nach Kuba zu bringen, macht der Ex-Soldat gute Miene zum bösen Spiel, will aber auf dem Meer den Kampf mit den Verbrechern aufnehmen – auch, weil er sich in die schöne, junge Nora verliebt hat.

Erwartungsgemäß kommt es während der Überfahrt und bei stürmischer See zum finalen Schusswechsel, bei dem alle Gangster getötet werden. McCloud kehrt zwar verletzt nach Key Largo zurück, kann sich aber von Nora, die seine Gefühle erwidert, in die Arme nehmen lassen. Dieses Happy-End ist für mich die einzige Schwäche des Films, kann aber schon wegen des Hollywood-„Traumpaares” Bogart-Bacall kaum vermieden werden. Gleichwohl aber macht die differenzierte Darstellung der Hauptpersonen den Streifen von John Huston zu einem atmosphärisch dichten und außergewöhnlich spannenden Ereignis.

Besonders die Typisierung des im Zweiten Weltkrieg illusionslos gewordenen Ex-Soldaten Frank McCloud und noch mehr die rücksichtslose und brutale Verhaltensweise des Verbrechers Johnny Rocco prägen das Geschehen, das allerdings von einem lasterhaften Hafen nach Hamburger Art weit entfernt ist.

Daten zum Film

Hafen des Lasters (Illustrierte Filmbühne Nr. 698) heisst in der amerikanischen Originalfassung von Warner schlicht Key Largo (Produzent: Jerry Wald). Der späterer deutsche Fernsehnamen Gangster in Key Largo ist genauer als der Kino-Titel. Der Gangsterfilm nach einer Vorlage von Maxwell Anderson wird im Jahr 1948 fertiggestellt. Unter der Regie von John Huston spielen Humphrey Bogart (als ehemaliger Soldat Frank McCloud), Lauren Bacall (als junge Witwe Nora Temple), Edward G. Robinson (als Gangsterboss Johnny Rocco), Lionel Barrymore (als James Temple, Vater von Nora) und Claire Trevor (als Gaye Dawn, Geliebte von Rocco). Letztere wird für ihre Rolle 1949 mit einem Oscar als beste Nebendarstellerin ausgezeichnet.

Erstaufführungen sind am 16. Juli 1948 in New York City (Premiere), danach startet der Film am 31. Juli 1948 USA-weit, erste Vorführung in der Bundesrepublik Deutschland am 6. April 1950, Frankfurter Erstaufführung Ende Juni 1951 im Bieberbau. Vom Autor gesehen im Herbst in den Harmonie-Lichtspielen.