Gehetzt

Illustrierte Filmbühne Nr. 1093 (E. S.) Psychologische Differenzierung, dichte Atmosphäre und die analytisch-kritische Darstellung einer aus Dummheit und Engherzigkeit geborenen Massenhysterie machen ihn zum Klassiker seines Genres und zum amerikanischen Gegenstück zu dem dramatischen Streifen „M” (Deutschland 1931).

GehetztGute und spannende Filme starten Anfang der Fünfziger Jahre nicht immer in den Premierentheatern Frankfurts: etwa im Turm- oder Filmpalast oder im Metro im Schwan. Kleinere Verleiher wie etwas die amerikanische United Artists müssen zur Erstaufführung oft in Häuser der zweiten Kategorie ausweichen. Ein Beispiel dafür ist der Film Gehetzt, der erstmals nach dem Krieg für wenige Tage in der Mainmetropole im Hansa und Roxy zu sehen ist. Der Streifen ist schon satte 15 Jahre alt, sein Regisseur heisst Fritz Lang. Von Lang weiß ich zu dieser Zeit nur, dass er in Deutschland mit dem Stummfilm Metropolis (1923) zu Berühmtheit gelangt ist, und 1932 mit „M” einen frühen Tonfilm-Klassiker geschaffen hat – ein Streifen, in dem Peter Lorre als gejagter Mörder eine Glanzleistung abliefert.

Nachdem Lang 1934 über Frankreich in die USA emigriert ist, macht er sich auch dort mit sozialkritischen Filmen einen Namen, wobei er in vielerlei Variationen immer wieder das Thema aufgreift, demzufolge niemand das Recht hat, einen anderen zu verurteilen, weil alle Menschen gleichermaßen Täter und Opfer sind.

Aufgehetzte Menschen

Auch in Gehetzt geht es deshalb um Mord und Totschlag, um Todesstrafe und Justizmacht, um Rache sowie um aufgehetzte Menschen, die für sich das Recht in Anspruch nehmen, über andere zu urteilen und zur Lynchjustiz aufzurufen… In einer amerikanischen Kleinstadt gerät der Kleinkriminelle Eddie Taylor (Henry Fonda) unschuldig in die Mühlen der Justiz. Er wird verdächtigt, einen Bankraub mit sechs Todesopfern begangen zu haben und seine Frau Joan (Sylvia Sydney) rät ihm – im Glauben an die Gerechtigkeit – , sich zu stellen, damit er sich vom Verdacht des Überfalls rein waschen kann.

Doch wegen seiner diversen Vorstrafen hat er keine Chance auf ein faires Verfahren. Ganz im Gegenteil wird Taylor trotz dürftiger Indizien von einem voreingenommen Gerichts zum Tod auf dem Elektrischen Stuhl verurteilt.

Doch noch schuldig geworden

Als in der Nacht vor seiner geplanten Hinrichtung der wahre Täter verhaftet wird, scheint sich alles zum Besten zu wenden. Doch Eddie Taylor hat bereits einen Ausbruch gewagt und tötet just in dem Augenblick, als ihm eine Begnadigung zugerufen wird, den Gefängnispfarrer. Nun ist aus dem Unschuldigen ein Schuldiger geworden, und die Konsequenzen sind absehbar.

Mit seiner schwangeren Frau flieht er, im gestohlenen Auto kommt das Kind zur Welt, das bei der Schwester seiner Frau untergebracht wird. Beide versuchen, das Ausland zu erreichen, doch der erbarmungslosen Hetzjagd des Staatsapparates können sie nicht entkommen, sie sterben im Kugelhagel der Polizei…

Daten zum Film

Gehetzt (Illustrierte Filmbühne Nr. 1093) heisst im Original You Only Live Once, was auch dem späteren deutschen Titel Du lebst nur einmal entspricht. Hergestellt von Walter Wanger für United Artists im Jahr 1936 ist der Kriminalfilm auch der frühen Schwarzen Serie zuzurechnen. Unter der Regie von Fritz Lang spielen in dem 82 Minuten langen Streifen die Darsteller Henry Fonda (als Eddie Taylor), Sylvia Sidney (als Joan Graham) und Barton MacLane (als Rechtsanwalt Stephen Whitney) die Hauptrollen.

Weitere Mitwirkende sind Jerome Cowan, Walter De Palma, Warren Hymer, Chic Sale, John Wray, Margaret Hamilton, Jean Dixon und William Gargan. Das Drehbuch ist verfasst von Gene Towne und Graham Baker, an der Kamera arbeitet Leon Shamroy, Musik komponiert von Alfred Newman. Die deutschen Synchronstimmen gehören zu Paul Edwin Roth (Henry Fonda), Elisabeth Ried (Sylvia Sydney), Hans Emons (Barton McLane). – Erstaufführung in den USA am 29. Januar 1937, am 10. April 1951 in der Bundesrepublik, in Frankfurt ab 18. Mai 1951 im Hansa und Roxy zu sehen.