Bitterer Reis

Illustrierte Filmbühne Nr. 860 (E. S.) – Bevor der italienische Film Bitterer Reis 1950 in die deutschen Lichtspieltheater kommt, gibt es schon überall in den Medien reichlich Gesprächsstoff in Illustrierten und Magazinen. An den Zeitungskiosken prangen Bilder von Silvana Mangano und hinter vorgehaltener Hand wird mit süffisantem Lächeln nur über ihren Busen geredet.

BittererReisDieses Szenario ist typisch für die krude, verklemmte  Moral in der Bundesrepublik Deutschland. Was den Film Bitterer Reis anbelangt, so steht denn auch bei den meisten Betrachtungen nicht der harte Klassenkampf, die bitterer Armut und die gnadenlos-brutale Ausbeutung der vielen Landarbeiterinnen auf den öden Reisfeldern des Piemont und der nahen Lombardei im Mittelpunkt, es wird dagegen mehr über die leidenschaftlichen Beziehungen von Silvana, Walter, Francesca und Marco geredet. Dass es sich bei diesem Film um eines der besten und filmisch eindrucksvollsten Werke des italienischen Neorealismus (Regie: Giuseppe de Santis) nach dem Zweiten Weltkrieg handelt, und einfühlsam, aber zugleich auch treffend die gesellschaftliche Situation der armen Landbevölkerung behandelt wird, bleibt – abgesehen von einigen ernsthaften Kritikern –, dem deutschen Publikum jedoch weitgehend verborgen. Dabei ist die Kameraarbeit sehr beeindruckend. Passagen von epischer Breite wechseln mit dem Blick weit hinaus über die grauen Reisfelder und die gebeugten Rücken – all dies untermalt mit dem heiterem Gesang der schuftenden Frauen und dem Fluchen der rücksichtslos antreibenden Aufseher.

Außenseiterinnen der Gesellschaft

Wer aber sind diese Frauen? Der in der „Illustrierten Filmbühne“ abgedruckte Begleittext des Schorcht-Verleihs gibt Auskunft. Dort heisst es unter anderem:

„Einmal im Jahr ziehen aus allen Provinzen Italiens arme, meist jüngere Frauen in die Lombardei, in die Ebene des Po. Unter der sengenden Sonne, bis zum Knie im Wasser stehend und von Mückenschwärmen geplagt, arbeiten sie dort um kärglichen Lohn in den Reisfeldern. Diese Mondinas, Bäuerinnen, stellungslose Frauen und Mädchen aus allen möglichen Berufen, Prostituierte und sonstige armselige Außenseiterinnen der menschlichen Gesellschaft, bringen ihre Sitten und Unsitten mit, ihre Tugenden, ihre Laster und ihre Begierden. Am Abend, nach der zermürbenden und eintönigen Arbeitsfron, versuchen sich die Frauen in gemeinsamen Gesängen, Tänzen oder harmlosen Lustbarkeiten zu zerstreuen; zuweilen werden aber natürliche Grenzen auch überschritten. Denn um die primitiven Wohnlager lauern oft verdächtige Gestalten der Unterwelt, Männer ohne Hemmungen und Moral, die sich unter den Reisarbeiterinnen Gefährtinnen und – Opfer suchen.“

Der Atem stockt

Der Film weist so viel Tiefe und Realismus auf, dass dem nüchternen, germanischen Zuschauer mitunter der Atem zu stocken droht. Gleichwohl bleibt vielen Besuchern der Film fremd. Das ist auch kein großes Wunder.  1950 ist das Jahr, in dem die Heimatschnulze „Schwarzwaldmädel” Rekordeinnahmen generiert und sich am Horizont bereits weitere bunt-lustige Folklore-Streifen abzeichnen.

Wer wird sich unter solchen Umständen damit beschäftigen wollen, die vielfältigen gesellschaftspolitische Probleme zu verarbeiten. Das Interesse an der Liebesbeziehung zwischen einer der Reispflückerinnen und einem üblen Ganoven, der sie rücksichtslos ausnutzt, hält sich demnach jedenfalls in Grenzen – noch mehr jedoch die Ausbeutung der Frauen. Das ist für die meisten in Deutschland zu dieser Zeit kein wirklich bewegendes Thema.

Daten zum Film

Bitterer Reis (Illustrierte Filmbühne Nr. 860) mit dem Originaltitel „Riso amaro” ist ein von Dino De Laurentis produziertes und in der ländlichen Arbeitswelt angesiedeltes Drama aus Italien aus dem Jahr 1949. Unter der Regie von Giuseppe de Santis spielen Silvana Mangano (als Silvana), Vittorio Gassman (als Walter), Doris Dowling (als Francesca), Raf Vallone (als Marco). Die deutschen Stimmen kommen von Giselsa Trowe (Silvana Mangano), Friedrich Joloff (Vittorio Gassmann), Max Eckard (Raf Vallone), Elisabeth Ried (Doris Dowling). Die Uraufführung erfolgte am 21. September 1949 in Italien und am 27. Oktober 1950 in der Bundesrepublik Deutschland. Frankfurter Premiere am  7. Dezember 1950 im Turmpalast.