Große Freiheit Nr. 7

Illustrierte Filmbühne Nr. 289 (E. S.) – Ein Besuch in Offenbach verschlägt mich an (und in) den Gloria-Palast. Dort läuft seit 19. August 1949 Große Freiheit Nr. 7. Es ist ein Farbfilm, der im amourösen und geheimnisvollen St. Pauli und seiner Reeperbahn spielt. Ob sich meine naive Vorstellung von dunklen Kaschemmen, grell geschminkten Frauen und ihren zahlungskräftigen Freiern bestätigt. Schon aus diesem Grund ist ein Kinobesuch geradezu „Pflicht”.

Große Freiheit Nr. 7Hans Albers spielt die Hauptrolle, Ilse Werner ist eine junge Frau, die den ruhelosen Seebären dazu überredet, sich vom Milieu und Rummel auf St. Pauli zu verabschieden und wieder auf einem Schiff anzuheuern. Alles ist umrahmt von Seemannsromantik und viel Gefühlsduselei. Doch stets ist auch ein Hauch von der tristen Realität im Hamburger Vergnügungsviertel zu spüren. Albers aber gefällt mir außerordentlich gut. Er gibt den raubeinigen, aber seelenguten Hannes Kröger. Der mimt im knalligen Vergnügungslokal Hippodrom, das seiner Lebensgefährtin Anita gehört, den Sänger und Anreißer. Doch die „Stimmungskanone” Kröger ist in Wahrheit unglücklich, sehnt sich wieder nach Arbeit auf einem Schiff und den Wellen des Meeres. Viel Seemannsgarn also.

Krögers Unzufriedenheit ist den Lieder zu spüren, die er den halb- oder volltrunkenen Seemännern und den vielen leichten Mädchen singt: „Auf der Reeperbahn, nachts um halb eins” oder „Beim ersten Mal, da tut’s noch weh…” Viele grölen und schunkeln mit. Es herrscht ausgelassene Stimmung. Doch wenn er endlich das legendenumwobene „La Paloma” anstimmt, wird es tiefromantisch… La Paloma! Kein Wunder, wenn dabei die härtesten Seemänner weich werden.

Es hieße Eulen nach Athen zu tragen, näher auf den Film einzugehen. Er ist bekannt genug. Doch dass sich aus den Liedern in Verbindung mit der nüchternen Realität eine starke, authentische Atmosphäre ergibt, ist unübersehbar. Gerade in dieser Mischung liegt der Reiz und die Anziehungskraft des Streifens, der in den letzten Monaten des „Dritten Reiches” unerwünscht war, weil er die Ansprüche der Machthaber nicht erfüllte. Jetzt aber, im Sommer 1949, ist der Film in der Region erst in Offenbach, danach in Frankfurt zu sehen.

Der umtriebige Kinobesitzer in Offenbach lockt die zahlende Kundschaft mit einer besonderen Attraktion. In den Abendvorstellungen singt Schlagerstar Evelyn Künneke. Die Tochter des Operettenkomponisten lebt zu dieser Zeit in Bad Schwalbach, und ihr großer Erfolg „Sing, Nachtigall sing…” hat schon Jahre überdauert. Doch auch die neueren Schlager wie „Barbara, Barbara, komm mit mir nach Afrika” oder „Das gibt es nur in Texas” sind Gassenhauer.  Mit solchen Liedern wird das Publikum eingestimmt auf  einen Film, der das freilich gar nicht braucht, ist er doch intensiv und stimmungsvoll genug. Meine Erwartungen sind voll erfüllt worden.

Daten zum Film 

Große Freiheit Nr. 7 (Illustrierte Filmbühne Nr. 289) ist ein musikalisches Melodram der Terra-Film aus dem Jahr 1943/44, das zwar im Ausland gezeigt wird, aber in den letzten Monaten des „Dritten Reiches” verboten ist und deshalb erst im September 1945 in die Kinos kommt. Unter der Regie von Helmut Käutner, der mit Richard Nicolas auch am Drehbuch mitschreibt, spielen Hans Albers (als ehemaliger Seemann Hannes Kröger), Ilse Werner (als Gisa Häuptlein), Hilde Hildebrand (sie spielt Anita, die Lebensgefährtin von Hannes Kröger), Hans Söhnker (als Georg Willem), Gustav Knuth (als Fiete), Günther Lüders (als Jens). Weitere Mitwirkende sind Helmut Käutner, Ethel Reschke, .

Erstaufführungen am 15. Dezember 1944 in Prag, am 9. September 1945 in West-Berlin. In Offenbach am Main gelaufen ab 19. August 1949 im Gloria-Palast, in Frankfurt erstmals am 11. Oktober 1949 im Bieberbau gezeigt.